Gnade vor Recht?

Fortuna Düsseldorf

Hertha BSC

Okay, Hertha war spätestens seit dem damaligen Bundesligaskandal ein Schmuddelkind des deutschen Fußballs und hat(te) sich dieses Image auch feste selbst verdient. Die Frösche, heute heißen sie wohl eher Harlekine (oder wie auch immer sich diese Ultras bei Hertha nennen mögen) taten über die Jahre ihren großen Anteil dazu, dass die Berliner außer in ihrer eigenen Stadt kaum Freunde haben. Angesichts ihres Images wunderte man sich vor einigen Jahren nicht wenig, als sich ausgerechnet Uli Hoeneß für Hertha stark machte, aber der FC Bayern rettete ja auch Dortmund und St. Pauli (mit). Für alle anderen gibt Hertha einen prächtigen Prügelknaben ab und wenn deren Fans nun beim zweiten Relegationsspiel Bengalos in den Innenraum warfen, dann reicht das für den Focus aus, sich von Hertha zu verabschieden. Denn mehr steht noch gar nicht fest, aber die Münchner Schmuddelkinder schert das nicht.

„Auf Gnade durchs Sportgericht braucht der Verein jetzt nicht mehr zu hoffen“, schreibt der Focus und das nicht etwa in einem Kommentar. Wie wäre es denn mit Recht, lieber Focus? Darf die Hertha denn darauf hoffen, dass dieses Rumpelstilzgericht wenigstens versucht, nach den eigenen Statuten Recht zu sprechen? Nein, der Focus sieht jetzt bereits als erwiesen an, dass die Spieler Kobiashvili, Lell, Mijatovic „und einige andere“ den Schiedsrichter Stark so sehr prügelten, beschimpften und jagten, dass der sich nach eigener Aussage auf die Lippen beißen musste, um nicht zu weinen. Abgesehen davon, dass es in der Frage des Einspruches nicht darum geht, was NACH dem Spiel passierte, versucht der Focus ganz in der Linie des Sportrichters Hans Lorenz, die von Herthas Anwalt geschilderte Todesangst der Berliner Spieler zu widerlegen. Als erfahrene Psychologen wissen sowohl der Mickymausjurist, als auch der Journalist, dass nicht prügelnd durchs Stadion laufen kann, wer eben noch leichenblass um sein Leben fürchtete. Nein, Todesangst äußert sich gerade bei jungen Männern ausschließlich damit, dass man sich auf die Lippen beißt und weint. Es ist völlig unwahrscheinlich, dass ein Profisportler in einer potentiell lebensbedrohlichen Situation voller Testosteron und Adrenalin in einer Ausnahmesituation die Nerven verliert und um sich schlägt. Der kann keine Angst gehabt haben. Und dass die Berliner sich so verhalten haben, ist offenbar auch bereits erwiesen, denn „einen Grund, Deutschlands bestem Schiedsrichter nicht zu glauben, gibt es nicht“.

Minuten vor dem Ende stehen die Zuschauer für die Erstürmung des Platzes bereits, wurden also von den Ordnern während des Spieles in den Innenraum gelassen.

Aber was mache ich hier eigentlich? Das ist genau die Planke, auf die der Richter (und damit der DFB) die Herthaner zu schieben gedenkt und der Focus treibt es noch voran. Da geht es gar nicht mehr um die Frage, ob das Spiel unter irregulären Bedingungen zu Ende ging. Weil doch „hauptsächlich Hertha-Fans, die Bengalos aufs Feld warfen und so das Relegations-Rückspiel bei Fortuna Düsseldorf zweimal unterbrachen“ und die Brutalos innerhalb der Mannschaft Wolfgang Stark bedrängten, verdient Hertha nicht, dass man sich mit der Frage beschäftigt, ob die „glückstrunkene(n) Idioten“ vielleicht nicht ihr Glück vergessen hätten, wenn Hertha doch noch das dritte Tor erzielt hätte. Was wäre aber ohne Glück geblieben? 11 Männer in Leibchen und kurzen Hosen gegen Tausende glückstrunkene Idioten, aber das Argument gibt es nicht und warum nicht? Es ist ja nichts passiert. Das ist die Logik dieser gnadenlosen Jur-nal-isten. Es wird einfach ausgeblendet, dass der vierte Offizielle die Sorge einiger Spieler bestätigte, was wohl passiere, „wenn wir hier noch ein Tor erzielen“ und damit ganz sicher mindestens gehemmt waren. Aber es spielt keine Rolle, dass sich bereits vor dem Platzsturm Hunderte „Fans“ mit Billigung des Ausrichters im Innenraum befanden und mühsam am Spielfeldrand zurückgehalten werden mussten. Der Fernsehreporter sorgte sich bereits um den regulären Spielablauf, indem er die bange Frage stellte, was denn wohl passierte, wenn ein Spieler über die Auslinie direkt in diese Menge rutschte.

„Ja, nun hast du deinen Elfmeterpunkt, aber nun geh auch wieder hinter die Bande!“

Aber das zählt nicht. Wo nicht einmal zählt, dass nach dem Sturm des Spielfeldes – wenigstens der Schiedsrichter hatte übrigens Todesangst, so wie der in die Kabine flitzte! – der Elfmeterpunkt fehlte – ausgegraben von einem fröhlichen Düsseldorfer Fan und gütig beobachtet von einem Düsseldorfer Ordner – da spielt auch keine Rolle mehr, dass einer der Hertha-Trainer berichtete, seine verängstigten Spieler gar nicht mehr erreicht zu haben, weil die sich neben ihrer eigenen teilweise auch um die Sicherheit der sie begleitenden Frauen und Kinder fürchtete. „Nicht glaubhaft“, so der Richter, „dass ein Trainer noch Anweisungen gebe“ und auch die sich gleichenden Aussagen der Berliner Spieler ließen natürlich weniger daran glauben, dass es vielleicht genau so abgelaufen war, sondern führten zu der Vermutung, dass man sich abgesprochen habe. Den Antrag der Berliner, sich doch einfach noch einmal die Fernsehbilder anzusehen, lehnte man übrigens ab, denn es gibt ja keine glaubwürfigeren Zeugen als Schiedsrichter. Entschuldigung, aber das erinnert mich eher an den Volksgerichtshof, als an eine unabhängige Verhandlung. Und die „Berichterstattung“ des Focus gemahnt auch eher an dunkle Zeiten, wenn es dort wörtlich heißt: „Wenn Starks Aussage auch nur zur Hälfte der Wahrheit entspricht, hat Hertha BSC jegliches moralische Recht mit Fäusten und Schimpfworten von sich gewiesen.“

Wie bitte? „Nur zur Hälfte“? Die Sprache der Münchener Journaille und des Frankfurter Juristen ist verräterisch. In Zukunft müssen Schiedsrichter nur die halbe Wahrheit sagen, dürfen Spiele ohne Elfmeterpunkt und mit Zuschauern im Innenraum abgehalten werden, die dann auch das Spielfeld stürmen dürfen, solange sie es freudig tun und dabei lediglich mit einem Fanschal vermummt sind. Und nur bei echter Todesangst kann überhaupt über einen Spielabbruch nachgedacht werden und die ist eigentlich erst dann erwiesen, wenn am Ende wirklich jemandem etwas passiert ist. Bis dahin ist alles regulär bzw. eben nicht wirklich gefährlich. Ich für meinen Teil verstehe gut, dass der Berliner Anwalt an dieser Stelle ausgeflippt ist. Denn anscheinend ist spätestens dann alles sanktioniert, wenn sich nur anschließend ein Spieler der unterlegenen Mannschaft dem Schiedsrichter bedrohlich und so gar nicht glückstrunken nähert. Wir erinnern uns, dass während jedes zweiten Bundesligaspiels so etwas mehrfach geschieht und der DFB deswegen schon eine eigene Regel erfand. Die Rudelbildung ist eines der unappetitlicheren Übel der Bundesliga und man fragt sich jedes Mal, warum so viele Schiedsrichter sich am Arm packen, schubsen und anschreien lassen und so selten deswegen rote Karten verteilen, sondern lieber fortlaufen und sich dabei vielleicht auf die Lippen beißen, um nicht weinen zu müssen. Aber dass ein solches Verhalten zur Aussetzung aller Regeln führte, habe ich noch nicht erlebt. Und noch einmal: Selbst wenn die Spieler keine Todesangst hatten, Hertha hier also auch nur die „halbe Wahrheit“ sagte, werden dadurch nicht die Verhältnisse regulär. Selbst eine Tätlichkeit eines oder mehrerer Spieler gegen den Schiedsrichter nach Spielende sagt nichts, aber auch gar nichts darüber aus, ob ein Spiel ohne Elfmeterpunkt zu Ende gebracht werden darf.

Das Verhalten der Hertha-Idioten wird durch die Düsseldorf-Idioten nicht besser, aber der Verein verwirkt dadurch nicht sein Recht, gegen den vorzeitigen Erguss der Düsseldorfer Einspruch zu erheben.

Ich will hier nicht versuchen, Hertha vom Schmuddelkind-Image reinzuwaschen. Auch ich ärgerte mich maßlos über die Asozialen im Gästeblock, die gleichzeitig mit den Asozialen im gegenüberliegenden Düsseldorfer Block ihre mitgebrachten Bengalos zündeten und, anders als die, dadurch also etwas weniger (?), Asozialen gegenüber, ihre Fackeln dann auch in den Innenraum warfen. Wer sich die Bilder betrachten möchte, wird erkennen, dass vor dem Düsseldorfer Block eine Menge Ordner standen und daher vielleicht die Zurückhaltung größer war, weil man eher fürchten musste, erkannt zu werden. Die massierten Polizei- und Ordnungskräfte standen merkwürdigerweise erst dann vor dem Berliner Block, als der Innenraum durch Tausende Düsseldorfer geflutet worden war. Warum hätten die denn nicht glückstrunken das Innere stürmen dürfen? Das Spiel stand doch auf der Kippe und Hertha hatte doch angeblich eine echte Chance auf das dritte Tor. Hätte man die Berliner nicht auch schon einmal in den Innenraum lassen können? Aber das spielt alles keine Rolle, denn nach den angeblichen Regeln des DFB ist für die Sicherheit im Stadion der austragende Verein verantwortlich und wie oft wurden Vereine schon bestraft, weil die gegnerischen Fans Scheiße bauten? Und da sind wir wieder bei den Schmuddelkindern, denn denen geht es ebenso häufig anders. Auch jetzt soll ja offensichtlich Hertha dafür bestraft werden, was deren Fans in Düsseldorf anrichteten. Dynamo Dresden kann ein Lied davon singen, weil das Versagen der Dortmunder Ordner diesem Verein fast den Ausschluss aus einem ganzen Wettbewerb einhandelte. Andere werden dahingegen nicht einmal bestraft, wenn der Verein selbst für Vergehen verantwortlich ist, denn wer wüsste von einer Strafe für die Hoffenheimer zu berichten, die planvoll und fortgesetzt die Gästefans mit hochfrequenten Tönen beschallen ließen?

Im Internet sind eine Reihe von Amateurfilmen zu sehen und neben den Bildern sind die Stimmen der umstehenden Düsseldorfer Fans sehr interessant. Die schimpfen über die Idioten, die das Spielfeld stürmen, weil sie ganz genau wissen, was die klare rechtliche Folge ist: Spielabbruch und Wertung des Spiels für Hertha. Nicht umsonst hatte doch der Stadionsprecher während der ersten Unterbrechung ab der 61. Minute durchgesagt, „beim nächsten Vorfall wird das Spiel abgebrochen.“ Und als dann in der 84. Minute zum zweiten mal unterbrochen wurde und doch noch Gnade vor Recht erging, wussten die Düsseldorfer, dass jetzt aber nun wirklich gar nichts mehr passieren durfte. Herr Stark pfiff übrigens wieder an, obwohl spätestens ab diesem Zeitpunkt eine ganze Reihe von Polizisten in schwerer Kampfmontur über weite Strecken nur einen halben Meter von der Außenlinie entfernt das Spielfeld abriegelten. Diese Fans und alle anderen, die das Spiel gesehen haben, wussten, wie übrigens auch der ARD-Kommentator Tom Bartels, wer diese Unterbrechungen provoziert hatte: „Okay, und Düsseldorf, da korrigiere ich mich direkt, hat die Bengalos auch.“ Aber es kam kein Abbruch und das ist der eigentliche Skandal. Normalerweise hätte der DFB von sich aus protestieren müssen und es gibt auch überhaupt keinen Grund, Herrn Stark etwa zu applaudieren, denn natürlich hätte das Ganze in einer großen Katastrophe enden können. Auch das erkannte Tom Bartels ganz klar: „Die Düsseldorfer Fans sind nicht besser, nur freudetrunken.“ Noch einmal und immer wieder: Was, wenn diese Freude umgeschlagen wäre. Natürlich muss man sich auch fragen: Konnte Stark überhaupt abbrechen lassen? Was wäre dann geschehen? Dazu will man lieber nichts sagen, denn das bedeutete ja, dass man längst vor dem Mob in die Knie gegangen ist.

Wir erinnern uns: Das Spielfeld wurde gerade von Düsseldorfer Fans aus allen Richtungen gestürmt, nur nicht aus dieser, der Berliner Ecke.

Trotz der Trunkenheit kam es nach dem endgültigen Schlusspfiff zu „unschönste(n) Szenen mitten im größten Jubel“ und noch ein paar Zitate von Tom Bartels möchte ich an das Ende dieses Aufsatzes setzen: „Ich kann hier unmöglich Schuldige von Unschuldigen unterscheiden, aber Tatsache ist, dass verdammt vielen Spielern die Nerven durchgegangen sind.“ Freudetrunkenheit entschuldigt laut Richter Lorenz jede Irregularität, Nervenzusammenbrüche jedoch nicht. Bartels: „Der Schreck, der Schock über das Gesehene sitzt bei mir noch ganz tief drin.“ Auch das dürfte der Richter kaum verstehen, denn Herr Bartels war doch, wie er selbst sagt, „unbeteiligter Zuschauer“ und zudem in vollkommener Sicherheit. Das letzte Zitat von Tom Bartels bezieht sich auf den Zeitpunkt des verfrühten Spielfeldsturms, also noch inmitten eines am Ende regulären Spieles? „Das habe ich noch nicht erlebt, das ist unterirdisch, das ist alles nicht wahr.“ Oder bezieht sich dieses Zitat bereits auf die Verhandlung vor dem Sportgericht? Denn ein Gutes hat die ganze Sache. Am Montag wird der DFB die Spielwertung bestätigen und spätestens dann dürfte für jeden, der seine sieben Zwetschgen noch einigermaßen beisammen hat, feststehen, dass das sogenannte Regelwerk und die Statuten des DFB und/oder der DFL nicht das Papier wert sind, auf denen sie geschrieben stehen. Aber eigentlich wussten wir das längst. Sollte Hertha jedenfalls unterliegen, kann ich diesem Verein nur empfehlen, bei allen Zweitliga-Heimspielen jeweils freudetrunken den Elfmeterpunkt vor dem eigenen Tor zu entfernen. Das darf man dann nämlich und kann auch weder zu Abbruch, noch zu späterer Aufhebung des Ergebnisses führen. Vielleicht postiert man aber auch nur die Harlekine an der Seitenlinie, die vor zwei Jahren schon einmal mit Eisenstangen bewaffnet, das Spielfeld in Berlin stürmten, um ihrer Freude Ausdruck zu verleihen?

One Response to Gnade vor Recht?

  1. nicoquast says:

    Hallo Mattes, ich sah nur das Ende des Spiels.. und auch das nur aufgrund der Unterbrechungen, da ich zu spät einschaltete. Den Punkt mit den Schmuddelkindern kann ich nur unterstreichen. Als einige Fans des BVB in einem normalen Bundesligaspiel – das nach jenem gegen die SGD stattfand – Bengalische Feuer anzündeten, passierte nichts. Keine emotionalen Kommentatoren, keine Zeitungsmeldungen, keine Anklage, keine Sanktionen. Der DFB und die DFL spielen nach ihren eigenen Regeln. Das ist nunmal leider so. Ich überlegte auch schon, eine alternative Liga zu gründen oder zumindest – mangels Kapital – dabei zu helfen… 😉 Es kann natürlich nur ein Gedankenspiel sein: aber es soll zeigen, dass das alles doch nur private Vereine sind, die sich – wenn es hoch kommt – einen Dreck um Regularien kümmern, sofern es nicht ihre ureigensten Interessen betrifft. Und so agiert der Dachverband natürlich auch.

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