„Eine stolze Leistung“

Die Urkunde von 1961

Unter dieses Motto hatte Stadtarchivar Dr. William Boehart seinen Festvortrag zum Anlass des 50. Jahrestages der Verleihung des Europapreises an die Stadt Schwarzenbek am 28.09.1961 gestellt und sprach wohl im Sinne der Versammelten, als er nicht nur Schwarzenbek als Motor der Verbrüderung ehrte, sondern auch der Verwaltung, den Verbrüderungssekretärinnen und insbesondere der Europa-Union dankte, dass die Festveranstaltung nicht nur bei „Wasser und Brot“, sondern dank deren Arbeit und Spenden in einem würdigeren Rahmen stattfinden konnte.

"Keine andere Stadt in Europa hat das so erkannt und so wirkungsvoll geleistet wie Schwarzenbek", zitierte der Archivar aus der Begründung des Europarates für die Verleihung des Europapreises

In seiner Chronologie versuchte der Historiker das Publikum dafür zu sensibilisieren, was die Verbrüderungsarbeit nach den beiden Weltkriegen und einer 1.000-jährigen Geschichte der Kämpfe um die Vorherrschaft in Europa für eine Herausforderung darstellte. „Wie sollte man das Erbe der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts mit 15 Millionen Toten im ersten und 55 Millionen Toten im 2. Weltkrieg, wie die Erzfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland überwinden?“, fragte Boehart und erinnerte mehrfach daran, dass Aussöhnung und Verbrüderung nicht von oben angeordnet werden können, sondern gelebt werden müssen. Als im Jahre 1963 der deutsch-französische Freundschaftsvertrag im Élysée-Palast unterzeichnet wurde, hatte Schwarzenbek dessen Inhalt schon 8 Jahre lang praktiziert und darauf, so Boehart, „darf man ein bisschen stolz sein“. Insbesondere dem Engagement des damaligen Bürgermeisters sei das zu verdanken, befand Boehart. „Koch hatte erkannt, dass eine Stadt aus mehr als Wirtschaft und Verwaltung besteht“, referierte der Archivar. Auch eine Stadt habe eine Seele, eine Identität und benötige „irgend etwas, wofür sie steht“. „Wir bekennen uns zu Europa“, zitierte er Koch und berichtete, wie der mit viel Engagement eben nicht nur die Stadtwerdung betrieb, sondern auch die Europa-Union gründete und die Verbrüderung der zunächst vier und später sechs europäischen Städte betrieb. Aus dem Verbrüderungseid zitierte Boehart dann, man sei „nicht geboren, um in Hass zu leben“, sondern wolle unter Achtung der Persönlichkeit und Individualität der Anderen ein Haus des Friedens und der Freiheit bauen. Sinn der Verbrüderung sei es, dafür „einen kleinen Beitrag zu leisten“. Diese Bescheidenheit war Boehart eine besondere Erwähnung wert, auch wenn er konzedierte, dass Koch die Ehrungen und Würdigungen auch politisch zu nutzen verstand. „Aber das gehört dazu“ merkte er verschmitzt an.

"Offenheit, auch Weltoffenheit sind ebenfalls wichtige Punkte der Tradition der Verbürderungsarbeit"

Bewegt hatte sich zuvor auch der Kreispräsident gezeigt, der in der Eröffnungsansprache bekannte, die eingangs gespielte Europa-Hymne spontan mitgesummt zu haben. Meinhard Füllner zeigte sich erfreut, dass man sich in Schwarzenbek trotz aller Schwierigkeiten doch entschlossen hatte, den Tag zu begehen und die Idee entsprechend zu würdigen. Es käme immer darauf an, die Menschen auch zu inspirieren. Er selbst habe Koch auch noch persönlich kennengelernt, der mit seinem Engagement viele mitgezogen hätte. Heute sei es mehr denn je nötig, an die europäischen Ideale zu erinnern, die insbesondere vielen jungen Menschen abhanden gekommen wären. Es dürfe nicht sein, dass die Finanzkrise Europa wieder spalte. „Wir benötigen neuen Schwung, Europa auch in die Fläche zu bringen“, stellte Füllner fest, dass es nicht ausreiche, „wenn Staatsmänner Bekenntnisse verkünden. Koch habe das in besonderer Weise verspürt und diesem Ideal Rechnung getragen und der Kreispräsident ermunterte Schwarzenbek, trotz aller finanziellen Problemen diesen Weg auch weiterhin zu beschreiten: „Es gibt keine Alternative zu Europa“. Das sah auch der anschließende Redner so. Bürgermeister Ruppert stellte seinem Grußwort ein Zitat Konrad Adenauers voran, wonach die Einheit Europas aus einem Traum weniger zu einer Hoffnung vieler wurde und heute eine Notwendigkeit für uns alle sei.Auch Ruppert betonte, dass eben nicht nur die Politik, sondern insbesondere die Menschen gefordert sind, den europäischen Gedanken in kommunalen Partnerschaften und gemeinsamen Projekten zu leben. „Um das zu tun, bedarf es einer Vielzahl von Menschen, gerade jungen Menschen, aber die sind ja auch heute mit dabei“, trug Ruppert vielleicht dem Umstand Rechnung, dass der Kinder- und Jugendbeirat mit mehreren Vertretern anwesend, aber über die Hälfte der Stadtverordneten fehlten.

Im Vordergrund die leeren Plätze der Stadtverordneten, im Hintergrund sind Mitglieder des SKJB zu erkennen

Die Abstimmung mit den Füßen hatte Europa jedenfalls mit 12 zu 11 verloren: CDU, FWS und Grüne glänzten jedenfalls mit annähernd vollständiger Abwesenheit. Lediglich Heike Wladow (CDU) und Jürgen Heitmann (FWS) wurden hier gesichtet, wobei Karsten Beckmann (CDU) selbstverständlich kraft Amtes anwesend war. Die FDP war mit beiden Stadtverordneten vor Ort und die SPD sogar mit sechs von sieben PolitikerInnen. Die Lücke im Auditorium war jedenfalls deutlich und beschämte das Engagement derjenigen, die sich so sehr für die Veranstaltung ins Zeug gelegt hatten. Diesen dankte Ruppert noch einmal und insbesondere den Sponsoren, die es ermöglicht hatten, dass auch ohne städtische Kosten ein würdiger Rahmen entstanden sei. Der Bürgermeister erinnerte dann noch an das Thomas-Morus-Zitat, wonach „Tradition nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“ sei und verband dieses mit einem schelmischen Lachen („Das wird sie jetzt nicht wundern“) mit der Rede des ehemaligen Außenministers Joschka Fischer vor der Humboldt-Universität im Mai 2000: Auf die selbst gestellte Frage „Quo vadis, Europa?“ fand auch Fischer die Antwort, dass man mit dem Einigungsprozess bis zu einer vollen Parlamentisierung  voranschreiten müsse.

Ging die Sache praktisch an: Kubelke

Weniger hochtrabend, dafür deutlich praktischer orientiert, zeigte sich anschließend der Vorsitzende der Europa-Union, Franz Kubelke. Während auch Meinhard Füllner bereits auf unseren östlichen Nachbarn hingewiesen hatte, brachte Kubelke  „Geschenke“ mit. Zum einen werde am 16. November ein Vertreter des polnischen Generalkonsulates in Schwarzenbek im Hotel Schröder sprechen, zum anderen habe er auch polnische Kandidaten anzubieten, die sehr gerne eine Städtepartnerschaft eingingen und auch an der Jumelage teilnehmen wollten. Kubelke wies vorsorglich darauf hin, dass auch den polnischen Nachbarn unsere Geldsorgen bekannt wären, und bat die Stadt: „Nehmen Sie dieses Geschenk an!“  Ein weiteres Geschenk überreichte er insofern, als die Europa-Union ein Komitee gegründet habe, um die Jumelage in 2015 „breit in die Hände der Bürger zu legen“. Man wolle Sponsoren finden und so Patenschaften für Besucher anwerben. Kubelke regte an, die Stadt möge doch pro einer privater Patenschaft eine öffentliche anbieten. Wer Geschenke bringe, der dürfe auch Bitten äußern, setzte Kubelke keck fort und regte an, doch bitte eine Straße und/oder ein Gebäude nach einer der Schutzheiligen Europas zu benennen. Er könne sich zum Beispiel gut vorstellen, die Europaschule in Edith-Stein-Gymnasium umzutaufen. Und schließlich war sich Kubelke auch nicht zu fein, die Anwesenden auf die Kollekte hinzuweisen: Gerne würde er es auch knistern hören!

Wolfgang Lehmann und Bernhard Hildebrandt werden vom Bürgervorsteher ausgezeichnet

Schließlich wurden auch noch zwei Mitbürger für ihre Verdienste um die Verbrüderung geehrt und das sicherlich auch mit großer Berechtigung. Sowohl Bernhard Hildebrandt, als auch Wolfgang Lehmann, aus dessem Besitz übrigens auch die meisten Fotos der Ausstellung im Foyer stammten, haben sich seit Jahrzehnten für die Idee mit Wort und Tat eingesetzt und waren insofern „Motoren“ der Entwicklung und haben sicher auch vielen ein Beispiel gegeben. Verstehen Sie es also bitte nicht falsch, wenn ich an dieser Stelle aber doch kritisch fragen möchte, wer die zu Ehrenden auswählte? Nun kenne ich persönlich niemanden, der es etwa mehr verdient hätte, aber wann wäre im Sozial- und Kulturausschuss – selbstverständlich nicht-öffentlich – darüber diskutiert worden? Aber ich will den Abend gewiss nicht trüben und noch einmal: Die beiden haben das mit großer Sicherheit verdient und man sah ihnen auch an, wie tief bewegt sie waren. Schön wäre aus meiner Sicht jedoch gewesen, man hätte vielleicht auch ein junges Gesicht ausgezeichnet gefunden, wo doch gerade die Jugend zurecht beschworen wurde. Europa sollte nicht nur ein Europa der alten Männer sein. Die wissen, teilweise ja noch aus eigener leidvoller Erfahrung, wie nötig und wie wenig selbstverständlich Europa ist.  Der offizielle Teil endete dann mit dem gemeinsamen Singen der Europa-Hymne, und man kommt nicht umhin festzustellen, dass es solche Momente nicht viele gibt, die zumindest in der Lage sind, so etwas wie Identität zu stiften. Und auch der anschließende Umtrunk mit kleinen Snacks führte zu vielen angeregten Gesprächen und brachte nicht zuletzt der weihevollen Stimmung eine gewisse und gesunde Erdung.

One Response to „Eine stolze Leistung“

  1. Bekannnt says:

    Hier sieht man ganz deutlich,daß es eingen Vertretern der Stadt egal ist wie es sich um die Verbrüderung steht. Ich hätte mir auch gewünscht, daß es wieder Jugendliche gibt, die sich um die Verbrüderungsarbeit verdient machen, vielleicht klappt es doch, ich setzte große Hoffnung auf den Stadtjugendring.

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