Die große rote Plasmaleitung

Ein Kleinstadtmärchen

Das Kleinhirn, gleichsam die Stadtverordnetenversammlung im Rathaus unseres Kopfes, koordiniert die Bewegungen und sorgt für das Gleichgewicht. Das Großhirn sitzt etwas weiter oben im Rathaus und hört auf den Namen Frank. Frank hat viele Nervenenden, aber nicht alle sind gleich empfindlich. Ganz besonders sensibel sind die Sinnesorgane, welche Gefahr verkünden und damit sind weniger die Gefahren gemeint, die den Frank umgebenden Körper bedrohen, als vielmehr die unmittelbar mit ihm zusammenhängenden Konsequenzen. Als eines Tages im Juni der Nervus Schroeder meldete, die automatische Nivellierung der großen roten Plasmaleitung müsse schon wieder repariert werden und wenn die endgültig versage, trage Frank persönlich die Verantwortung, war das Hirn in der Zwickmühle. Durch pausenlosen Aderlass hatte es den Körper bereits in die Situation gebracht, aktuell mit 600.000 Sauerstoffatomen weniger auskommen zu müssen. Und nun sollte – Ironie der Geschichte – dieselbe Summe noch einmal abfließen!? Wie sollte Frank sich aus der Affäre ziehen, einem denkenden Wesen erklären zu müssen, dass es auf die zu seiner Versorgung überlebenswichtigen Sauerstoffatome verzichten und noch schneller als ohnehin befürchtet ausbluten muss, um für den Fall plötzlichen Blutverlustes vorübergehend gerettet zu werden? Aber, Moment mal, einem denkenden Wesen? Das konnte die Lösung sein…

Das Adrenalinus Jann als Leukozyt (oder war es umgekehrt)

Nun muss man wissen, dass Frank ziemlich clever ist, er hatte den Job ja nicht umsonst bekommen. So erkannte er rasch, dass hier mit Herz anstatt mit Hirn gearbeitet werden musste. Er beauftragte daher das Hormon Adrenalinus Jann, ohnehin ein dicker Kumpel des Nervus Schroeder, dem Kleinhirn ein wenig emotionalen Druck zu machen. Solches tut man am besten, wenn man die Herzkammern ins Spiel bringt, um den Blutdruck zu steigern. Man muss dazu wissen, dass das Kleinhirn äußerst ungern in Wallung gerät. Zwar ist hoher Blutdruck auch für das Großhirn nicht ungefährlich, aber wer an den Reglern sitzt, hat naturgemäß weniger zu fürchten. Das Kleinhirn kann den Druck nicht kontrollieren. Es sitzt abgeschottet im Hinterkopf und nimmt kaum an der Kommunikation zwischen Rückenmark und Großhirn teil (wenn, dann nur unbewusst) und hat ja auch keine eigenen Wahrnehmungsorgane! Zumeist ist es sehr zufrieden mit seinem Nischendasein, lässt sich von Frank immer wieder gerne seine Wichtigkeit bestätigen und ist still und friedlich, solange für geregelte Blutzufuhr gesorgt ist.

Alle fünf Jahre dürfen alle Zellen des Körpers bestimmen, wer sie im Kleinhirn vertreten soll. Aber der Job erscheint den meisten als ziemlich öde, weil man sich nicht vorstellen kann, wie man sich neben dem Großhirn behaupten soll. Und daher haben die meist schon ziemlich ergrauten Zellen keine großen Befürchtungen, dass sie etwa vor ihrem biologischen Ende bereits ausgetauscht werden könnten. Stirbt schließlich doch mal eine ab, rückt halt eine andere aus dem Stammhirn zum langsamen Sterben nach.  Bei Bluthochdruck macht sich das Kleinhirn aber ganz große Sorgen. Bluthochdruck kann nicht nur zum Schlaganfall und damit zum Massensterben führen. Am Ende merken noch alle, dass man eigentlich ganz nebensächlich und vielleicht sogar verzichtbar ist? Nein, nein, wenigstens der Rest des Körpers sollte das Gefühl behalten, das Kleinhirn habe das Großhirn unter Kontrolle und nicht anders herum.

Nun hatte das Adrenalin bereits vor Monaten dafür gesorgt, dass dem Kleinhirn ein wenig mulmig wurde. In der linken Herzkammer hatte es das Gerücht gestreut, dass in einem fremden Körper im fernen Österreich beinahe zwei weiße Blutkörperchen wegen einer defekten Nivellierung aus der Plasmaleitung gestürzt wären! Mit so einem schönen Beinaheunfall konnte es jetzt nicht dienen. Aber wo Beinahekatastrophen schon Panik erzeugen, kann Eventualversagen den Herzschlag vielleicht auch beschleunigen? Und da hatte das Adrenalin eine Idee. Wann immer die weißen Blutkörperchen in der Plasmaleitung reisen, benutzen sie einen Korb, nicht nur um selbst nicht herauszufallen, sondern auch um verletzte rote Blutkörperchen zu bergen. Und dieser Korb hat ein ganz tolles Gimmick mit nicht weniger tollem Namen: die Nivellierung. Diese automatische Niveauregulierung sorgt dafür, dass der Korb immer schön waagerecht bleibt, denn die Leitung selbst nimmt von -12 bis +70° die putzigsten Neigungswinkel ein und auch wenn die weißen Blutkörperchen aus dem Korb so leicht gar nicht herausfallen können, so aber vielleicht doch ein rotes, verletztes Körperchen.

Wie hat man sich das vorzustellen?

Der Nervus Schroeder behauptete also, dieser Korb, obwohl für teuer Geld angeblich repariert, bleibe dennoch bei 45° hängen. Bei einem über einen Bereich von 80° veränderbarem Winkel der Leitung ist das zwar eine seltsame Aussage, klingt aber schräg genug und das Adrenalin hatte ja auch noch andere Stimmen gesammelt, und zwar ganz unabhängige: Da gab es zum Beispiel eine kleine Zelle aus dem Kleinhirn, die gleichzeitig auch als weißes Blutkörperchen diente oder sogar die vorsitzende Zelle einer ganzen Kleinhirnfraktion, die zwar nicht selbst diente, aber unter Zellteilung den Nervus Schroeder überhaupt erst erschaffen hatte. Beide waren ganz klar für eine neue Plasmaleitung, denn immerhin ging es nicht um Spielzeug. Sogar den Chef des Rückenmarks hatte Adrenalinus Jann befragt. Der verwies zwar auf die Vertraulichkeit, in der das am Abend dieses Tages im Rückenmark beraten werden sollte, wunderte sich aber gar nicht, dass alle irgendwie schon Bescheid wussten. Dieses Tages? Na ja, das Adrenalinus Jann muss ja spätestens am Vortag gefragt haben, denn so schnell gehen die Meldungen in der Blutbahn dann doch nicht herum, egal wie stark die Kammern pumpen. Apropos Meldungen: Normalerweise werden die von zwei Thrombozyten gemacht. Da die weder über Zellkerne, noch über Erbinformationen verfügen, gerinnt noch jedes Leck. Jetzt sollte der Körper ja aber bluten und daher musste das Hormon Jann ran.

Und so kam die Information am Abend ganz überraschend im Rückenmark an: Rote Blutkörperchen in Gefahr, da die Plasmaleitung defekt ist! Weiße Blutkörperchen bei Rettungsversuchen selbst in Lebensgefahr! Genügend Sauerstoff für sofortige Ersatzbeschaffung nur noch kurzfristig verfügbar! Das war natürlich wie eine Alarmmeldung bei der Feuerwehr. Da gibt es auch kein Zögern und Zaudern, sondern eine Ausrückeordnung: Alle Mann auf die Gefährte und ab mit Lalülala! Hinterher war es vielleicht ein Falschalarm, aber was, wenn nicht? Na, eben. So schön einfach hatte man sich das gedacht und funktionierte es dann auch. Das Rückenmark reagierte reflexartig und Großhirn Frank war aus dem Schneider. Zwei Tage später, das ist die normale Blutbahnreaktionsfrist, erfolgte dann auch die Meldung über den Vollzug, aber dieses Mal natürlich nicht mehr vom Adrenalin gesteuert, sondern wie üblich von einem Thrombozyten verbreitet. Denn jetzt sollte die Wunde ja möglichst schnell verkleben. Alles gut, alles richtig gemacht. Frank war beruhigt und entspannte sich.

Solange der Chef im Hause ist, hat er alles unter Kontrolle. Aber wehe, wenn das Kleinhirn auf sich selbst gestellt ist!

Allerdings hat man einen Fehler gemacht. Charlie, der Chef des Rückenmarks, hatte zwar für den Reflex gesorgt, die Ausführung aber seinen kleinen Helferzellen überlassen. Als Chef weiß man eigentlich, dass man lieber selbst machen sollte, was gut werden soll, aber als Rückenmark hast du nicht unbedingt eine Menge Phantasie. Derer hätte es bedurft, um vorherzusehen, dass ausgerechnet noch so eine bipolare Zelle aus Kleinhirn und Rückenmark so etwas wie einen Tumor verursachte. Ein solcher entsteht, wenn Informationen aus dem zentralen Nervensystem unkontrolliert in den Körper gelangen. Da helfen dann auch keine weißen Blutkörperchen und keine Thrombozyten mehr. Dieser sogenannte Stribrny-Defekt verursachte einen direkten Kurzschluss zwischen Kleinhirn und Rückenmark mit anschließend schwerer Schädigung des Frontallappens. Solcher führt, wie wir alle wissen, zu gravierenden Symptomen:

  • ungenügende Berücksichtigung von Handlungskonsequenzen,
  • Haften an (irrelevanten) Details,
  • mangelnde Abstimmung auf aktuelle Erfordernisse,
  • ungenügende Regelbeachtung sowie Regelverstöße

Und wenn so ein Konstrukt mal auffliegt und anschließend alle aufgeregt durcheinander plappern, weil die Nummer natürlich gerade dann bekannt wird, wenn das Großhirn im Urlaub ist und ausgerechnet ein Ersatzmann aus dem Kleinhirn die Stellvertretung übernommen hat, dann passiert das eigentlich Undenkbare: Einer Anweisung aus dem Rückenmark wird widersprochen! Man stelle sich das vor: Der Körper stolpert und fällt. Das zentrale Nervensystem beschließt: Sofort Hände ausfahren und Sturz mit den Armen abfangen! Und dann funkt das Kleinhirn dazwischen, weil es befürchtet, der Sturz könnte zu hart, die Hände und/oder die Arme gebrochen werden? Tja, wenn man das zulässt, fällt man eben ungebremst auf die Schnauze. Quod erat demonstrandum.

7 Responses to Die große rote Plasmaleitung

  1. U. B. says:

    Hallo Herr Borchelt,

    jetzt kenne ich endlich die Zusammenhänge zwischen Klein- und Großhirn, Blutdruck und Leukozyten. Vielen Dank! In meiner Schulzeit hätten Sie mir in Biologie mit diesem Artikel von einer 4 auf eine 3 geholfen 😉

    Aber mal im Ernst: ob sich einige der hier Lesenden wohl wiederfinden? Nein! Denn wenn sich hier (in Schwarzenbek) „handelnde“ Personen angesprochen fühlen sollten, wäre das mit Sicherheit reiner Zufall.

    Ich freue mich, das Sie, lieber Herr Borchelt, wieder aktiv sind. Für die viele Zeit und sicherlich auch Kraft (u.a. gegen von mir vermutete persönliche Anfeindungen) die Sie aufwenden, ziehe ich meinen Hut und zolle Ihnen größten Respekt.

    Herzliche Grüße
    Ulf Bielenberg

  2. Irgendwie verstehe ich diese Angelegenheit nicht. Entweder die Leiter ist in Ordnung oder sie ist es nicht. Das kann man ja wohl mehrfach testen. Wenn sie nicht in Ordnung ist, dann kann man sie nach Kassenlage entweder reparieren oder eine neue beschaffen. In Schwarzenbek kann aber, wegen der Kassenlage, nur repariert werden. Wo liegt hier das Problem eigentlich? Das wir eine funktionierende Leiter brauchen ist doch wohl allen klar.

  3. Mimi says:

    Schöne Satire! Das Ganze endet entweder mit Kollaps oder Hirntod. Ich hoffe, es liegt eine Patientenverfügung vor.

  4. Bekannt says:

    Wenn man die Drehleiter reparieren kann, so muß eine nagelneues Programm geschrieben werden, man kann keine zwei Programme nicht mit einander verbinden, die DL hat aber zwei unterschiedliche Programe zwecks Steuerung usw. Die Programme haben sich geändert und sind nicht mehr kompartibel, deshalb ist eine neue Leiter sehr wichtig und dringend erforderlich, denn diese Problem besteht schon seit 2011, aber es besteht ja BERATUNGSBEDARF!!
    Muß es erst ein Feuer geben wie in Lauenburg , werden dann vielleicht die Politiker wach??

    • Ich bin dafür, dass jeder der hier schreibt auch seinen vollständigen Namen nennt. Wenn denn die Mechanik der Drehleiter einwandfrei funktioniert, wäre es doch auch denkbar die gesamte Steuerung auszutauschen. Wie hoch wären denn dafür die Kosten. Weiß das schon jemand?

    • Matthias Borchelt says:

      Ich schlage vor, den heutigen Artikel aufmerksam zu lesen. Es ist ja repariert und der Hauptausschussvorsitzende hatte auch nie einen Zweifel daran, dass es repariert werden könne. Bezweifelt wird offenbar mehr oder weniger allgemein, dass die Funktionalität von Dauer ist. Allerdings – und auch das kann man aus den Äußerungen von Delfs herauslesen – wäre dieser Zweifel allein kein Grund gewesen, die für 2015 ohnehin vorgesehene Ersatzbeschaffung vorzuziehen! Ich weise an dieser Stelle auch noch einmal darauf hin, dass bei unterstellten 24 Monaten Vorlauf (6 Monate Ausschreibung + 18 Monate Lieferfrist) ohnehin in 2013 hätte beschlossen werden müssen, wenn das denn alles so stimmt, was uns gesagt wurde. Offen ist auch, warum, wenn wir das Fahrzeug doch frühestens im Frühjahr 2014 erhielten, heute schon Geld fließen müsste.

      Ich habe dem Rathaus und auch der Feuerwehr einige Fragen gestellt. Man hat mir zugesagt, dass ich Antwort erhalte.

  5. Rüdiger Jekubik says:

    Danke für diesen herrlichen Beitrag. Schön, dass dieser Blog weiter am Leben ist. Ich freue mich auf die nächsten Beiträge.
    Ganz nebenbei sei aber auch gesagt, je tiefer man versucht, in die Welt der Schwarzenbeker Politik einzutauchen, umso trüber wird das Wasser.
    Ach ja…ich würde es auch begrüßen, wenn jeder Schreiber hier den Mut hat, seinen vollständigen Namen zu präsentieren.
    Vielen Dank
    Rüdiger Jekubik

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