Grenzen des Wachstums

Wir fanden nur 58, aber es gibt sicher noch andere Anbieter

Von Klaus Kamm wurde am 15. Februar ein interessanter Leserbrief in den Lübecker Nachrichten veröffentlicht. Darin bezieht sich der engagierte Schwarzenbeker auf die nicht enden wollende Ausweisung immer neuer Wohngebiete in der Stadt: „Obwohl zurzeit in Schwarzenbek und seinem unmittelbaren Einzugsgebiet über 65 Häuser im Internet privat zum Verkauf angeboten werden“, schreibt Kamm, „wird vom Haupt- und Planungsausschuss bereits wieder eine Änderung (…) für ein weiteres Neubaugebiet in Auftrag gegeben“ und das trotz „den bereits ausgewiesenen Neubaugebieten: Wohnpark Sachsenwald, Im Strange, Brüggemannstraße, Sachsenwaldring (altes Hallenbadgelände), Möllner Straße linke Seite Mühlenkamp.“ Neben der Unverständlichkeit solchen Tuns bemängelt Kamm auch und vor allem, dass die politische Entscheidung „sicher wieder hinter verschlossenen Türen fallen“ wird, „da es sich um eine Grundstücksangelegenheit handelt“. Man fragt sich tatsächlich, was die Stadtverordneten sich dabei denken, solche für die Einwohner doch zentralen Themen immer wieder einsam zu entscheiden. Wundern kann man sich darüber jedoch spätestens nicht mehr, seit man deutlich gemacht hatte, die Bevölkerung nicht einmal dann beteiligen zu wollen, wenn Schwarzenbek sein Gesicht verändern würde (Stichwort chinesisches Handelszentrum).

Zuviel Zielwasser getrunken? Im zentralen Wohngebiet B und auch schon im Mischgebiet C mehrt sich der Leerstand, während im Außenbereich Wohnflächen entstehen. Zwangsläufige Folge: Der Innenstadtbereich A wird für Gewerbetreibende immer uninteressanter.

Wir stehen heute vor dem Ergebnis einer grundsätzlich verfehlten Politik. Eberhard Schröder, ausgerechnet der Alterspräsident der Stadtverordnetenversammlung wies am 10. Februar in der Sitzung darauf hin, wie kurzsichtig eine nur auf Bevölkerungswachstum erpichte Politik ist. Mit einfacher Arithmetik rechnete der FWS’ler vor, dass z.B. pro Häuschen in den beständig neu erschlossenen Wohngebieten statistisch 1,4 Kinder in die Europastadt ziehen. So erfreulich das grundsätzlich ist, müsse aber für jedes Kind auch entsprechende Infrastruktur geschaffen werden und die dafür anfallenden Kosten überstiegen regelmäßig die zusätzlichen Steuererträge. Blindwütiges Wachstum kann uns aus der wirtschaftlichen Misere folglich nicht herausbringen, denn unsere Schuldenkrise ist – auch – eine Folge der negativen Leistungsbilanz. Wenn es nach dem Bürgermeister geht, ist es ausschließlich so, aber streiten wir nicht herum! Was wir benötigen, sind Steuererträge, Steuererträge, Steuererträge!

Es gibt folglich keine dringlichere Aufgabe, als die Akquisition von Gewerbebetrieben und zwar möglichst solchen, die auch Steuern zahlen! Dem muss alles untergeordnet werden und das ist die betrübliche Wahrheit. Dazu hat die Großmannssucht der vergangenen Jahre erheblich, nein, entscheidend beigetragen. Wenn die Jagd auf Einwohner jetzt noch weiter fortgesetzt wird, der Politik also auch weiterhin nichts Besseres einfällt, als unbedingt Mittelzentrum werden zu wollen und zwar vorrangig wegen der Schlüsselzuweisungen für übergemeindliche Aufgaben, dann gehen wir den falschen Weg immer weiter. Ich habe die Frage hier schon einmal gestellt und ich frage noch einmal: Geht es Schwarzenbek heute besser als vor 30 Jahren? Die Einwohnerzahl hat sich wohl verdoppelt und es mag auch sein, dass das Angebot an Geschäften, Schulen und Verwaltungsstellen vielfältiger ist. Dafür hat sich die Verschuldung exponentiell erhöht.

Der Leserbrief von Klaus Kamm

Wir kaufen dieses Wachstum also verdammt teuer ein und das bitte wofür? Nun, die Verwaltung muss wachsen und mit ihr die Führungsstellen und Besoldungsstufen. Die Anzahl der Stadtverordneten wächst, wie z.B. bei der nächsten Wahl in 2013 und damit auch der anteilige Geldertrag der Parteien. Die Bedeutung der Stadt und damit ihrer Repräsentanten nimmt zu. Das kann man in Geld nicht messen, da es für manchen Profilneurotiker unbezahlbar ist. Aber was bringt es den gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürgern, ob nun 10, 15 oder 20 Tausend Einwohner in Schwarzenbek leben? Schärferen Konkurrenzkampf um die Plätze in Kindergärten, Schulen und Horten, zunehmende Zersiedelung, höhere Verkehrsbelastung?

Nun können Sie gerne einwenden, dass es auch positive Aspekte gibt und das will ich Ihnen gerne zugeben. Nur nehmen Produktivität, Innovation, Einkommen eben nicht stärker zu, als die Gegenseite der Medaille. Rein wirtschaftlich betrachtet, ist die Steigerung der Einwohnerzahl nachteilig, es sei denn, sie dient der Auslastung freier Arbeitsstellen und vorhandener Infrastruktur. Nur so herum wird ein Schuh daraus. Wir sollten die Verwaltung und Selbstverwaltung daher nicht aus der Pflicht entlassen, zuerst für die Nachfrage zu sorgen, um sie dann zu befriedigen. Solange wir keinen Steve Jobs in Verwaltung und/oder Politik beschäftigen, wird es andersherum nicht funktionieren! Steve Jobs wurde gefeiert, weil er es verstand, in einem grundsätzlich übersättigten Markt eine Nachfrage zu erzeugen, die es ohne seine Produkte gar nicht gab. Auf Schwarzenbek übersetzt heißt das: Zusätzliche Neubaugebiete benötigen wir erst dann, wenn wir die entsprechende Nachfrage erzeugt haben. Die Bevölkerungsstagnation der letzten Jahre spricht jedenfalls nicht für die ständige Ausweisung von Bauland.

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