Endspurt

„Die Welt will belogen werden.“ Jeder Gebrauchtwagenhändler mit Wohnwagenbüro kennt diese Wahrheit und Wahlkämpfer erst recht. Wer zaudert, verliert. So gesehen, dürfte die Bürgermeisterinnen-Wahl bereits entschieden sein, denn hemmungsloser als die amtierende Kämmerin kann man sich nicht selbst anpreisen. In Schwarzenbek kommt allerdings noch eine Qualität hinzu, die man bislang nicht kannte: Erpressung. „Nur durch mich kann die Stadt schuldenfrei werden!“ Bewürben sich die drei Konkurrentinnen mit einer derart angeberischen Phrase, erschienen sie lediglich als wichtigtuerische Prahlhänsinnen. Wenn allerdings die Kassenwartin, die Hüterin des Stadtsäckels, die oberste Sparkommissarin der Stadt im Amt solche Sprüche heraushaut, ist das nichts anderes als eine Nötigung.

Kann alles, weiß alles, darf alles?

Kann alles, weiß alles, darf alles?

Denn was steht zu fürchten, wenn sich die Wählerinnen dieser unverhohlenen Drohung nicht beugen? Borchers-Seelig hat in ihrem Wahlkampf auch sehr deutlich gemacht, dass sie alle Pläne und Vorschläge, ja, alle Lösungen bereits fix und fertig in der Schublade hat. Anstatt diese pflichtschuldig als verbeamtete und hoch besoldete Kämmerin der Stadt bereits vorher zur Anwendung wenigstens vorzuschlagen, behielt sie sie unter dem Deckel. Warum sollte man davon ausgehen, dass sie sich nach etwa verlorener Wahl auf ihre Dienstpflichten besönne und diese Heilmittel nun einbrächte? Sie macht es ganz klar: Nur über sie führt der Weg. Das ist mehr als dreiste Wahlwerbung. Und wenn sie dann auch noch ihre vermeintliche Unabhängigkeit betont, ihre Distanz zu den Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung kann einem nur Angst und Bange werden. Die Chefbuchhalterin macht mit dem Kassenschlüssel in der Hand deutlich, dass sie diesen wegwerfen werde, wenn man ihr nicht auch den Schlüssel zur Stadt überlasse.

Das mag man übertrieben finden, aber der Größenwahn der Quästorin, die gerne Cäsarin werden möchte, kennt auch in ihren anderen Slogans kaum Grenzen. Zudem – und auch das ist ihr Alleinstellungsmerkmal in diesem Wahlkampf – lässt sie in ihrer Art der vergleichenden Wahlwerbung keine Gelegenheit aus, die Gegenkandidatinnen abzuwerten. Die „Fraktionslosigkeit“ betont sie ja gerade aus dem Grund, weil Wladow und Carstensen vermeintlich fraktionsgebunden wären. Ihre erfundene Ausbildung zur Bürgermeisterin setzt alle drei Gegenkandidatinnen herab („Bei mir bedarf es keiner Orientierung und keiner Einarbeitungszeit“), insbesondere aber den bislang in Verwaltungssachen noch relativ unerfahrenen Piossek. Sie scheut sich dabei auch nicht, erfundene Umstände anzuführen: Aufgrund ihres Alters könne sie für zwei Amtszeiten zur Verfügung stehen, spielt sie eindeutig auf Waldow an, die das angeblich – frei erfunden! – nicht könnte.

Wo die Rechnungsführerin jedoch vermeintliche Vorzüge der Konkurrentinnen auszumachen glaubt, hakt sie sofort ein und reklamiert diese ebenfalls für sich. Das geht so weit, dass sie sich auch selbst widerspricht. Natürlich sei sie fachlich, menschlich und überhaupt so etwas von mit der Verwaltung bereits bestens verwoben („Ich habe die Verwaltung hinter mir!“), habe sich aber dennoch den Blick von außen bewahrt. So ist es dann auch kein Wunder, dass sie gleichzeitig für Kontinuität und Neuanfang stehen möchte, für Sparsamkeit und Investition, für Bürgernähe und gegen Bürgerbeteiligung, für Ehrlichkeit und gegen Versprechungen. Bei Letzterem liegt der Widerspruch in ihren zig Versprechungen, die sie nach allen Seiten ausspricht. Selbstverständlich ist kein einziges davon konkret – vielleicht bis auf die Bürger-App, nach der niemand gefragt hat und von der niemand weiß, was das eigentlich sein soll – aber ein Geschmäckle hat das schon, wenn ausgerechnet die Wünsch-dir-was-Kandidatin von sich selbst behauptet, keinerlei Versprechungen zu machen und das als Ehrlichkeit proklamiert.

Von Wahlkämpferinnen mag man gemeinhin nichts anderes erwarten. Und eine Portion Schaumschlägerei muss auch eine Bürgermeisterin draufhaben, schon klar. Ute Borchers-Seelig bewirbt sich jedoch gerade aus dem Amt der Kämmerin, der obersten Buchhalterin der Stadt heraus, um Bürgermeisterin zu werden. Die Frage, wie sie im Falle einer Niederlage das Vertrauen in sie als Kämmerin nicht nur bei ihrer neuen Chefin, sondern auch und gerade bei der Stadtverordnetenversammlung restaurieren will, scheint sie sich angesichts ihrer Wahlkampftaktik der verbrannten Erde eher nicht zu stellen. Aber vielleicht war ja genau das das Kalkül dieser Kampagne: Wenn wir sie nicht wählen, geht sie uns auch als Kämmerin verloren. Nun muss sich jede Wählerin nur eine Frage beantworten: Wäre das ein Nachteil?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: