Eine Frage der Persönlichkeit

In der Pressekonferenz vom vergangenen Freitag wurde nicht nur die Unterstützung nunmehr aller Parteien für den Kandidaten Christian Carstensen, sondern auch eine tiefe Entfremdung zwischen der Politik und der Spitze der Verwaltung deutlich. Der Bergedorfer Zeitung hat es gefallen, das als „Front für Carstensen“ zu bezeichnen. Das ist insofern ein seltsamer Sprachgebrauch, als es wenn schon, dann eher eine Front gegen Borchers-Seelig wäre. Im Artikel selbst taucht dann die eigenwillige Interpretation auf, als ob Union und Grüne ihre Entscheidung für Carstensen nicht als Entscheidung gegen Borchers-Seelig verstanden wissen wollten. Allerdings drehte sich die halbe Pressekonferenz um den unsauberen Wahlkampf und die aus Sicht der Parteien fehlende Qualifikation der Kämmerin.

Kriegerische Rhetorik in der Tagespresse

Kriegerische Rhetorik in der Tagespresse

Statt darüber zu berichten, hat man vermutlich aus Gründen der Ausgewogenheit ein Kurzinterview mit der Verwaltungsbeamtin direkt neben den Artikel gesetzt. Die Wortwahl der Fragen verdeutlicht die im blackbekblog bereits vermutete Absicht, aus der Kämmerin eine Art Märtyrerin machen zu wollen. Da ist die Rede von einer „Armada“ gegen die „Einzelkämpferin“ und die Frage, ob sie das als ungerecht empfände. Es wird also ganz im Duktus der Überschrift mit kriegerischer Rhetorik suggeriert, als wäre hier eine zahlenmäßig weit überlegene Streitmacht (armata, lat. für die Bewaffnete) wie weiland die Spanische Armada losgesegelt, das kleine England zu überfallen. Bekanntlich hat damals der Held Sir Francis Drake die Armada geschlagen. Die Tatsache, dass Christian Carstensen ursprünglich von der SPD um seine Kandidatur gebeten wurde und inzwischen – selbstverständlich freiwillig und aktiv von denen ausgehend – von allen Parteien unterstützt wird, liest sich bei der BZ passiv und quasi feige, denn wo Borchers-Seelig alleine kämpft, „lässt Carstensen sich von vier Parteien unterstützen“.

Neue KulturKeine Frage nach den Vorwürfen der Parteien, den Gründen für die mangelnde Unterstützung bzw. sogar breiten Ablehnung der Gegenkandidatin. Kein Thema, dass im Falle der Wahl eine Bürgermeisterin der Verwaltung vorstünde, die kaum ein Stadtverordneter haben will? Stattdessen die softe Frage nach der Motivationslage, natürlich mit dem Hinweis (für die Wähler?), dass es sich nur um 230 Stimmen Stimmen Rückstand handele? Ausgewogenheit ist schön und gut und selbstverständlich müssen alle Kandidaten Raum für ihre Botschaften haben, aber die politische Botschaft dieser Tage lautet, dass die Kämmerin es nicht zuletzt durch ihre Art des Wahlkampfes vermocht hat, alle Parteien gegen sich aufzubringen. Nachdem es ihr überdies gefallen hat, den Gegenkandidaten als ungeeignet bezeichnen zu lassen, erntet sie nun eine öffentliche Diskussion über ihre eigenen fachlichen Fähigkeiten. Das wäre allerdings schon zuvor Aufgabe der Presse gewesen, dem Umstand breiteren Raum zu geben, dass die Kämmerin nicht einmal im Wahlkampf die Kernzahlen des Haushalts parat hat.

Ja, natürlich käme das einer Art Vorentscheidung gleich bzw. wären die Voraussetzungen am Wahltag dann höchst ungleich verteilt. Aber ist es richtiger, in der Presse ein falsches Bild zu zeichnen? Ute Borchers-Seelig hat den fast tragisch anmutenden Fehler gemacht, einer Wahlkampfstrategie zu vertrauen, die ihrer Persönlichkeit, zumindest wie man sie in den vergangenen 2-1/2 Jahren erlebte, so gar nicht entspricht. Was hat sie sich von der Großmäuligkeit, den marktschreierischen Argumenten, der Angabe, den zahllosen Versprechungen in alle Richtungen und nicht zuletzt in der Abwertung der Gegenkandidatinnen versprochen? Gleichzeitig hat sie sich bewusst von allen Parteien abgesetzt, vermutlich um aus ihrer Not eine Tugend zu machen. Sie hat wohl ohnehin nicht mit Unterstützung gerechnet und daher die „Unabhängigkeit“ als Trumpf verkaufen wollen. Bei Licht besehen ist es das nicht und wird auch mehrheitlich nur von den Wählerinnen als solcher missverstanden, die das Amt des Bürgermeisters überschätzen. Wie armselig ein Bürgermeister erscheint, der keine politische Unterstützung mehr erfährt, konnte man in den letzten Jahren an Frank Ruppert erkennen. Der hat letztlich hingeschmissen und auf eine weitere Kandidatur verzichtet, weil er keine Unterstützung mehr hatte. Und nun soll ein Vorteil sein, schon bei der Wahl keine zu haben?

Sind in Schwarzenbek gemeinsam zur Schule gegangen: Bürgervorsteher Konrad Freiberg (SPD) und Hans-Heino Meier (CDU)

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In Wahrheit ist es eine geradezu halsbrecherische Prämisse. Wer jetzt noch der Öffentlichkeit vormacht, als könne es eine gute Idee sein, gegen die Politik und damit in Wahrheit gegen die gewählten Repräsentanten der Wählerinnen Bürgermeisterin werden zu wollen, tut der Stadt und auch der Öffentlichkeit keinen Gefallen. Schwarzenbek benötigt Gemeinsamkeit und die Vorstellung, wir müssten weitere 6 Jahre zähen Kleinkrieg zwischen der Verwaltungsspitze und deren vorgesetzter Institution, nämlich der Stadtverordnetenversammlung erleben, kann einen im Grunde nur zu einer einzigen verantwortbaren Entscheidung führen. Und dabei ginge es noch nicht einmal um den Vergleich der unterschiedlichen Qualifikationen. Den kann man der Kämmerin ersparen. Stattdessen könnte man ihr das – zweifellos unfreiwillige – Verdienst zusprechen, alle Parteien in Schwarzenbek vereint zu haben.

One Response to Eine Frage der Persönlichkeit

  1. Gerhard Möller says:

    Dass ich die Direktwahl der hauptamtlichen Bürgermeister für falsch halte, habe ich schon an anderer Stelle geschrieben. In diesem Fall mache ich davon eine Ausnahme: Es ist zu bezweifeln, dass ohne diesen polarisierenden Wahlkampf der Frau Borchers-Seelig und ihres Teams die politischen Parteien und Wählergruppen in Schwarzenbek sich zur Einigkeit hinsichtlich des zu unterstützenden Kandidaten hätten aufraffen können. Falls die Übereinstimmung in Sachfragen ein Dauerzustand werden sollte, gebührte Frau Borchers-Seelig wenigstens dafür Dank.

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