Engelchens Höllenfahrt

Eine Polemik von Rupert Talia

Wenn Sie keine Polemiken mögen, schon gar keine märchenhaft-alptraumartigen, dann sollten Sie jetzt vielleicht nicht weiterlesen. Aus meiner Sicht aber hat die derzeitige deutsche Regierung – mitsamt ihrer nur noch so genannten „Opposition“ – jeden Bogen über das Zerreißen hinaus überspannt. Die Ohnmacht, das nur mit ansehen zu können beziehungsweise sogar zu müssen, verschärft die eigene Sprache. Das ist sicher hilflose, dennoch aber durchaus notwendige Hygiene, da man am fortwährenden Hinunterschlucken des Zorns sonst schlicht zu ersticken droht. Also dann – auf zur Höllenfahrt:

Eine güldene Putte

Eine Vorpomeranze namens Engelchen geistert heilsbringend durch unsere Medien. Dabei handelt es sich tatsächlich jedoch um eine leibhaftige europäische Springteufelin, deren Duzfreundin Friede heißt und die gerne Kanzleramtsfeiern für ihren Spezi, den Multi-Multi-Millionär namens Joe ausrichtet.

Engelchen hält es zum puren Amüsement ihrer Duzfreunde mit (angeblicher) „Hausfrauen“-Ökonomik und die geht so: Ist ein Haushalt überschuldet, dann muss gespart werden. Das ist so schlagend einfach, dass es wirklich jeder versteht, sogar sie selbst. Angesichts eines überschuldeten Haushalts springt ihr als erstes ins Auge, dass die tägliche Strecke zur Arbeitsstelle Geld kostet. Daraus folgert Engelchen beckmesserscharf, dass der Job zu kündigen sei, denn so kann man sich die Transportkosten sparen! Gesagt, getan – aber natürlich folgt das böse Erwachen auf dem Fuße. Die Einnahmen brechen weg und die Schulden steigen noch höher. Engelchen aber ist durch retrograde Amnesie und anterograde Anosognosie gegen alle Anfeindungen herzlich immun und erklärt nun in der nur ihr eigenen Logik, dass jemand, der nicht arbeitet, ein Faulenzer sei, also definitiv kein Auto braucht. Und folgerichtig erzwingt Engelchen einen Notverkauf-unter-Wert desselben (am besten an Joes Bank), damit der Faulenzer wenigstens seine nächste Hypothekenrate (wiederum an Joes Bank) zahlen kann. Gesagt, getan – und wieder folgt die Strafe auf dem Fuße, welche die heftig voltierende Springteufelin aber erneut herzhaft allein dem Faulenzer zuschiebt: nun ist er auch noch anachronistisch immobil, dieser bequeme arbeitslose Lump – das gehört sich heutzutage schon gar nicht und darum erst recht bestraft. Sein Haus geht nun ebenfalls an Joes Bank, soll er doch zur Miete wohnen, wie es sich für Arbeitslose gehört. Aber dafür reicht es nun auch schon nicht mehr, Engelchen, was nun? Die Springteufelin weiß auch darauf Rat: Der hat doch Kinder, die kann er gegen Entgelt zur Adoption freigeben oder einfach auf die Straße setzen, zum Zelten auf dem Madrider Sonnenplatz etwa, das bringt vielleicht ein paar Kröten und/oder verkleinert auf jeden Fall die benötigte Wohnfläche und damit – voilá – verringern sich die Mietkosten! Auf den Einwurf, dass aber doch die Jugend eigentlich die Zukunft sei, reagiert Engelchen erst gar nicht, denn ihre Zukunft bemisst sich eh nur nach der Legislaturperiode und sie denkt sich „Das schaffe ich noch!“.

Volker Pispers: "Wenn die Banken in der Krise sind, müssen wir in der Realwirtschaft den Gürtel enger schnallen - bis wir uns nicht mal mehr die Hose leisten können, die der Gürtel hochhalten soll."

Den Gürtel immer enger schnallen und nicht über die Verhältnisse leben, das bleibt darum eisern ihre Devise. Und der Hunger, Engelchen? Was Hunger, denkt sie nur, den hat doch schon der Banker namens Thilo weggerechnet. Mit derlei Peanuts, erklärt Joe stellvertretend und Mitleid heischend, kann sich Engelchen doch jetzt nicht auch noch herumärgern. Außerdem sind Mangelschäden und Krankheiten, ja sogar Selbstmorde gut für das Wachstum – das geht alles mit ein ins magersüchtige Bruttoinlandsprodukt, denn es erhöht wenigstens den Umsatz von Apotheken, Arztpraxen, Krankenhäusern und Bestattern. Außerdem steigt – als wirklich herzerwärmender Nebeneffekt – das mittlere Pro-Kopf-Einkommen, wenn nur die Zahl der Köpfe sinkt! Griechenland geht mit bereits verdoppelter Selbstmordrate beispielhaft voran, Portugal, Spanien, Italien werden wohl folgen – ein Urlaubsland nach dem anderen wird so „devaluiert“ – zu Deutsch: entwertet. Um der Wettbewerbsfähigkeit willen. Ja, liebe Leute, oder besser: liebes Humankapital, so ist das heute, Marktkonformität nennt das unschuldige Engelchen dieses Inferno, das ist ein Wettkampf ohne Grenzen, ein Wettlauf abwärts, steil nach unten, dorthin, wo es ziemlich warm ist, dorthin, wo der Froschtümpel endlich zum Kochen kommt. Wir werten das Humankapital jetzt solange ab, bis wir die Humanität endlich los sind und nur noch das Kapital übrig bleibt. So einfach ist die engelsgleiche Okonomik, eine schlichte Subtraktionsaufgabe auf Grundschul-Niveau: Humankapital minus Humanität ist gleich Banken-Rekapitalisierung! Aber wer zahlt für das viele unnötige Elend am Ende, Engelchen? Kommen dafür wenigstens Deinesgleichen, der Joe und die übrigen vierzig Räuber auf, Engelchen?

Krieg den Hütten, Friede den Palästen?

Joe? IHR Joe? Das kann sie nicht, da sei Friede vor! Also gut, spätestens dann wird Engelchen einsehen, dass einer für das angerichtete Elend am Ende wirklich zahlen muss, denn sonst schlagen die Abgewerteten vielleicht doch noch alles kurz und klein. Die Geschichtsbücher sollen sie ja als Euro-Engelchen beschreiben, nicht als Euro-Teufelin, die alles zerstört hat. Und deshalb wird sie schließlich auf eine revolutionäre Idee kommen: Eine Agenda 2020! Es gibt in ihrem Ländle so viele Sparer, die offensichtlich gar nichts gescheites mit ihrem Geld anzufangen wissen und die konnten schon einmal erfolgreich geschröpft werden, warum also kein zweites Mal? Und außerdem: in den südlichen Lieblingsurlaubsländern dürfen sich ihre Landsleute doch gar nicht mehr blicken lassen, also brauchen sie ihr Erspartes auch nicht mehr — Erholung am Mittelmeer, das wird dann eh Geschichte sein. Also wird sie sagen: Seht nach Süden, liebe Landsleute, es kann nicht sein, dass wir eine Währung haben und die einen, nämlich ihr, besitzen so viele Ersparnisse, und die anderen, nämlich unsere lieben Freunde im Süden, so wenige. Das ändern wir jetzt auch noch. Am besten ihr schnallt jetzt solidarisch eure Gürtel mindestens so eng wie die im Süden, dann dürft ihr euch in 10 Jahren da unten auch wieder blicken lassen. Jedenfalls vielleicht, wenn ihr brav seid und nicht mehr über unsere Verhältnisse lebt. Und mit „uns“ hat das solidarische Engelchen dabei ihre liebe Friede, ihren lieben Joe und die anderen vierzig Räuber im Sinn, mit denen sie so nett feierte, damals, in ihrem Kanzleramt. So versteht sie das „C“, für das sie herzlich Partei ergreift, und nur ein undeutscher Kulturbanause kann dieses „C“ mit „Zynismus“ übersetzen. Jedenfalls ihrer Meinung nach.

Das Springteufelchen?

Und so kam es, dass tatsächlich ein Euro-Engelchen in die (stets von den Siegern geschriebenen) Geschichtsbücher Einzug hielt und der Joe ohne selber je abwerten zu müssen die ganze Zeit hindurch Multi-Multi-Millionär blieb. Nein, nicht Euro- sondern Franken-Multi, denn er war Schweizer und hatte mit all dem eigentlich gar nichts zu tun. Und die gesamte Côte d’Azur, die Algarve, die Adria und die Ägäis gehörten am Ende allein ihm und den anderen vierzig Räubern. Sogar Engelchen wurde einmal eingeladen und durfte geschlagene zwei Wochen lang das Mittelmeerparadies der Multi-Multi-Millionäre bewundern, zum Dank. Dann hatten auch sie endgültig genug von der Pomeranze. Sie wurde nach Vorpommern verbannt und ward fortan nicht mehr gesehen.

Einige Mecklenburger mögen sich allerdings am Lagerfeuer vor ihren notdürftig eingerichteten Höhlen kopfschüttelnd die Saga erzählen, das Springteufelchen sei doch noch einmal gesichtet worden, nämlich als es sich durch die brach liegende Ostsee-Pipeline zum anderen Agenda-Agenten heimlich abgesetzt habe. Aber das wäre dann wirklich reinste Polemik. Denn dann käme der Gasableser-Gerd aus dem Trinken ja überhaupt nicht mehr heraus. Vermutlich prügelt sie sich stattdessen irgendwo auf der menschenleeren Mecklenburger Seenplatte mit dem heimatvertriebenen Ex-Gallier Nick, weil der dachte, sie wird’s schon wissen und sie dachte, der weiß bestimmt nix, und beide auf ewig unfähig sein werden zu erkennen, dass es sich eigentlich ziemlich genau anders herum verhielt.

Fotos:
Volker Pispers  –  Autor: Niko Bellgardt  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic license.
Sarkozy Karikatur  –  Autor: Karl Meersmann  –  Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.

2 Responses to Engelchens Höllenfahrt

  1. Thomas Kuehn says:

    „Wenn Sie keine Polemiken mögen, schon gar keine märchenhaft-alptraumartigen, dann sollten Sie jetzt vielleicht nicht weiterlesen.“ Danke für den Hinweis. Ich habe dann auch gleich aufgehört zu lesen.

  2. Ermelinda Tuzzi says:

    Ich vermisse Ihre Beiträge, Rupert Talia. Sich in Geduld übend, E.

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