Fiat Pecuniam! – Teil 3

Von Rupert Talia

Teil 3: Der Kern der Krise ist mangelndes Vertrauen

Das Ganze macht jedenfalls  sofort klar, was den eigentlichen Atomkern einer Finanzkrise ausmacht: massiver allseitiger Vertrauensverlust. Die Banker wissen selbst ja sehr genau, dass ihr Geschäft im Kern darin besteht, zum möglichst großen eigenen Nutzen Schulden in die Welt zu setzen. Das ist nun einmal ihr Hauptgeschäftsmodell. Wenn sich niemand verschuldete, bräuchte es nämlich keine Banken mehr, denn alle hätten dann ja schon alles was sie brauchen, um ihre real notwendigen Dinge zu erledigen. Man muss sich das ganz nüchtern klar machen: Banken müssen die aggressivsten Lobbyisten des Schuldenmachens sein, denn davon leben sie, darauf baut ihr ganzes Geschäft auf, nur mit neuen Schulden können sie neues Geld erschaffen. Banken fördern die Verschuldung, Banken machen mit der Verschuldung ihrer Kunden Profit, Banken leben von Schulden.

Sieht gefährlich aus und ist es auch: Ninja

Ohne Schulden keine Vermögen und keine Investitionen und damit auch keine Banken, ganz einfach (über etwaige Casino-Banken für Superreiche würde kein Mensch reden, schlicht weil es nur unbedeutend wenige Superreiche gibt). Banken und vor allem Banker leben vom Schuldenmachen anderer (und wie gut einige davon leben, geradezu obszön gut). Die Banken kennen aber selbst sehr genau diesen ihren Fehlanreiz, nämlich im Wettbewerb um größtmöglichen Profit zunehmend Kreditrisiken einzugehen, was letztlich nichts anderes heißt als zu viele Kredite zu vergeben, darunter auch zu viele faule. Zertifiziert von privaten Ratingagenturen, was diese wiederum zu Recht in den Verdacht der Komplizenschaft bringt. Was aber alle untereinander nicht sicher wissen, ist, wer da wo wie genau operiert und wie sehr die Profit generierenden Kredite ggf. faul sind oder sein könnten. Das machte z.B. das toxische NINJA-Schnellballsystem aus: Abertausende Hypothekenkredite an arme Schlucker ohne Einkommen, ohne Job und ohne Vermögen, in komplizierten Instrumenten wie MBS und CDO versteckt, die als Pakete dann mit AAA bewertet wurden. Das war nicht genial, sondern schlicht kriminell im Volksmundsinne, mindestens völlig rücksichtslos).

Die Folgen des missbrauchten Vertrauens

Sobald sich eine (nun kaum noch verwunderliche) Vertrauenskrise dann intensiviert, werden die Banken rasch immer zögerlicher, sich untereinander noch Geld zu leihen und fangen an, Cash im großen Stil zu horten. Für manchen ist schon das ein starkes Indiz dafür, wie verrottet das Bankensystem als Ganzes bereits sein muss. Wenn dieses Horten erst mal eingesetzt hat, entwickelt sich ein desaströser, selbst verstärkender Prozess und verknappt am Ende in der ganzen Wirtschaft die Ressource „Geld“. Und (auch) durch diese Verknappung des zirkulierenden (nicht des insgesamt existierenden!) Geldes steigen dann die Schuldzinsen und Kreditausfallversicherungen (der Preis für den Rohstoff „Geld“) und jede, auch zuvor stabile Schuldenlast fängt immer mehr zu drücken an, sodass der Bedarf nach Kapital (Cash ist King in dieser Situation) noch mehr steigt – eine Todesspirale, ein circulus vitiosus, deflationär, nicht inflationär, zunehmende Kreditklemmen allerorten, drohende Insolvenzen (im Wesentlichen durch „Kreditstreik“ infolge gesteigerten Misstrauens, nicht so sehr aus echtem Geldmangel).

Leitzinsen seit Bestehen der EZB

Zentralbanken müssen dann den Leitzins immer weiter senken, um Schuldner etwas zu entlasten, neue Schulden zu ermöglichen und das Geldhorten zu stoppen, um es wieder flüssig und verfügbar zu machen. Bis sie (wie in den USA und Japan bereits geschehen) bei Nullzinsen anlangen, dann ist die Zinspolitik zur Bekämpfung der Deflation nämlich endgültig am Ende. Dann bleibt nur, dass System mit Öl zu schmieren, also mit Geld zu fluten. Dem wiederum stehen immer die strengen Inflationswächter widerständig entgegen, es kommt erschwerend zu heftigen Konflikten zwischen den Geldpolitikern und das Vertrauen lässt noch mehr nach, bei uns ebenso wie auf den Märkten, alle werden noch nervöser, und die Risikoaufschläge (Zinsen) steigen deshalb noch höher, was alles nur noch kritischer werden lässt und ersten Schuldnern die Insolvenz droht.

So bildet sich (natürlich stark vereinfacht) die Schulden-Deflations-Spirale aus. Sie ist ungemein virulent, sobald der Leitzins bei oder nahe Null liegt. Die EZB wird ziemlich sicher demnächst ihre Zinsen nach unten korrigieren, die USA und Japan sind bereits bei Null. Und noch einmal: Schulden kommen durch die Banken in die Welt, was im Kern nicht verkehrt oder schlecht ist, sondern nur, wenn das Kreditrisiko dem Bankensektor – wie geschehen – kostenfrei abgenommen wird. Dann gibt man rücksichtslosen Bankern das Signal und den Anreiz, im Zweifel Schulden ohne Ansehen des Schuldners zu produzieren und damit quasi die Erlaubnis, sowohl Geld für die eigene Tasche zu drucken (mehr Kredit => mehr Profit => mehr Bonus!), als auch zugleich alle anderen in der zuvor selbst produzierten Schuldenfalle gefangen zu halten (zu viel faules Risiko => Staat => hohe Zinsen => Volk => Sparmaßnahmen!).

Ob innerhalb oder außerhalb des Casinos: Am Ende gewinnt immer die Bank!

Die Banken (wenn auch nicht alle, sondern nur die aggressivsten und gerissensten unter ihnen) gewinnen immer. In Japan verfestigte sich das bereits 1998 als „Liquiditätsfalle“ (reichlich vorhandenes Geld, aber zu nichts anderem mehr gut, als ein statisch notwendiges Gegengewicht zu einem riesigen Schuldenberg zu bilden) und besteht dort bis heute fort. Keine Maßnahme der Zentralbank, die zeitweilig Yen wie verrückt erzeugte (also Fiatgeld erschuf), konnte das Festhalten von Cash signifikant durchbrechen. Man könnte auch sagen: sie hat verzweifelt (aber immer zu ängstlich, zu vorsichtig) versucht, zumindest ein wenig Inflation zu erzeugen – vergeblich. Die Banken nahmen das frische Geld in ihren Stock, um sich teils selbst zu entschulden (es also gleich wieder zu vernichten), teils wohl auch, um es in ihr nichtsnutzes Casino zu tragen und teils um sich durch Aufstocken des Eigenkapitals besser zu wappnen. Denn in der Spirale machen immer mehr Betriebe pleite und Kredite fallen aus (auch eine Form der Geldvernichtung).

Besonders schlimm: Finanzkrisen nach Immobilienboom

In dieser Situation hilft es dann auch nicht mehr, wenn die Leitzinsen bei Null liegen, also eigentlich das Geldhorten schon bestraft wird. Ist die zuvor aufgebaute Schuldenlast bei fortbestehender Deflation zu groß und das Vertrauen in die Zukunft weiter zu gering, dann steht trotzdem weiterhin Schuldenabbau und nicht Investition im Vordergrund, und zwar längerfristig. Die Zinsen müssten nun theoretisch noch weiter sinken, aber das geht nicht mehr, wenn sie bereits bei null liegen. Das Ganze ist besonders ausgeprägt, wenn die vorangegangene Schuldenblase eine Immobilienblase war, denn Immobilienschulden sind generell eher langfristige Schulden. Und genau so war es in Japan, und so ist es aktuell in den USA und in Spanien: angetrieben von rücksichtslos kreditfreudigen Banken im Gespann mit generösen Ratingagenturen und geduldet von desinteressierten, unfähigen, ahnungslosen oder schlicht gekauften Aufsichtsbehörden und Politikern. Wenn dann aber alle — die Haushalte, die Hausbesitzer, die Firmen, der Staat — gleichzeitig sparen, dann kann das Geld nicht mehr ausreichend zirkulieren. Das System verklemmt sich, wie ein Motor mit Kolbenfresser nach Ölverlust. Die Banken können das in der Realwirtschaft wegbrechende Kreditgeschäft trotzdem überleben. Solange sie ihr virtuelles Casino haben sind sie nicht ausschließlich auf eine investitionsfreudige Realwirtschaft angewiesen. Und solange Staaten bereit und in der Lage sind, den Zinsdienst der zuvor aufgehäuften Kreditschulden zu leisten und dafür Verschlechterungen der Lebenssituation ihrer Steuerzahler hinzunehmen. Und letzteres ist nur davon abhängig, wie lange diese sich das bieten lassen.

Fotos:
Leitzins: Author: Thomas Steiner – This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license.
Roulette: Author: Antoine Taveneaux – This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: