Die EZB? Nein!!! Wie bitte? Nein! Nein! NEIN!

Von Rupert Talia

[Vom 26.10.2011] Martin Wolf sagt es. Paul Krugman sagt es. Paul De Grauwe sagt es. George Soros sagt es. William Black sagt es. Wolfgang Münchau sagt es. Barry Eichengreen sagt es. Und viele andere sagen es ebenfalls – unabhängig voneinander und aus ganz unterschiedlichen Standpunkten und Perspektiven: Die Eurozone braucht zum unmittelbaren Überleben die EZB als „Lender of Last Resort“, als letzten Kreditgeber in Zeiten der Not. Punkt. Und sie alle sowie die zahlreichen anderen haben das mehrfach wiederholt und untermauert.

Die Besserwisser-Experten Merkel, Schäuble, Rösler, Weidmann und Asmussen aber sagten und sagen: Nein. Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein! Und der Steinbrück-Peer stimmt natürlich heute mit ein: NEIN! Große Koalition – hatten wir schon. Kostete den deutschen Steuerzahler über 100 Milliarden Euro, damals, nach 2008.

"In die Scheiße geritten" haben uns die Investmentbanker laut Helmut Schmidt.

Diese unsere Besserwisser sagen: Nein, viel besser ist es, wenn wir „hebeln“. Denn das hat früher schon ganz prima funktioniert. Mit Hebeln kann man aus wenig echtem Geld sehr-sehr-sehr viel „Scheiße“ machen (nach Helmut Schmidt). Wenn man aus subprime-Hypothekenkrediten der Sorte NINJA gewaltige Banker-Boni machen konnte, dann wird man doch wohl auch aus subprime-Staatsanleihen auf gleiche Weise einen ganzen Münchhausen-Schopf zurecht zwirbeln können! Unsere – jawohl, UNSERE – Zentralbank, die EZB, bleibt sauber und wird sich nicht weiter selbst beschmutzen mit dem Kauf von südeuropäischen Faulenzer-Staatsanleihen! Wir sind smart, wir verstehen was von „Finanzprodukten“, wir wollen jetzt auch mal! All die Krugmans, deGrauwes, Soros‘, Blacks, Wolfs, Münchaus, Eichengreens und wie die Eierköppe alle heißen mögen – das sind allesamt Spinner, bestenfalls Träumer. Wir wissen das besser. Punkt. Ende der Diskussion.

Diskussion? Welche Diskussion? Ich verstehe davon ja nichts, aber ich frage mich inzwischen dies: Wenn man Italien und Spanien für grundsätzlich solvent und kreditwürdig hält, warum soll man dann nicht bereit sein, beiden Staaten zu einem vertretbaren, vernünftigen und tragfähigen Zins (zum Beispiel zwischen 3 und 4 Prozent) das zur schlichten Abwendung einer irrationalen Marktpanikinsolvenz (sprich: zur Überwindung eines fundamental unbegründeten privaten Kreditstreiks) notwendige Geld vorübergehend direkt zu leihen? Es wird ja nicht verschenkt, sondern nur geliehen und von diesen später – wenn die selbsterfüllende Krise überwunden ist – zurück gezahlt.

J.P.Hebel: "Kein End! O daß sich Gott erbarm, Nun sind wir wieder alle arm."

Also warum? Weil man glaubt, die zahlen es nicht zurück? Das wäre meine Erachtens extrem unlogisch, denn dann müsste man die gemeinsame Währung sofort auflösen, da man seine engsten Partner für mutwillige Pleitiers hielte, die nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, ihren eigenen Staat für bankrott zu erklären, um alle Zahlungen einstellen zu können. Zugleich spräche dieses Argument aber auch gegen Hilfen mittels eines potenziell toxischen Hebels. Das also kann es nicht sein.

Daher noch einmal: Warum? Weil man glaubt, dass beide grundsätzlich keine vernünftige und verantwortliche Haushaltspolitik betreiben, wenn man sie nicht den – am Ende selbsterfüllend tödlichen – Zinsstrafen irrationaler (und/oder profitgieriger) Marktteilnehmer überlässt? Das wäre ebenso unlogisch, denn dann müsste man ebenfalls die gemeinsame Währung sofort auflösen, da man seine Partner für haushaltspolitisch ohnehin völlig unfähige Pleitekandidaten hielte. Und auch das spräche zugleich gegen einen potenziell toxischen Hebel. Das kann es damit auch nicht sein.

Also warum nur? Weil man Angst hat, dass das wie „Geld drucken“ sei und unverzüglich in die Inflation führe? Das wäre in surrealem Maße realitätsfremd borniert, denn die Erfahrungen in der Schweiz 2011, in der Eurozone selbst 2009/10, in den USA 2008 und in Japan ab ca. 1990 beweisen das Gegenteil. Außerdem könnte einer dennoch später aufkommenden Inflation mit entsprechender EZB-Geldpolitik und EU-Steuerpolitik entgegen gesteuert werden, sobald erst die momentan wirklich dramatische Deflationskrise überwunden ist. Es gliche doch einem psychiatrischen Wahn, wenn man einem Verblutenden die rettende Transfusion jetzt verweigerte nur weil das unter normalen Umständen einen Bluthochdruck bedeuten könnte.

Warum also dann, verdammte Hacke? Weil man es schlicht nicht besser weiß und sich nur als Besserwisser aufführt, wie immer? Also warum? Schlicht DARUM! Aus Prinzip. Weil Elektronen tapfer und Prinzipien wichtig sind, basta. Und die Frage, ob diese Prinzipien denn überhaupt noch richtig und zeitgemäß sind, stellt sich gar nicht erst – aus Prinzip! Wo kämen wir denn hin, wenn Prinzipien in Frage gestellt werden dürften? Eben! Das erklärt denn auch die Nicht-Diskussion mittels Übereinkunft einer 4-Parteien-Blockflöten-Koalition.

Wirtschaftswaise: Philipp "Sei kein Frosch" Rösler

Allein darum scheint den Besserwissenden ein potenziell toxischer Hebel geeigneter. Er soll den aus Prinzip bornierten, nichtwissenden, geistesnackten Euro-Kaiserinnen und Kaisern noch einmal ein letztes neues Kleidchen umlegen. Seht her! So prächtig und prunkvoll! Unser neues Hebelkostüm! Wohlgemerkt: Das Hebeln bezieht die zu Hebelnden – unter anderem Italien und Spanien – in den Hebel mit ein (sozusagen „Selbsthebelung“, offensichtlich vom Münchhausen-Typ). Und diese ganze verwegene Finanztechnokratie dient einzig und allein dazu, dass man um alles Eingemachte, um alle wirklich grundlegenden Probleme der Eurozone (einschließlich demokratischer Prinzipien) herum schiffen kann. Und das ist durchaus genau so doppelbödig formuliert, wie das Hebeln im Kern konstruiert ist.

Nein, damit ist es noch nicht genug, leider. Denn das potenziert Gefährliche könnte nun sein: So richtig scheinen sich unsere Finanz-Besserwisser das Hebeln dann doch auch wiederum nicht zuzutrauen. Zahllose Experten schätzen, dass etwa 2 bis 4 Billionen Euro „Feuerkraft“ benötigt würden, um sowohl die Finanzmarkthühner, als auch die dort kreisenden Geier und Haie wirklich und vor allem wirksam erschrecken und abschrecken zu können. Die neudeutsche Finanz-Panzerfaust namens „EFSF-Hebel“ soll demgegenüber jedoch nur für höchstens eine Billion Euro gut sein. Warum? Weil Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist! Das aber könnte am Ende – je nach dem wer Recht hat – ein quadriertes Scherbengericht geben: Nicht nur die falsche Waffe, sondern auch noch das falsche Kaliber. Na, zum Glück werden wir von Experten regiert, die es den vielen aufgeregten Eierköppen an den Seitenlinien schon zeigen werden. Oder etwa nicht? Der talentierte Herr Rösler lässt seine Duz-Freundin Angela von beider Idol Udo Jürgens gelegentlich herzlich grüßen … ?!

Wie gut wenigstens, dass im Falle des Falles die dann völlig unnötigerweise krachend zusammenfallende Eurozone – zumindest in der Phantasie unserer Besserwisser-Experten – mit einer stets makellos prinzipientreuen EZB in die Geschichte eingehen wird, einer EZB, die unerbittlich — jedenfalls solange sie existierte, also bis zum Crash, eisern und impeccably!“ — tadellose Preisstabilität geliefert hat. Ein Einsturz der Eurozone würde ja als erstes diese ihre eigene makellose Zentralbank dahinraffen – und erst nach ihr die Sintflut entfesseln. Typisches Banksterdenken?

So alternativlos wie Atomkraft: Merkel

Nach all dem könnte man allerdings auch zu einem ganz anderen Schluss gelangen: Merkel sagt zwar, dass sie alles tun wird, den Euro zu retten. Aber was sie tatsächlich tut, könnte gleichwohl auch als eindeutig auf das Gegenteil hinauslaufend (zusteuernd?) interpretiert werden. Sagte sie nicht auch einmal, Kernkraft sei alternativlos? Und sagte sie nicht auch, dass Urheberrechte äußerst schützens- und achtenswert seien? Und was sagten gerade erst neulich viele aus ihrem Umfeld zu Schuldenschnitten und Hebeln? Na? Was sie reden ist schon bemerkenswert oft das Gegenteil von dem, was sie tun. Und umgekehrt. Wenn gerne voltierende Physikerinnen mit Massenvernichtungswaffen hantieren – erst recht finanziellen -, aber ständig das Gegenteil behaupten, dann scheint äußerste Vorsicht, große Skepsis und tiefes Misstrauen nicht bloß gerechtfertigt, sondern geboten.

Und da sind wir wieder: Die Vertrauenskrise vertieft sich immer weiter. Wie viel Misstrauen verträgt wohl ein auf nichts als Vertrauen gegründetes System? Was der Römer Nichtsalsverdruss darauf antworten würde, wissen wir nicht, aber John Kay von der Financial Times – immerhin gleichfalls einer, der nicht die EZB im Zentrum einer Lösung sieht, sondern ausschließlich lokale Institutionen und Regierungen – beendet seinen äußerst pessimistischen Artikel heute so:

John Kay (FT): Whenever you assert responsibility for issues you do not have authority to tackle, you risk a crisis of credibility that undermines the authority you do have. Europe’s leaders see themselves as mustering resources for a war with the markets: a war which they will lose, not just because they will never find sufficient resources to defeat the markets, but because they are really fighting reality.

Das ist aus meiner Perspektive doppelt falsch und nur deshalb im Ergebnis wiederum völlig richtig: Diesen realitätsfremden „Krieg“ verlieren sie wohl, aber nur, weil sie ihn gar nicht führen, sondern nur so tun als ob. Mit falschen Waffen und mit Munition des falschen Kalibers. Ist das nun Dummheit oder Absicht? Falls das aber wider allen gegenteiligen Erwartens doch funktionieren sollte, dann müsste ein historisch einmalig großes Heer von ziemlich respektablen Experten, Nobelpreisträgern und anderen Abbitte leisten und vor Merkel-Rösler und Co. ihren Kotau machen. Mich eingeschlossen, aber das macht fast nichts, denn ich bin kein Experte, sondern versuche nur, in diesen völlig abgefahrenen Zeiten ein kritisch informiertes Souverän-Atom zu sein. Und das ist schon schwierig genug. Sorgen um einen Kotau mache ich mir dabei tatsächlich am allerwenigsten.

Bei der Aufnahme eines frischen Milliardenkredits musste das Land am Donnerstag Rekordzinsen zahlen.

[Update 31.10.2011] Also das mit dem Kotau kann man wohl jetzt schon getrost zu Akten legen. Die Börsen stürzen heute Vormittag  wieder ab und die Risikozinsaufschläge für italienische Staatsanleihen (und ebenso für spanische und französische) schießen in die Höhe. Rettung sieht wirklich anders aus, ganz anders. Merkels blinder Kurs auf Sicht hat gerade mal zwei Tage gehalten und nicht einmal das Wochenende wirklich gerettet. Na ja, es kommt ja nun bereits am 03.11.2011 ein G20-Gipfel, da kann (und muss) die unsägliche Euro-Retterei wohl bereits dringlich weitergehen. Dieser „Gipfel“ steht unter dem schönen Motto „New World. New Ideas.“. Na dann: Die „neue Idee“ wäre: Setzt endlich die EZB voll zur Rettung ein, oder die „neue Welt“ wird eine ohne den Euro sein! Verdammte Hacke.

Fotos:
Philipp Rösler  –  Author: Fdp nds  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.
Atomic Merkel  –  Author: ORDENssekretariat.at  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

One Response to Die EZB? Nein!!! Wie bitte? Nein! Nein! NEIN!

  1. DCWorld says:

    Schon die Ankündigung von Frau Merkel, dass Details erst noch geklärt werden müssen, war ein Armutszeugnis. Es gab zu keiner Zeit eine Lösung und wird es auch keine geben.

    Auch der berühmte Hebeltrick funktioniert nur, wenn es gelingt Schwellenländer zum Kauf europäischer Anleihen zu bewegen, sonst hebelt sich rein gar nichts.

    Ein Erklärung wie der Hebel funktioniert:
    http://www.start-trading.de/blog/2011/11/01/kauft-china-europa/

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