Anosognosie

Sicher ist der Titel für die allermeisten ein Zungenbrecher: A-noso-gnosie. Dabei steht er nur für „fehlende Krankheitseinsicht“. Der medizinische Begriff stammt aus dem Griechischen: A – nicht; nosos – Krankheit; gnosis – Erkennen. Das Nichterkennen-Können der eigenen Krankheit. Ein berühmter Patient war angeblich (laut F.A.Z.) Jacques Chirac. Aber vielleicht hat sich der Gerichtsgutachter auch geirrt, das soll gerade in solchen Fällen (Vorwurf des Nepotismus) immer mal wieder vorkommen. Und dass die Anosognosie inzwischen gar ein „medizinischer Modebegriff“ sei, dürfte wohl ausschließlich der blühenden Phantasie des FAZ-Feuilletonisten geschuldet sein, zumal dieser gleich ganz Frankreich unter den Verdacht der Erkrankung stellt.

Angela Merkelnix

Die Assoziation, die mich umtreibt, ist sehr viel gravierender. Man stelle sich Folgendes vor: Die deutsche Kanzlerin würde – wiederholt und mit herzchenförmiger Handhaltung – betonen, dass „Europa scheitert, wenn der Euro scheitert“. Man stelle sich weiter vor, dass die deutsche Kanzlerin sagte, es müsse alles zur Rettung des Euro getan werden, und fortwährend beteuerte, es werde alles getan, was nötig ist. Ich weiß, dass das schwer fällt. Denn wir kennen die Diagnose: Der Eurozone fehlt es an wichtigen Instrumenten, die notwendig sind, um Stabilität zu gewährleisten. Ein solches Instrument wäre zum Beispiel, allen privaten und institutionellen Investoren, die am Finanzmarkt mit Staatsanleihen handeln, unmissverständlich zu demonstrieren, dass solvente Euro-Staaten – wie Spanien, Italien, Belgien – grundsätzlich stets über ausreichend Euros verfügen werden und deshalb niemals alleine wegen eines Kreditstreiks übernervöser Investoren pleitegehen können. Über ein solches Instrument verfügt jeder souveräne Staat, der seine eigene Währung und seine eigene Zentralbank hat. Nur eben kein einziger Euro-Staat, auch Deutschland nicht. Das ist der eine Teil der Krankheit.

Der andere Teil der Krankheit ist der, dass die stärkste Euro-Volkswirtschaft zugleich sowohl Export-Vizeweltmeister als auch Lohndumping-Europameister ist. Die bemerkenswerte Steigerung der Produktivität in Deutschland in der vergangenen Dekade hat zu besonders hohen Profiten deutscher Unternehmen geführt, mehr noch, zu überhöhten Profiten, denn im gleichen Zeitraum stagnierten die deutschen Löhne/Gehälter und Sozialleistungen wurden gekürzt, trotz des Booms. Dagegen kann kaum ein anderes Euro-Land konkurrieren. Und weil der EU-Binnenmarkt völlig offen ist, strömen sehr viel mehr preiswerte deutsche Waren und Produkte in die Peripherie, als Waren von dort nach Deutschland. Das Ergebnis ist ein deutscher Handelsbilanzüberschuss und in der Euro-Peripherie ein Defizit, also eine Verschuldung. Das Spiegelbild des deutschen Überschusses sind die Defizite andernorts, das erklärt nicht alles, aber doch vieles.

Früher konnten die anderen Länder den Wechselkurs ihrer Währung absenken, um das Defizit zu stoppen oder das Ungleichgewicht zu mindern und um im Exportwettbewerb wieder Boden zu gewinnen. Mit dem Euro haben sie diese Möglichkeit verloren. Inzwischen kommt erschwerend hinzu, dass die Staatsfinanzierer, also die Investoren an den Finanzmärkten, kalte Füße bekommen haben, wegen der sprunghaft angestiegenen Staatsdefizite nach der Finanzkrise 2008/2009 infolge der Bankenrettungen. Fatalerweise führt das dazu, dass Investoren Staatsanleihen der Peripherie zunehmend meiden. Und wieder spielt der freie EU-Binnenmarkt eine negativ verstärkende Rolle, denn das Kapital flieht jetzt aus der Peripherie und sucht zunehmend Schutz vor allem in deutschen Staatsanleihen, denn die gelten derzeit als viel sicherer, obwohl Deutschland einen höheren Schuldenstand als zum Beispiel Spanien aufweist. Die spanische Regierung ist gegen diesen Kapitalabfluss völlig machtlos, der EU-Kapitalmarkt ist ebenso frei wie der Warenmarkt.

Eurozone 2011

Das ungehindert fliehende Kapital verteuert aber für die Euro-Peripherie die Staatsfinanzierung, da nun höhere Zinsen für Staatsanleihen geboten werden müssen, um noch Investoren anzulocken. Die steigende Zinslast wiederum verschlechtert die Finanzlage der ohnehin benachteiligten und bedrängten Staaten noch mehr, mit dem Ergebnis, dass noch mehr Anlagekapital in vor allem deutsche Anleihen flieht, wodurch die Finanzierung von Italien, Spanien und anderen (inzwischen sogar Frankreichs) noch teurer wird. Und so weiter – eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale. Wer den Euro retten will, muss diesen selbsterfüllenden Todeskreislauf schnellstmöglich stoppen. Wer den Euro wirklich retten wollte, müsste unmissverständlich klar machen, dass es keinen Grund für derlei Panik gibt. Wenn es gar nicht anders geht, dann müsste er im Zweifel mehrere Billionen Euro vorzeigen, um sich Respekt und Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Wer das nicht tut, hat beides nicht – weder Glaubwürdigkeit noch auch nur Respekt – und erreicht gar nichts. Wer zögert und laviert, der zeigt nur, dass er selbst Zweifel hat (an Spanien, an Italien, an Belgien), und wird den Euro niemals retten können. Geld, Schulden, Vermögen – das alles beruht auf Vertrauen, vor allem in die Zukunft. Wer das Vertrauen zerstört, zerstört das System, zerstört den Euro.

Das ist – etwas verkürzt, aber nicht zu viel – der Kern der Euro-Krankheit. Und man muss diesen Kern korrekt erkennen, um die Krankheit erfolgreich behandeln zu können. Dazu muss man

(a) sagen, dass man alles tut, den Euro zu bewahren, sodann
(b) auch tatsächlich unverzüglich alles tun, um die Ankündigung glaubwürdig und zweifelsfrei umzusetzen.

Was genau zu tun ist, ergibt sich direkt aus der Diagnose, nämlich dass man

(a) glaubhaft, seriös und fachlich fundiert die Finanzkraft demonstriert, mit der allen solventen Euro-Staaten unbegrenzt liquide Euro-Mittel zur Verfügung gestellt werden – ganz gleich, in welcher Höhe! -, sodann
(b) einen ebenso seriösen und glaubhaften Plan vorlegt, der sich der Handelsbilanzungleichgewichte und des Lohndumpings korrigierend annimmt.

Das bedeutet, dass in Deutschland kurz- bis mittelfristig die Löhne und damit die Inflation steigen müssten, damit Defizitländer in unser Überschussland exportieren können, sodass sie wirklich die Chance bekämen, ihre Defizite abzubauen. Im Klartext und Ergebnis könnte das hierzulande unschlagbar preiswerte Produkte wie Feta, Olivenöl, Mortadella, Wein, Ouzo, Paella, Fiats, Seats etc. pp. für kaufkräftigere Bundesbürger bedeuten. Wie kann das Gros der Deutschen eigentlich dagegen sein? Dagegen ist wohl eher die deutsche Exportindustrie und die sparfanatische Politkaste als Erfüllungsgehilfe, oder nicht?

Dunkel ist es um den Euro schon geworden, wie lange werden die paar Sternchen noch funkeln?

Tatsächlich kann man in der laufenden Debatte hierzulande weder erkennen, dass die deutsche Regierung gemeinsam mit der EZB notfallmäßig bereit wäre, solventen Euro-Ländern prinzipiell unbegrenzte Liquidität bereit zu stellen, noch gar, dass die deutsche Exportwirtschaft ihren durch Lohndumping unfair ergatterten Wettbewerbsvorteil abzugeben bereit wäre und schon gar nicht, dass die Bundesbank über eine auch nur etwas höhere Inflation (sprich: auch höhere Löhne) hierzulande nachzudenken bereit wäre. All das wäre aber zwingend notwendig. Die Schweiz hat zum Beispiel sehr erfolgreich mit „unbegrenzter Liquidität“ gedroht (ohne diese dann einsetzen zu müssen!), um den Schweizer Franken gegenüber dem Euro bei einem Kurs von 1,20€ erfolgreich einzufrieren. Und Frankreich hat in den letzten Jahren demonstriert, dass regelmäßiges faires Lohnwachstum keinen hoffnungslosen Wettbewerbsnachteil bewirkt. In Deutschland aber ist man sich absolut sicher, dass man beides auf gar keinen Fall tun darf. Deshalb hören Sie die deutsche Kanzlerin auch nicht sagen, dass alles für den Erhalt des Euro getan wird und dass Europa scheitern würde, wenn der Euro scheiterte … oder doch?

Wir hören diese Worte wohl, allein uns fehlt der Glaube, denn wir hören weder zugleich auch etwas über unbegrenzte Solidarität mit solventen Euro-Staaten (etwa nach dem Beispiel der Schweiz), noch etwas über zeitnah fair steigende Löhne und Preise in Deutschland (etwa nach dem Beispiel Frankreichs). Wir hören stattdessen „Dem Land geht es gut!“. Und jetzt wissen Sie genau, was Anosognosie ist und werden erleben müssen, wie grausam diese Krankheit sein kann (allerdings weniger für die, die an ihr leiden, als vielmehr für alle anderen).

Ganz gleich, was sie daher redet: sollte die deutsche Regierung wirklich an Anosognosie erkrankt sein und – schlimmer noch – nicht nur sich selbst und das von ihr regierte Land für kerngesund, sondern zugleich alle Problemländer weiterhin für selbstverschuldet krank halten, dann werden wir uns zwangsläufig vom Euro verabschieden müssen. Und all denen, die sich über diesen Satz nun freuen, sei gesagt, dass sie sich gleichfalls dringend um stationäre Einlieferung bemühen sollten. Zumindest die Lohn- und Gehaltsempfänger sollten wissen, dass sie in diesem katastrophalen Falle nicht nur in den letzten 10 Jahren um ihren fairen Anteil betrogen wurden, sondern dann in den kommenden 10 Jahren gleich noch einmal betrogen werden würden, weil sie dann selbst für den Schaden des an ihnen begangenen Betrugs würden aufkommen müssen.

Hat damals Europa gerettet, umgekehrt wird es eher nichts.

Wenn der Euro auf diese kranke Weise scheitert, so scheitert nicht nur Europa, dann scheitert auch Deutschland, mindestens zu 99%. Und alles nur wegen mangelnder Krankheitseinsicht der Herrschenden und ihrer bisherigen Profiteure. Denn es müsste nicht sein, es bräuchte nur – endlich – Krankheitseinsicht, dann käme niemand mehr zu größerem Schaden. Geht es aber weiter wie bisher, dann werden es am Ende nicht nur die Griechen sein, die als Opfer einer uneinsichtig kranken Politik unsägliche Geschichte werden schreiben müssen. Denn mittlerweile ist Griechenlands Ökonomie quasi vollständig ruiniert (s.a. Artikel der Financial Times). Und auch das hätte nicht sein müssen. Die Troika war gewarnt worden. Wer zahlt jetzt für den verdoppelten Schaden, den die Troika zu verantworten hat? Der IWF? Die EZB? Die EU? Herr Schäuble? Nein, Sie und ich und die Griechen wissen, wer am Ende für kranke Politik und kranke Wirtschaftsinteressen zahlt, Anosognosie schützt vor Strafe.

Der eingangs zitierte F.A.Z.-Artikel könnte also dereinst ein historisch besonderes Zeugnis deutscher Arroganz sein, mit spitzem Finger Anosognosie bei anderen zu diagnostizieren, während man selbst als Hauptbetroffener eben dieser Krankheit Europa (erneut) sinnlos zugrunde richtet. Es braucht inzwischen einen Schwarzen Schwan, um das noch zu verhindern.

Fotos:
Angela Merkel  –  Author: Michael Panse  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic – license
EurozoneWikipedia
EZB  –  Author: Christoph F. Siekermann  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-license
Leonidas  –  Author: Interstate295revisited  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-license

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: