„Die Schrecken, die sie verübte, versteckte, verleugnete“

Von Rupert Talia

Wenn man so wie ich die Rede eines Staatsmanns vor einem Parlament der Predigt eines Autokraten vor stummer Publikumsstaffage vorzieht, dann folgt man dem NYTimes-Link zum Video des irischen Premierministers. Außerdem sind die drei Artikel lesenswert, na ja, mehr wissens- als lesenswert. Es tut bei all dem jedoch gut, diese (späte) Revolte der (zutiefst katholisch geprägten) Iren zum Schutz ihrer Kinder zu sehen. Sie sagt wohl alles über den dort abgelaufenen Schrecken. Und zugleich auch wie sehr uns unsere Politiker mit der flachen Hand ins Gesicht schlagen, jedenfalls fühle ich mich als Souverän-Atom durch die Pervertierung des Bundestags zum Papstforum schwer geohrfeigt.

„Aber Ehrfurcht, Respekt und Angst, den der Vatikan einst einflößte, haben etwas Neuem Platz gemacht – Wut, Ekel und Trotz – nach einer lange Reihe von entsetzlichen Enthüllungen über jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern, die der Kirche von einer ehrfürchtigen Bevölkerung anvertraut wurden. (.. ..) Und als der in der Regel sanftmütige Premierminister Enda Kenny unerwartet das Wort im Parlament in diesem Sommer ergriff, um die Kirche zu kritisieren, verlieh er nicht nur seinen eigenen aufgestauten Gefühle eine Stimme, sondern denen einer Nation . Seine Bemerkungen waren eine vernehmliche Erklärung der Herrschaft des Staates über die Kirche, mit Worten der Empörung und Entrüstung, die nie zuvor öffentlich von einem irischen Anführer verwendet wurden. (…) Statt demütig die herzzerreißenden Beweise für ‚Demütigung und Verrat‘ anzuhören, sagte Kenny, ’sezierte und analysierte der Vatikan diese mit dem bohrenden Auge eines kanonischen Anwalts.‘ (…) In einem kürzlichen Interview sagte Eamon Gilmore, Irlands stellvertretender Premierminister, dass Irland seine Rolle als ‚moderne Demokratie‘ behauptet hätte. Die Kirche würde nun nicht länger ihre früheren Privilegien und Befugnisse genießen, so wie in vergangenen Zeiten, als sie mit dem heimlichen Einverständnis der Regierung ‚effektiv die Sozialpolitik des Staates diktierte‘, sagte er.“

"Today, that Church needs to be a penitent Church. A church, truly and deeply penitent for the horrors it perpetrated, hid and denied."

Rebellion in Dublin: „In Irland hat das Zeitalter des Postkatholizismus begonnen, der Grund dafür ist die wachsende Empörung über Benedikts Amtskirche. Denn die, so scheint es den Iren, ist unfähig und unwillens, den jahrzehntelangen Kindesmissbrauch in ihren Reihen aufzuarbeiten oder überhaupt abzustellen – obwohl irische Gerichte schon rund 15.000 Opfern Entschädigungszahlungen zugesprochen haben.“ (DER SPIEGEL)

Hunderte von Kindern von 20 Priestern missbraucht: „Ein neuer schockierender Bericht wird aufzeigen,  wie bis zu 20 pädophile Priester Hunderte Kinder über einen Zeitraum von 40 Jahren in einer Diözese missbrauchten und einen erneuten Aufdeckungsskandal für die Katholische Kirche auslösen.  (…) Die Prüfung der Diözese wurde von Ian Elliott angeführt, dem Chef der Nationalen Behörde für den Schutz von Kindern in der Katholischen Kirche. Die Behörde wurde 2006 gegründet und hat bislang sechs der 26 Diözesen Irlands geprüft.“ (Independent.ie)

Es sind erst sechs von 26 irischen Diözesen untersucht aber schon 15.000 Opfer identifiziert worden, geraubte Kinderseelen. Wer also sagt und fragt hierzulande jetzt folgendes: „Kinder, Benedikt, es sind KINDER! Wie viele Tausend geraubte Seelen sind es weltweit insgesamt, Benedikt, wie viele? Ist denn nicht jede einzelne schon eine zu viel?“

Ich denke, keiner unserer Parlamentarier wird ihn das fragen. Denn die Zahl, fürchte ich, würde uns alle bis ins Mark erschrecken und versteinern. Aber diese Frage müsste gestellt werden, und zwar dem Papst, direkt ins Gesicht, ohne Möglichkeit auszuweichen. Aber eine Debatte ist ja ohnehin gar nicht vorgesehen. Wie kann man das als Parlamentarier mit sich machen lassen?

„Wie viele Kinderseelen, Benedikt? Wie viele wurden Opfer? Und wie viele werden es noch?“

Die Iren hätten ihren vatikanischen Nuntius aus dem Land gejagt, wenn der Vatikan ihn nicht noch gerade rechtzeitig selbst abgezogen und außer Landes geschafft hätte. Wir sollten uns das gerade hier und gerade jetzt sehr deutlich vor Augen führen. Aber hierzulande beugt man sich stattdessen tief vor dem für diese Organisation und ihr Tun Verantwortlichen. Ja, im Sinne ihres eigenen überhöhenden Dogmas, ist er für all das verantwortlich. Und wir? „Wir sind Papst“? Niederschmetternd. Ich gehöre nicht zu diesem abstoßenden „Wir“ dazu. Man sollte ihn und nicht mich und andere Protestierer dafür ohrfeigen (CDU/CSU: Protestboykott ist „schäbig, primitiv, skandalös „).

Weitere Untersuchungen in weiteren 20 Diözesen Irlands kommen erst noch. Wer soll das aushalten?

One Response to „Die Schrecken, die sie verübte, versteckte, verleugnete“

  1. Es wäre schön, dieser Artikel würde heute im Olympiastadion verlesen werden. Denn ob die Iren, Josef Ratzinger auch mit heiliger Vater begrüßen würden? Ob die Iren und ihre Kinder zu zigtausenden in ein denkmalgeschütztes Nazistadion strömen und lachen würden, wenn dem heiligen Vater ein Helm von der Jugend überreicht würde?

    In seiner bisherigen Amtszeit ist der Papst in manches europäische Land gereist. Selbst ins anglikanische Königreich ist er gekommen. Die erzkatholischen Iren? Hat er bis heute nicht besucht. Der „heilige Vater“ meidet Irland. Toller Vater!

    Der „heilige Vater“ kommt nach Deutschland und mahnt, dass man auf die Natur hören müsse, dass ein Politiker wie Salomon wählen solle und sich dem Recht, der gerechten Tat verpflichtet fühlen solle. Ist es gerecht, weise und demütig nach Deutschland zu reisen, während die Iren, die Geringsten und Hilflosesten von ihnen, von großen Teilen Deiner Kirche missbraucht, verraten und im Stich gelassen wurden? Während ein großer Teil Deiner Kirche wie eine Räuberbande über die Hilflosesten in Irland hergefallen sind? Aber Du Benedikt, hast ja auch gesagt:
    „Regeln und Verhaltensweisen einer Gesellschaft oder einer Demokratie können nicht einfachhin auf die Kirche übertragen werden.“

    Regeln? Recht? Räuberbande? Was hast Du heute hier im Angesicht Jesu gesagt? Etwas wie, dass ein Staat ohne Recht nichts ist. Gut, Benedikt, allein mir fehlt der Glaube, denn gilt das auch für Dich? Deine Kirche? Wie sagte der irische Ministerpräsident:

    „Solange es um den Schutz von Kindern in diesem Staat geht, können und werden wir die Regeln und Verhaltensweisen, die die Kirche für sich als angemessen betrachtet, nicht auf die Gesellschaft und Demokratie dieses Landes übertragen.“

    Was ist denn nun Benedikt? Ist Irland ein ungerechter Staat? Ein Staat, der von einer Räuberbande regiert wird? Oder hat Deine Kirche – wie so unendlich oft und leid- wie qualvoll! – alle Regeln verletzt?

    Warum bist Du, Josef, ncht längst im Büßergewand in Irland? Wenn Du Gottes Wort besser verstehst als jeder von uns Sündern, gruselt es mich vor Deinem Gott. Dann hoffe ich den nie zu sehen und schäme mich für alle die in seinem Paradies sind oder sich – wie jetzt im Stadion der Nazis – darin wähnen.

    Aber mehr noch: mich gruselt vor denen (auch, nicht nur) im Namen Irlands, die Dich noch heiliger Vater nennen. Bah! Christian Wulff, Bah Norbert Lammert. Bah!

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