Weiterhin keine Kaufverhandlungen, aber die Sache „findet statt“

Die Presse soll Sie, verehrte Leserinnen und Leser heute Folgendes wissen lassen: Die Errichtung des 50-Millionen-Objektes European Textile Center „findet statt“. Auf die einzig wesentliche Nachfrage der versammelten Pressevertreter bei der Pressekonferenz am gestrigen Donnerstag im Rathaus zu Schwarzenbek, nämlich was denn nun Herr Zhu zum Schicksal des Heimtextilcenters sage, antwortete Herr Ruppert kurz, knapp und deutlich: „Findet statt!“

Die Ehre dieser Frage gebührt Herrn Jürgensen von der BZ. Auch die anderen Journalisten arbeiteten Fragen ab, die zur Berichterstattung gehören, aber eine kritische Hinterfragung, was denn die Teilnehmer der gerade zurückgekehrten Delegation so sicher mache, dass das Projekt auf jeden Fall stattfinde, stelle ich mir anders vor. Mit zunehmendem Unwillen quittierten nicht nur die offiziellen und sonstigen Reiseteilnehmer, sondern auch manche Mitglieder der Presse die Nachfragen des „Schmierblogs“ (Zitat: Silke Geercken, LN). Warum so misstrauisch, schienen die Gesichter auszusagen, und vielleicht wundern Sie sich ja auch? Nun, wenn der Reiseteilnehmer Helge Harms verkündet, dass „deutlich wurde, dass auch umgesetzt werde, was geplant sei“ und der Reiseteilnehmer Benno Brassat (Geschäftsführer der Aktivregion) „keinen Grund (sieht), an der Wahrhaftigkeit zu zweifeln“, dann wird man als Journalist fragen müssen, woran die das denn festmachen. Gerade die nahezu kindliche Begeisterung mancher Reiseteilnehmer für die schiere Größe des nicht zuletzt mit moderner Sklavenhaltung geschaffenen chinesischen Wirtschaftswunders mutet derart naiv an, dass Skepsis eigentlich Pflicht jedes Berichterstatters sein müsste. Und daher fragte ich beharrlich, was denn die Schwarzenbeker so sicher mache, dass jetzt nur noch über die Umsetzung geredet werden müsse.

Die Reisegruppe ist zurück und voller guter Hoffnung

Eine Broschüre ist es und Fotokopien wurden auch gereicht. Aus denen geht hervor, dass auf Seite 48 der Selbstdarstellung unter „Overseas Business“ Fotos der Vertragsunterzeichnungen abgebildet sind und das Projekt angerissen wird. Aber das ist nicht der einzige Beweis, sondern die Reiseteilnehmerin Uschi Frank las das auch aus dem Verhalten des Herrn Zhu, obwohl der doch bei der Eröffnung seines Centers eigentlich gar keine Zeit hätte haben dürfen, sich diese aber „genommen hat, um bei uns zu sein“. Und nicht nur das, er wich förmlich kaum von der Seite der Delegation, und davon war auch der Reiseteilnehmer Hans-Jürgen Linde „fasziniert“. Er hatte sogar „nicht das Gefühl, dass er (Anm.: Zhu) woanders gebraucht würde“. Auch für Linde steht fest, dass man „zu der Unternehmung steht, sich zu der Sache bekennt“. Und war man nicht auch im Rathaus offiziell empfangen worden und durfte nicht auch Herr Ruppert ein Grußwort bei der Eröffnung des Die-shi-qiao-Heimtextilcenters sprechen? Helge Harms erkannte genau, dass man „sich gebauchpinselt fühlen konnte und das wohl auch sollte“. Wie würden Sie das finden, wenn Sie bei der Eröffnung des weltgrößten Heimtextilcenters neben dem Botschafter Pakistans und Vertretern einiger arabischer Staaten (Irak? Iran? Man war sich nicht ganz sicher.) wenn nicht in der ersten, aber doch in der zweiten Reihe stünden? Ich persönlich würde das böse Gefühl nicht los werden, dass außer mir sich wohl nicht gerade die exquisitesten Gäste für diese Veranstaltung gewinnen ließen. Den Schwarzenbekern und der noch umfangreichereren, weil teilweise mit Kind und Kegel angereisten Lauenburger Reisegruppe, schien das nicht so zu gehen. Nachdem man der Einladung der „Partnerstadt“ auf eigene Kosten gefolgt war, möchte man den Gedanken, eventuell als Staffage missbraucht worden zu sein, vielleicht auch gerne verdrängen.

Bei der Eröffnungsfeier des Die-shi-qiao-Centers

Heike Wladow wusste zu berichten, dass bei der Reise alles ganz straff durchorganisiert war. Der Zeitplan wurde peinlich genau eingehalten, alle Sitzplätze waren stets beschildert, Die Reden und die Aufführungen (sogar Kabarett war dabei) waren natürlich alle auf chinesisch und es wurde nicht ganz klar, ob der Mitarbeiter von Herrn Zhu, der mittlerweile in Schwarzenbek ansässige Geschäftsführer der ETC, Herr Hao Haung, diese simultan übersetzte. Außer ihm hat niemand übersetzt und Herr Zhu selbst scheint auch nur chinesisch zu sprechen. Jedenfalls wurde der Wunsch nach einer E-Mail-Adresse oder sonstiger Kontaktmöglichkeit abschlägig beschieden. Eventuell könne er bei einem der nächsten Besuche der Presse vorgestellt werden. Jedenfalls schien keinem der Teilnehmer seltsam vorzukommen, wie eng betreut man war und wie wenig Spielraum es gab. Wich Herr Zhu eventuell deshalb nicht von der Seite, damit möglichst kein falsches Wort zur falschen Zeit erfolgen konnte? Kann es sein, dass Herr Zhu „Overseas Business“ auch in irgendeiner Form nachweisen muss, um die Möglichkeit zu haben, nennenswerte Beträge außer Landes zu schaffen und sich einen Wohnsitz in Deutschland zuzulegen? Ist es vorstellbar, dass ein Unternehmer wie Zhu weiß, wie schnell der Wind in China drehen und wie trefflich es dann sein kann, eine Ausweichmöglichkeit zu haben?

Ich will hier wirklich nichts unterstellen, aber die anhaltende Blauäugigkeit – als solche muss ich sie ja werten – ist schon erstaunlich. Genau so erstaunlich wie die chinesische Geschwindigkeit, denn auf einmal war die auch wieder da. Erinnern Sie sich, wie Herr Delfs je nach Bedarf, die chinesische Gangschaltung spielt? Mal sind die schnell, mal haben die alle Zeit der Welt. Momentan sind sie wieder schnell, denn nicht nur Herr Brassat zeigte sich enorm beeindruckt, von der Geschwindigkeit und der Größe und dem jungen Durchschnittsalter der asiatischen Tiger. „Die sind alle hungrig, alle wollen voran, da geht die Post ab!“, schwärmte er und konnte dort offenbar nicht schnell genug seine Visitenkarten verteilen, die wegen des EU-Emblems darauf reißenden Absatz fanden. Aber warum dann um Gottes Willen dieser klägliche ALDI-Showroom nicht vorankommen mag, das weiß keiner so genau. Aber Halt, die arbeiten doch schon, und im Frühjahr 2012 sind die fertig. Schon? Ich kenne kein Unternehmen einer solchen Größenordnung (über 3 Milliarden Umsatz), dass mit einer vergleichsweise kleinen Nummer wie der des Umbaus eines Marktes derart viel Zeit vergeudet, wenn angeblich alle hungrig sind und Herrn Zhu die laut Brassat für deutsche Verhältnisse unvorstellbare Geschwindigkeit bei der Errichtung des Megamarktes in Haimen schon zu langsam war. Und wird Herr Delfs nicht jüngst wieder dahingehend zitiert, dass „wenn es langsamer geht als gewünscht, dann liegt es am deutschen Recht und nicht an Herrn Zhu“? Die angebliche 2-Millionen-Investition am ehemaligen ALDI-Markt geht jedenfalls erstaunlich schleppend voran.

Mag ja ein schiefes Bild sein, aber so furchtbar viel hat sich in dem ALDI-Markt noch nicht getan

Hans-Jürgen Linde äußerte dann noch seine Hoffnung, dass „nicht von irgendwelchen Seiten noch Steine in den Weg gelegt oder die Dinge auf die Spitze getrieben werden“. Das könne die Sache durchaus noch gefährden und „dem Gemeinwohl schaden“. Die Chinesen würden derzeit zwar noch abwarten, aber sie könnten auch woanders hingehen, warnte er. Auf meine Nachfrage, was das denn für dunkle Andeutungen wären, präzisierte er dahingehend, dass er die Verhandlungen über das Grundstück und die Preisfindung meinte, insofern also offensichtlich die Firma Fette mit „irgendwelchen Seiten“ gemeint war, was der Bürgermeister mit gequältem Lächeln quittierte und nicht etwa korrigierte. Darauf später telefonisch von mir angesprochen, zeigte sich der Geschäftsführer der LMT-Gruppe, Herr Dr. Michael Heinrich, reichlich konsterniert. Er könne nur immer wiederholen, dass die Firma Fette in 2009 entschieden habe, ein gewisses Areal, welches man bis dato für etwaige Expansionen reserviert hatte, nunmehr zu verkaufen. Daran habe sich bis heute nichts geändert und man würde sich freuen, „wenn das etwas mit dem chinesischen Investor wird“. Tatsächlich habe man aber bis zum heutigen Tag keinerlei Kontakt mit diesem Herrn gehabt und auch keinerlei Preisverhandlungen geführt.

Nachdem man einen kleinen Teil des Grundstücks, der auch nie in den offenbar gedachten 60.000 m² für Zhu enthalten war, selbst nutzen möchte und feststellen musste, dass auch für diesen kein Flächennutzungsplan und kein Bebauungsplan existierte, habe man sich nun entschlossen, diese Pläne für das gesamte Areal aufzustellen und hierfür auch die Kosten zu tragen, da Schwarzenbek das nicht leisten könne. Selbstverständlich werde man die anteiligen Kosten aber auf einen späteren Käufer umlegen. Und ebenso selbstverständlich werde man das Grundstück nicht erschließen, ohne dass klare Verhandlungen mit einem Käufer über diese Kosten stattgefunden hätten. Im Übrigen liege der Firma Fette auch kein Schrieb des Herrn Zhu vor, wonach etwa die Stadt Schwarzenbek oder die Marketing GmbH in dessen Namen verhandeln dürfe. Ein wenig wundere er sich schon, führte Dr. Heinrich weiter aus, wie man mit dem größten Arbeitgeber der Stadt umgehe, wenn immer wieder seltsame Gerüchte gestreut würden, als wenn Fette irgendwelche Preisverhandlungen geführt hätte. Das sei definitiv nicht der Fall. Aber irgendwann müsse ein Käufer dann auch mal auftreten und er sei sich sicher, dass man dann auch zu einem Ergebnis käme. Sollte sich nun morgen ein anderer Interessent melden, denn immerhin gäbe es zwischen Schwarzenbek und Hamburg kaum ein vergleichbares Areal („Das ist ein Asset“), würde man sicher nicht verkaufen, ohne die Stadt zu informieren, aber „spätestens dann müsste Herr Zhu in Erscheinung treten und sich verbindlich erklären“, gab nun seinerseits der Fette-Chef den Ball an die Stadt zurück.

2 Responses to Weiterhin keine Kaufverhandlungen, aber die Sache „findet statt“

  1. Robert T. says:

    Abenteurer Andreas
    In Lauenburg gibt es brennende Probleme (Museumsbau, Schulbau, Schulden…)- und der Herr Bürgermeister Thiede hat nichts Wichtigeres zu tun, als nach China zu gurken und dort auf dem ihm zur Verfügung gestellten gelben Punkt auf der Bühne wie ein Schuljunge aus der zweiten Reihe in die Kameras zu gucken.
    Echt engagiert!
    Die Lauenburger vergeben übrigens einen sog. Lauenburger Teller und den „Rufer“ für besondere Verdienste- ob auch für Reiseclubs entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn ja, ist er auf dem besten Weg zur Ehrung- immerhin war er in diesem Herbst auch schon in Indonesien.
    Ob für Lauenburg, Schwarzenbek, sich selbst, zur Meditation oder Mediation, um die Opposition auf Spur zu bringen?! Wer weiß das schon.
    Am Mittwoch Abend jedenfalls tagte die Lauenburger Stadtvertretung: Wer extra für einen spannenden Reisebericht, womöglich Anekdoten oder gar Nennung konkreter Erfolge oder neuer Termine der langen Reihe von Planungen und Vorhaben des Chinadeals den beschwerlichen Weg in die Elbstraße auf sich nahm, sah sich enttäuscht:
    „Kontakte knüpfen und pflegen.“ Das hat der Herr Bürgermeister in der letzten Woche nämlich in China auf eigene Kosten gemacht. Mehr offensichtlich nicht. In Zeiten von Internet und E-Mail ein geradezu tollkühnes Unterfangen.
    Ach nein, der echte Abenteurer würde das Risiko eingehen und per E-Mail seine eigene Meinung im Reich der Mitte zu verbreiten suchen. Wie weit er damit käme, bei Internetzensur, eingeschränkter Meinungsfreiheit und Menschenrechtsverletzungen, könnte Teil seiner nächsten Abenteuer werden. Fortsetzung folgt.

  2. Bekannnt says:

    Wie blauäugig muß man eigentlich sein um fest zu stellen, daß diese unendliche Geschichte eine Seifenblase ist, die bald plazt.
    Alle großen Textilketten haben Ihren Zenraleinkauf die benötigen kein Handelszentrum, die Produkthersteller fliegen mit Ihrer Kollektion zu den Firmen und verhandeln vor Ort, nur dieses verschweigen sehr gerne die Chinesen. Warum steht Aldi immer noch leer da? Warum wird Fette nicht mit eingebunden, ist man in Schwarzenbek so überheblich geworden nur weil ein Laie keine Ahnung hat vom Einkauf in der heutigen Zeit, machen Sie sich doch mal schlau und schauen Sie mal hinter die Kulissen von diesen Textilketten, aber dazu lassen Sie es gar nicht kommen, denn Sie wollen mit aller Macht eine Bauruine haben und die Stadt noch mehr verschulden, wann wachen endlich die Damen und Herrn auf und bringen die Seifenblase zum platzen, soll sich doch Herr Tiede die Zähne daran ausbeissen, er hat doch den Mist angefangen.
    Bringt die Schulden in Ordnung, das ist viel wichtiger als alles andere.

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