Maulhelden unter sich

(Foto: Florian K)

Eigentlich wollte ich zu Günter Grass nicht mehr geschrieben haben, als den Kurzkommentar, den ich vor ein paar Tagen hier veröffentlichte, in dem ich ihm empfahl doch lieber bei seinen Altherrengedichten über seinen nur mühsam aufzurichtenden alten Freund zu bleiben. Schließlich richtete ihn sein unausgegorener Text „Was gesagt werden muss“ selbst und wenn nicht, mangelte es nicht an mehr oder weniger aufgeregten Kommentaren. Nachdem jedoch die israelische Regierung ihn mit ihrem Einreiseverbot zur persona non grata aufwertete und längst nicht mehr nur die sympathisierenden Kommentare in den deutschen Medienforen Grass zur „verfolgten Unschuld“ stilisieren (siehe den sich versteigenden Jakob Augstein in Spiegel Online), kann ich dann doch nicht mehr an mich halten.

Es kann doch gar keine Rede davon sein, dass man Israel etwa nicht kritisieren dürfe. Diejenigen, die mit Grass so tun, als gäbe es Denk- und Redeverbote, erzeugen doch einen Popanz á la Sarrazin. Grass durfte doch seine Meinung sagen und in vielen Zeitungen veröffentlichen. Er muss halt nur die Antworten ertragen können, selbst wenn die bisweilen genau so neben der Mütze sind, wie das Gesagte selbst. Denn die üblichen Verdächtigen fanden sich natürlich sofort wieder ein und auch das übliche „Antisemit“ kam verlässlich als Vorwurf. Aber es gab auch wieder Leute, die eben diesen Vorwurf lächerlich fanden. Ich will das hier gar nicht beurteilen. Für mich war Grass bislang kein Antisemit und ist es auch nach dem Gedicht nicht. Als Schriftsteller darf es ihn aber nicht wundern, wenn er unter einem so unsäglichen Titel dermaßen undifferenziert (Augstein nennt das nachsichtig „nicht so toll formuliert“) solchen Stuss veröffentlicht. Leider hat Grass aber auf die allfällige Kritik ausgerechnet mit Nazi-Vergleichen reagiert: Eine Kampagne und gar eine Gleichschaltung der Medien sah er am Werk. Spätestens ab dann war es unerträglich und unter Grass‘ Niveau, allen Kritikern zu unterstellen, sich mit dem Inhalt nicht auseinandergesetzt zu haben. Das erinnerte eher an Gemanistikstudenten, die sich als Poeten sehen, weil sie sich in Lyrikforen tummeln, als an einen Literaturnobelpreisträger.

Denn mindestens zwei Dinge an seinem als Gedicht apostrophierten Pamphlet sind inhaltlich falsch: Weder drohte irgendein Israeli mit einem atomaren Erstschlag, „der das (..) iranische Volk auslöschen könnte“, noch „gefährdet Israel (..) den Weltfrieden“ oder ist gar – Gipfel der Unverschämtheit! – „Verursacher der erkennbaren Gefahr“. Nebenbei bemerkt produziert Deutschland auch keine Atom-U-Boote, sondern verkauft konventionell betriebene U-Boote an Israel (nicht zum ersten Mal), die nuklearwaffenfähig sind, das ist wahr. Warum sie das können müssen? Weil ansonsten die Ankündigung, einem atomaren Erstschlag entsprechend zu antworten, ziemlich hohl wäre, denn Israel wäre nach einem Erstschlag tatsächlich ausgelöscht. So ausgelöscht, wie Ahmadineschad das immer wieder drohend ankündigt und demnächst auch die Mittel dafür in der Hand haben könnte. Hat sich Grass schon einmal Gedanken gemacht, was aus Israel in den letzten 50 Jahren geworden wäre, wenn es keine Atommacht wäre? Nach Grass‘ Logik wäre dann auch eine aufreizend angezogene Frau an ihrer späteren Vergewaltigung selbst schuld, verursachte sie doch die erkennbare Gefahr? Aber die Schizophrenie geht langsam so weit, dass selbst Augstein in der verlinkten Apologetik so weit geht, dass Israel sich noch nicht einmal mehr die Mühe machen wolle, die Beweise zu fälschen, dass Iran über die Atombombe verfüge. Entschuldigung, aber lesen Sie es bitte nach! Offenbar hielte Augstein den Militärschlag für berechtigt, wenn entsprechende Beweise vorlägen. Die mittelalterlich anmutenden Mullahs sollen erst in den Besitz der Heiligen Handgranate gelangen – es gäbe dann immer noch keinen Beweis, dass sie sie würfen, oder? – dann erst dürfte Israel über einen Erstschlag sinnieren?

Der deutsche Verteidigungsminister hatte bereits Klartext geredet

Kurz und dumm: Es geht um einen möglichen israelischen Militärschlag der Luftwaffe auf die iranischen Atomanlagen, welchen sich einige der israelischen Regierungsmitglieder offenbar als ultima ratio vorbehalten wollen, wenn die anstehenden Verhandlungen scheitern (was sie natürlich werden). Und dazu hat Deutschland in der Person seines Verteidigungsministers schon vor Herrn Grass gesagt, das solle man bleiben lassen, das nütze niemandem. Mehr steht uns nicht zu, meine ich, zumal wir Waffen nicht nur an Israel, sondern auch an Israels Todfeinde verkaufen. Aber nun „musste“ auch noch „gesagt werden“, was Grass sagte und man bisher nicht durfte und wofür er nun auch wieder gesteinigt wird? Humbug. Was Grass sagte, wird hier ständig gesagt und sobald ein halbwegs Prominenter es tut, kommen die ganzen latenten Wohnzimmerfaschisten aus ihren Löchern gekrochen und applaudieren, weil jemand vermeintlich den Mut hatte, die Juden in die Schranken zu weisen. Ach nein, Stopp, es geht ja um Israel, nein, noch einmal Stopp, um die israelische Regierung. Mittlerweile musste Grass ja selbst mehrfach korrigieren und präzisieren, er habe eine Politik kritisieren wollen, „die Israel mehr und mehr Feinde schafft und das Land mehr und mehr isoliert.“ Inzwischen will er gar nur Herrn Netanjahu gemeint haben, der offenbar nicht nur ein Maulheld ist.

Ach, Herr Grass, hättest Du doch deine letzte Tinte benutzt, um Ahmadineschad auf den Füller zu pissen, damit der den Verzicht auf die unterirdische Anreicherungsanlage unterschreibt. Oder, wenn das ungerecht erscheint, dann vielleicht gegen Nordkorea gewettert, das den Weltfrieden doch auch ein wenig bedroht und seine Existenz ausschließlich der Atombombe verdankt? Pakistan und Indien? Großbritannien, das schon wieder Muskeln auf den Falklands spielen lässt? China mit seinem Wirtschaftskrieg? Russland mit seinem ungehemmten Export von Atomtechnologien? Oder die USA, die doch nun wirklich mittelbar 9-11 überhaupt erst auslösten und dann mit zwei Kriegen beantworteten? Oder doch die islamischen Fundamentalisten mit ihren Fatwas und Suizidkommandos? Vielleicht ist aber auch Japan die größte Bedrohung für den Weltfrieden, weil die ja nun gerade drohten, die natürlich vollkommen friedliche Rakete der Nordkoreaner abschießen zu wollen, obwohl die doch lediglich für Wetterstatelliten gedacht ist? Nein, nein, Israel ist die größte Bedrohung für den Weltfrieden, weil schließlich Israel seit seiner Gründung die Nachbarn mit Vernichtung bedroht. Dabei bleibt er offenbar. Aber welchen Weltfrieden meint der alte Mann eigentlich? Den Frieden, der ihn gemütlich Pfeife schmauchend und wichtig machend in Lübeck sitzen lässt? Er ist von dem „Maulhelden“ Ahmadineschad ja nicht bedroht, im Gegenteil. Ein Mitglied der iranischen Regierung hat ihn geradezu zum Gewissen der Welt erhoben.

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Fotos:
Grass  –  Author: Florian K  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.
Thomas de Maizière  –   Author: Christliches Medienmagazin pro  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

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