Erwiesene Unschuld

"Verdächtigem fehlt Alibi" anstatt "Mutmaßlich Unschuldiger verhaftet"

Als ich vorgestern in der Zeitung las, dass man im Zusammenhang mit dem Mord an einem elfjährigen Mädchen in Emden aufgrund von „Hinweisen aus der Bevölkerung“ einen 17-jährigen Berufsschüler festgenommen und am hellichten Tag in Handschellen abgeführt habe, empfand ich dieses Vorgehen – bei allem Entsetzen über die Tat – als skandalös. Auch die Berichterstattung, in diesem Fall durch die Lübecker Nachrichten, war in einem Stile abgefasst, die erkennbar von der Täterschaft des Verhafteten ausging. In Widersprüche habe er sich verwickelt, ein Alibi fehle völlig, aber ein Geständnis habe er „noch immer nicht“ abgelegt. Nein, das Gegenteil hatte er getan. Bestritten hat er die Tat. Aber natürlich war die Verhaftung nicht unentdeckt geblieben, selbstverständlich hatte die nach eigener Darstellung objektivste Behörde der Welt der Öffentlichkeit einen Täter präsentieren wollen und ebenso zwangsläufig setzte eine öffentliche Vorverurteilung ein, die hier sogar bis zu Lynchaufrufen und Belagerungszuständen führte.

Mit wem ich mich aber auch unterhielt, so recht skandalös wollte das niemand finden. Was die Polizei denn machen solle, wurde ich gefragt. Man müsse einen Verdächtigen doch verhaften dürfen. Kein Gedanke daran, dass ein Verdächtigter immer noch ein Unschuldiger ist und dass eine Ermittlung vielleicht erst einmal mit aller Vorsicht und Zurückhaltung bis zu einem „dringenden Tatverdacht“, der hier angeblich bestand, geführt werden  sollte, bevor man jemanden öffentlich in Handschellen abführt, zumal einen Jugendlichen. „Wie wollen sie diesem Mann je wieder ein normales Leben geben?“, wird heute in den Lübecker Nachrichten eine Strafrechtlerin zitiert, denn gestern gab es nun genau diesen „Paukenschlag“: Erwiesenermaßen unschuldig ist der junge Mann, seine Täterschaft ist ausgeschlossen! Aber dennoch war natürlich alles in Ordnung und haben sich die strafverfolgenden Organe nichts vorzuwerfen. Nein, jetzt werde mit aller Macht gegen die Hetzer ermittelt und vorgegangen, ein erstes Verfahren gegen einen 18-jährigen sei bereits eingeleitet. Nun werde ich diese Aufrufe zur Selbstjustiz bestimmt nicht verteidigen, das Gegenteil ist hier ja mein Ansinnen, aber die Staatsanwaltschaft sollte zugleich gegen sich selbst ermitteln, denn Auslöser dieser Vernichtungskampagne gegen einen erwiesenermaßen Unschuldigen war sie selbst und Mittäter waren der Haftrichter und die ausführenden Kriminalbeamten.

Im Zweifel für den Angeklagten

Eine Ausweitung der Ermittlungen auf die Presse hielte ich ebenfalls für angemessen, denn wenn ich heute in den Lübecker Nachrichten wesentlich intensiver über „einen der wichtigsten Grundsätze des Rechtsstaats“, die Unschuldsvermutung lesen darf und darüber, dass der Staat sich daran zu halten und „Zurückhaltung bei öffentlichen Fahndungen“ zu leisten hätte, dann kommt mir die kalte Kotze hoch. Gestern noch hatte man keinerlei Probleme damit, reißerisch mit Fotos und dicker Schlagzeile über den „vermutlichen Täter“ zu berichten. Warum wurde denn nicht gestern darüber berichtet, dass die Polizei einen vermutlich Unschuldigen in der Wohnung seines Vaters verhaftet und mit Handschellen abgeführt habe? Sie merken vielleicht, dass bei konsequenter Anwendung der Unschuldsvermutung von Beginn an, der Flashmob sich genauso gut gegen die Staatsanwaltschaft hätte richten können. Der Zungenschlag ist dabei keineswegs unbedeutend und jede/r ist aufgerufen, zunächst einmal von der Unschuld eines Verdächtigten auszugehen und vorher darüber nachzudenken, was hinterher sein wird, wenn sich die Unschuld erweist. Und hier kommen wir zum nächsten Schritt: Was wäre mit dem Jungen wohl geschehen, wenn die DNA-Spuren unbrauchbar gewesen wären. Dann hätte der „dringende Tatverdacht“ weiterhin bestanden und die Widersprüche in den Aussagen des dann natürlich wieder vermutlichen Täters und das fehlende Alibi hätten die Sache vielleicht noch übler für ihn ausgehen lassen.

Haben Sie übrigens etwas Neues von der DNA-Reihenuntersuchung in Schwarzenbek gehört? Mittlerweile sollten gut 1.000 Proben untersucht und dafür vermutlich eine Viertelmillion Euro an Steuergeldern ausgegeben worden sein. Einen Täter hat man noch immer nicht und auch hier wird der vermeintliche Druck auf die Behörden wachsen, nun auch ein Ergebnis vorzulegen. Man kann also nur den Männern raten, die bislang eben wegen eines der „wichtigsten Grundsätze des Rechtsstaates“ keine Speichelprobe abgeben wollten, sich dringend um ein hieb- und stichfestes Alibi zu kümmern, denn sonst könnte es eng werden. Aber wo war man vor vier Jahren auf Tag und Stunde genau? Sollten Sie morgen aufgrund dringenden Tatverdachtes festgenommen und in Handschellen durch Schwarzenbek geführt werden, weil Sie einer der Wenigen sind, die sich nicht in vorauseilendem Gehorsam haben überprüfen lassen, wird es Ihnen am Ende des Tages vielleicht nicht viel nützen, dass ihre DNA-Probe nicht übereinstimmt. Denn mittlerweile wird in den Zeitungen gestanden haben, dass Sie sich in Widersprüche verwickelten, was Sie exakt am 17. April 2008 um 9:45 Uhr (fiktives Datum!) getan haben. Sie waren gar nicht zur Arbeit, denn Sie hatten sich krank gemeldet. Ach, das wussten Sie nicht mehr? Und einen Zeugen haben Sie also auch nicht, weil Sie dann vermutlich allein zuhause waren? Das sieht nicht gut für Sie aus, gar nicht gut. Wenn Sie dann erst einmal als mutmaßlicher Täter durch sind, nützt Ihnen die spätere Entlastung wenig. Vermutlich treibt diese Erkenntnis die meisten Männer dazu, sich dieser verfassungs- und strafrechtswidrigen Reihenuntersuchung zu unterziehen. Der Rechtsstaat wird dabei dennoch immer weiter unterhöhlt und die Presse trägt ihren Anteil dazu bei, obwohl es ihre Aufgabe und Pflicht wäre, in jedem Fall auch die andere Seite zu beleuchten und wenn es – zumal bei einem so entsetzlichen Verbrechen wie in Emden – noch so schwer fällt. Warten wir einmal ab, wie der nächste Verdächtige behandelt wird. Aber glauben Sie im Ernst, die LN wird dann bis zum Urteilsspruch von einem vermutlich Unschuldigen sprechen?

8 Responses to Erwiesene Unschuld

  1. Helmut Stolze says:

    Bei den Lübecker Nachrichten wundert mich schon gar nichts mehr. Entweder berichten sie falsch oder gar nicht. In diesem Fall wäre es besser gewesen, sie hätten gar nicht berichtet.

  2. Margret Jennrich says:

    Helmut Du hast recht. Aus diesem Grund abonniere ich die LN auch nicht. Weggeschmissenes Geld. Mit der LL verhält es sich aber ähnlich.

  3. Kann man diesen Blog nicht zur Pflichtlektüre für jeden Schwarzenbeker machen ?

  4. Blogfan Nr. 1 says:

    Ich erinnere mich an eine Diskussion vom Donnerstag, in der ohne wirkliches Wenn und Aber von der tatsächlichen Schuld des Täters ausgegangen wurde, und mehr noch: die Tat von Emden würde auch auf den bevorstehenden Umzug des Jugendtreffs in die Compeschule Einfluss nehmen…

    Sind wir denn wirklich so instinktlos und dumm?

  5. Eckhard Schäfer says:

    Sehr geehrter Herr Stolze,

    ich glaube nicht, dass die Lübecker Nachrichten falsch berichten. In den vergangenen 20 jahren bin ich das Gefühl nicht los geworden, dass die LN, explizit die Lauenburgische Lokalausgabe, gezielt tendenziös berichten. Und über gewisse Dinge nicht zu berichten, ist auch ein Mittel der Meinungsmanipulation.

    Sehr geehrte Frau Jennrich,

    ich gestehe jedem das Recht auf Läuterung zu. Aber mal Hand aufs Herz, haben Sie die Lübecker Nachrichten zu Zeiten Ihrer CDU-Mitgliedschaft auch schon so beurteilt.
    Es hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten an der Berichterstattung der LN doch nichts Wesentliches verändert. Über das lauenburgische CDU-Dreigestirn Brackmann, Füllner und Schlie wird doch nach wie vor überproportional und gefällig berichtet.

    Wer noch an die Objektivität dieses Rechtsstaates glaubt, verkennt wie fragil dieses Gebilde in Wirklichkeit ist.
    Diejenigen, die sich in dieser Gesellschaft eine exponierte Stellung verschafft haben, die mit einem gewissen Maß an Beschwerdemacht ausgestattet ist und darüber hinaus über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, leben ganz angenehm.
    Wehe denen, die über beides nicht verfügen. Diese Menschen gelangen ganz schnell an ihre existenziellen Grenzen.
    Mein Eindruck jedenfalls ist, dass Erstgennannten ein Höchstmaß an Diskredition zugestanden wird, während es Letztgenannten so ergehen kann wie dem 17-Jährigen Tatverdächtigen aus Emden.
    In diesem Zusammenhang sei noch mal an das Schicksal der Staatsanwältin erinnert, die dieses Prinzip durchbrach und Herrn Zumwinkel medienwirksam abführen ließ.

  6. von Interesse says:

    Doch Herr Schäfer! Es gb in den letzten 20 Jahren eine Phase, in der wurde auch kritisch berichtet. Es war als noch, als ein gewisser Holger Marohn aus Schwarzenbek berichten DURFTE. Und er schrieb auch gegen seine eigenen Leute durchaus kritsich – als Mitglied im CDU OV von Schwarzenbek.

    Verbale Anfeindungen und Entgleisungen gegen Herrn Marohn waren dabei normal. Wer will sich das aber gefallen lassen?

    Ich habe keine Zeitung abonniert: Keine LN, keine BZ, kein Abendblatt, kein Spiegel usw. Die Headlines im www sind mir genug und ich fühle mich nicht desinformiert.

    • Matthias Borchelt says:

      Ich erinnere mich, dass Moldenhauer innerhalb einer Stadtverordnetenversammlung einmal vom Rednerpult aus sagte: „Ihren Müll, Herr Marohn, lese ich sowieso nicht.“

  7. Eckhard Schäfer says:

    Hallo von Interesse,
    Ich erinnere mich auch daran, unter welch schwierigen Umständen Herr Marohn über die prekären Zustände der Ortspolitik in Güster, die z.T. in Zivilprozessen ihr Ende fanden, berichtete. Einem dieser Prozesse habe ich als Zuschauer im Amtsgericht Mölln beigewohnt und konnte mich persönlich von dem „freundlichen“ Umgang mit dem Journalisten Marohn überzeugen.
    „Wer will sich das aber gefallen lassen?“ mag eine Erklärung dafür sein, dass kritische Köpfe, die in ihrem Anspruch auf Ausgewogenheit gegen den mainstream schwimmen, nach nicht allzu langer Zeit von der Bildfläche verschwinden. Wo hingegen man bei anderen Zeitungsschreibern, die sich mit den machtpolitischen Strukturen arrangiert haben, ein hohes Maß an Kontinuität feststellen kann.
    Genau diese Art und Weise der Meinungsunterdrückung, um eine gesunde Streitkultur gar nicht erst aufkommen zu lassen, zeigt mir, dass etwas faul ist im Herzogtum.
    Hier zeigt sich einmal mehr wie wertvoll der Blog als Meinungsforum ist, um solchen verkorksten Strukturen etwas entgegenzusetzen.

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