Eurodämmerung (jetzt mit Übersetzung)

Von Rupert Talia

Paul Krugman

01.11.2011 — Nein, der Titel ist nicht von mir, er ist von Paul Krugman. Er schreibt unter diesem sehr deutschen Stichwort heute:

Die Frage, die ich gerade zu beantworten versuche, ist, wie der letzte Akt wohl aussähe. An diesem Punkt würde ich zunächst steigende Preise für Italiens Schulden vermuten, die zu einem gigantischen Banken-Run führen, sowohl wegen der Solvenz-Befürchtungen hinsichtlich italienischer Banken, als auch wegen der Befürchtung, dass Italien am Ende aus der Eurozone austreten könnte. Dieses würde wiederum zu notfallmäßigen Bankenferien führen müssen, und sobald das passiert wohl auch zu der Entscheidung, den Euro fallen zu lassen und eine neue Lira einzuführen. Nächster Halt dieses Endspiels wäre dann Frankreich.

Das klingt alles apokalyptisch und unwirklich. Aber wie soll sich diese Situation sonst lösen? Der einzige Weg, den ich sehe, so etwas zu vermeiden, involviert eine EZB, die ihre bisherige Haltung komplett verändert, und zwar schnell.

Letzteres wird nicht passieren und schon gar nicht schnell. Und Krugman ist nicht allein: Antonio Fatas schreibt heute:

Ich habe auch argumentiert, dass ich mir vorstellen kann, dass ein Land die Euro-Zone verlässt, wenn die politische Dynamik des Landes zu einer Volksabstimmung führt, wo die Frage nach der Euro-Mitgliedschaft nur noch als „wir gegen die“ wahrgenommen wird. In diesem Umfeld könnte man sich vorstellen, dass ein Land die Euro-Zone verlässt nur weil seine Bürger das Vertrauen in das europäische Projekt verloren haben und die anderen Länder nur noch als Feinde, nicht mehr als Verbündete wahrgenommen werden. (…)

Und während die Abstimmung zwar nur auf die Details des Plans abhebt, wird sie doch als ein Referendum über den Euro gesehen werden. Und dieses Mal wird es keine zweite Chance geben, die Abstimmung zu wiederholen, sollten wir mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein. Und meine Befürchtung ist, dass allein die Ankündigung einer Abstimmung und die Vorahnung eines solchen Szenarios bereits Monate vor dem Referendum zu einer Krise führen könnte.

Das kann sehr gut möglich sein, dass es gar nicht mehr bis zu einem griechischen Referendum kommt. Die Lage Italiens am Bondmarkt hat sich in den beiden letzten Tagen dramatisch verschlechtert. Und auch Fatas ist nicht allein: Robert Reich schreibt heute:

Worauf vertrauen Sie mehr: auf die Demokratie oder auf die Finanzmärkte?

Der griechische Premierminister Papandreou entschied sich gestern für die Demokratie, als er ein nationales Referendum über die drakonischen Kürzungen ankündigte, die von Europa und dem IWF im Gegenzug für weitere Rettungsaktionen gefordert werden. (Oder, genauer gesagt, die Europa und der IWF für die Rettung von großen europäischen Banken fordern, die Griechenland viel Geld geliehen haben und andernfalls große Verluste verkraften müssten, sollte Griechenland diese Darlehen nicht mehr bedienen – ganz zu schweigen von den Wall-Street-Banken, die ebenfalls zu leiden hätten wegen ihrer engen finanziellen Verflechtungen mit europäischen Banken.)

Sollte Griechenland Bankrott anmelden, dann würden natürlich globale Investoren (aus Angst vor einem bedrohlichen Präzedenzfall) ihr Geld aus Italien abziehen. Dies würde mit ziemlicher Sicherheit den Bankrott mehrerer großer europäischer Banken nach sich ziehen – und eine Panik an der Wall Street erzeugen. Deshalb übt [US-Finanzminister] Tim Geithner Druck auf Europa aus, Griechenland auf jeden Fall zu retten. (…)

Also, anstatt dass „Wall Street“ mit den Konsequenzen ihrer eigenen Fahrlässigkeit zu leben hat, wird sie von uns gerettet – und unter den daraus resultierenden Konsequenzen lassen wir die „Main Street“ Amerikas leiden. Aber die Amerikaner wurden nicht wirklich konsultiert. Es war ein Inside Job.

Im Ergebnis prosperierte die Wall Street, jedoch nicht der Rest der Nation. Einer von vier Haus-und Wohnungseigentümern ist mittlerweile „unter Wasser“ und schuldet jeweils mehr an Hypothek, als die Häuser noch wert sind. (…)

Also, welches soll es nun sein? Das Gesetz der Demokratie oder das der Finanzmärkte? Nach allem, was in Amerika passiert, würde ich das erstere wählen.

Yannis Varoufakis

Ich stimme ihm zu – allerdings wäre das Referendum eindeutig früher notwendig gewesen. Und auch Reich ist nicht allein: Yanis Varoufakis bloggt heute:

In diesem Moment verlasse ich Griechenland mit dem sicheren Gedanken, dass unser Ministerpräsident kurz vor dem Sturz in sein eigenes Schwert steht, während unsere europäischen Politiker sich den Kopf kratzen und überlegen, was um alles in der Welt sie vergangene Woche in Brüssel beschlossen haben. Die einzigen Leute, die derzeit Spaß haben, sind die Hedgefonds-Manager (aus Gründen, auf die ich demnächst einmal tiefer eingehen werde, sobald ich auf amerikanischem Boden bin). Mit all diesen Gedanken im Hinterkopf gibt es vielleicht keinen besseren Zeitpunkt, Europa mit dem Ziel Amerika zu verlassen, um dort unseren bescheidenen Vorschlag zur Lösung der Euro-Krise zu diskutieren.

Der griechische Ökonom Varoufakis hat die Euro-Abwärtsspirale klar vorausgesehen und vor Monaten ihren Ablauf im Detail beschrieben und illustriert. Warum nur reist er jetzt in die USA? Warum nicht zur EZB? Ach ja, ich vergaß, dort agieren ja Bundesbanker und die brauchen keine Hilfe, und wohl erst recht nicht von einem Griechen. Und so werden wir möglicherweise nie erfahren, ob die EZB vielleicht doch den Euro hätte retten können.

Bis Weihnachten jedenfalls werden uns Nachrichten über Italien, Spanien und wohl auch Frankreich voraussichtlich sehr viel mehr beschäftigen als über Griechenland. Der Risikoaufschlag für Zinsen auf 10jährige italienische Staatsanleihen ist heute auf ein neues Rekordhoch von +4,4% gesprungen. Merkel und Sarkozy treffen sich auch deshalb erneut zu einem außerordentlichen Krisengipfel im Vorfeld der G20-Tagung in Cannes. Ob sie dort ihre Meinungen radikal ändern, ihre Fehler einsehen und das Ruder radikal herumreißen werden? Ich fürchte nein.

Stellen Sie sich einmal vor, wir hätten Eurobonds. Würde irgendjemand heute auf den umfassenden Bankrott der gesamten Eurozone wetten? Ganz sicher nicht. Die Eurozone kann nur wegen ihrer Kleinteiligkeit, ihrer grundlegend unvollständigen Konstruktion und ihrer völlig verblendeten Wirtschafts- und Geldpolitik Stück für Stück aufgefressen werden. Häppchenweise, sozusagen. Darum erwähnt Varoufakis die Hedge-Fonds-Manager. Das Euro-Menü mit seinen 17 einzelnen Staatsgängen hat wohl etwas sehr Appetitanregendes für risikofreudige Zocker.

Mario Draghi

Die Kreditausfallversicherung (CDS) auf deutsche Staatsanleihen ist heute übrigens ebenfalls sprunghaft um 14,4% angestiegen. Das ist zusammen mit den ebenfalls sprunghaft gestiegenen Zinsaufschlägen auf französische Anleihen ein deutliches Zeichen dafür, dass die Varoufakis-Spirale tatsächlich bereits zügig auf dem Weg zum Kern ihrer Henkersmahlzeit ist. Krugman fragt den heute sein Amt antretenden neuen EZB-Chef Mario Draghi daher sarkastisch:

Aside from that, Mr. Draghi, are you enjoying your new job?

Mario Draghi wird vermutlich Geschichte schreiben – nämlich entweder als Euro-Retter und damit individuell herausragende Persönlichkeit, oder als blasser Technokrat und devoter Erfüllungsgehilfe der Euro-Totengräber. Eine andere Wahl hat er kaum, wenn kein Merkozy-Wunder geschieht. Zum Amtsantritt wünsche ich ihm und uns auf jeden Fall ersteres.

Fotos:
Paul Krugman  –  Author: David Shankbone –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.
Yanis Varoufakis  –  Author: εγω  –  This file is made available under the Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication
Mario Draghi  –  Author: European People’s Party  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license

 

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The question I’m trying to answer right now is how the final act will be played. At this point I’d guess soaring rates on Italian debt leading to a gigantic bank run, both because of solvency fears about Italian banks given a default and because of fear that Italy will end up leaving the euro. This then leads to emergency bank closing, and once that happens, a decision to drop the euro and install the new lira. Next stop, France.

It all sounds apocalyptic and unreal. But how is this situation supposed to resolve itself? The only route I see to avoid something like this involves the ECB totally changing its spots, fast.

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