Obacht, er kommt!

Papst Benedikt (Foto: eürodäna)

Von Rupert Talia

Der Papst besucht Berlin. Und darf im Bundestag eine Rede schwingen, oder gar predigen? Worüber denn? Über Nächstenliebe? Immerhin, manche glauben, er wird zumindest die unmenschlich entfesselte Finanzwirtschaft geißeln.

„Angemessene Löhne, Würde am Arbeitsplatz, kein Profit ohne Moral – wenn es um die Reform der instabilen Marktwirtschaft geht, ist die katholische Kirche führend, wo New Labour Angst hat, sich zu bewegen. (…) Es gibt eine Milliarde Katholiken weltweit; keine belanglose Kraft für Veränderungen, wenn sie mobilisiert werden können. Wir Interessenvertreter, Gläubige in die soziale Gerechtigkeit und gute Arbeit, machen gemeinsame Sache mit allen. die wir finden können. Und ich freue mich, dass der Papst einer von denen ist.“ (Will Hutton, The Observer: Wie ich dem Papst sagte, wie der Kapitalismus in Form zu bringen ist, 01.06.2008)

Der Benedikt, er täte wirklich gut daran, sich einzusetzen, für seine gläubigen Katholiken und für alle anderen auch. Ich selbst bezweifle das jedoch sehr. Denn nicht einmal mehr nach Alaska dürfte er sich mit seiner Hauptbotschaft, der Nächstenliebe, noch verirren. Denn auch dort kommt man aus dem Weinen nicht mehr heraus. Dem Weinen darüber, dass den guten Worten zu oft nur Untaten folgten. Und jeder, der bereit ist, es sich anzusehen, kommt, wenn er denn noch mitfühlen kann, anschließend selbst aus dem Weinen auch nicht mehr heraus: FRONTLINE-Doku The SilenceKarte der Leiden in Alaska. Über Irland und den ganzen Rest der Welt haben es die kranken Hirten also bis in das ferne Alaska geschafft, um in der dortigen Abgeschiedenheit gleich einer ganzen Generation von Inuit-Kindern die Würde zu rauben und lebenslange, unheilbare Leiden zuzufügen.

Das Oberhaupt einer Organisation mit beispiellos menschenverachtender Geschichte räumte in typischer Demutsgeste ein, dass

„die Autorität der Kirche nicht wachsam genug war und nicht schnell und entschieden genug die notwendigen Maßnahmen ergriffen hat. Deswegen befinden wir uns jetzt in einem Moment der Buße, der Demut und der erneuerten Aufrichtigkeit.“

Der Moment muss ziemlich kurz gewesen sein. Den Zölibat oder das Priestertum sah Benedikt durch die Missbrauchsfälle nicht in Frage gestellt, allerdings ermahnte er die Seminaristen:

„Das Geschehene muss uns freilich wacher und aufmerksamer machen, gerade auf dem Weg zum Priestertum sich selber vor Gott gründlich zu befragen, ob dies sein Wille für mich ist.“ Quelle: Wikipedia – Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche (weltweit; mit 784 Quellennachweisen; völlig unverdaulich, aber man sollte zumindest einen Blick hineingeworfen haben)

Was Geert Wilders rechts, ist Linke links?

Für Malte Lehming (Tagesspiegel) ist das allerdings ein klarer Beleg: „Linke hetzen über den Katholizismus kaum anders als Rechtspopulisten über den Islam. (…) Zur Begründung heißt es in diversen Publikationen: Der Papst sei ‚das Staatsoberhaupt des einzigen explizit antidemokratischen Staates in Europa‘, der Vatikan habe ‚eng mit den deutschen und italienischen Faschisten kooperiert‘, die Glaubenskongregation im Vatikan, an deren Spitze Joseph Ratzinger lange Zeit stand, sei ‚die Nachfolgerin der Inquisition, die im Mittelalter für die Hexenverfolgung verantwortlich war‘, die Moral der katholischen Kirche sei sexualfeindlich, frauenfeindlich und homophob, die Aussagen zur Aidsverhütung ‚verbrecherisch‘. Nein, da gibt’s keinen Unterschied: Deutsche Linke hetzen über den Katholizismus kaum anders als Rechtspopulisten über den Islam.“

Bei all dem wird für mein Empfinden schlichtweg der Deschner’sche Kern immer mehr übersehen und überdeckt und tritt so (geschickt) immer stärker in den Hintergrund: Die Organisation, um die es hier geht, erhebt einen gewaltigen Moral-Anspruch. Und bindet gleichzeitig selbst eine immer gewaltiger werdende Menge an Kraft und Arbeitszeit von Journalisten, Historikern und Juristen, die sich mit der ausufernden Zahl von erwiesenen und mutmaßlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgerechnet dieser Organisation befassen müssen. Das alleine schon sollte doch für mindestens ein Jahrzehnt lang dazu führen, dass diese Organisation wenigstens aus der allgemeinen Öffentlichkeit verschwindet, in dieser Zeit keine öffentlichen Gelder erhält und sich erst recht von der demokratisch so zentralen Plattform wie ausgerechnet dem Gesetzgebungsorgan „Deutscher Bundestag“ fernhält. Zehn Jahre „auf Bewährung“ wäre nach all dem das Mindeste, zugleich noch das Mildtätigste, was man dieser Organisation angedeihen lassen könnte. Zehn Jahre nachweislich ohne Skandal und ohne Verbrechen gegen die Menschlichkeit, als Bewährungsprobe, zum Beweis ihrer Läuterung nach 2000 Jahren fortwährender Verfehlungen und Verbrechen. Nur ein Jahrzehnt. Aber nichts dergleichen. Es wird nicht passieren. Stattdessen jetzt auch noch Verleumdung jeglicher Kritik als „Hetze“. Und gewaltsames Fernhalten des Souveräns vom zentralen Ort seiner Souveränität.

Eben noch dem Papst gewunken...

Also hilft wieder nur Audiatur et altera pars: Benedikt meint, seine Kirche sei selbst ein Opfer und schämt sich auch nicht, die römisch-katholische Kirche mit einer vergewaltigten Frau zu vergleichen, die durch die Sünden einzelner Priester „entstellt und beschmutzt“ wurde: „Das Gesicht der Kirche ist in der Vision der heiligen Hildegard mit Staub bedeckt, und so haben wir es gesehen. Ihr Gewand ist zerrissen – durch die Schuld der Priester. So, wie sie es gesehen und gesagt hat, haben wir es in diesem Jahr erlebt. Wir müssen diese Demütigung als einen Anruf zur Wahrheit und als einen Ruf zur Erneuerung annehmen. Nur die Wahrheit rettet.“

Und Benedikt hat auch sogleich eine pfiffige Idee, welche „Wahrheit“ man denunzieren könnte: Die sexuelle Revolution der 68er-Ideologie ist schuld, was sonst? „Um diesen Mächten entgegenzutreten, müssen wir einen Blick auf ihre ideologischen Grundlagen werfen. In den 70er Jahren wurde Pädophilie als etwas durchaus dem Menschen und auch dem Kind Gemäßes theoretisiert. Dies aber war Teil einer grundlegenden Perversion des Konzepts von Ethos. Es wurde – auch bis in die katholische Theologie hinein – behauptet, das in sich Böse gebe es so wenig, wie es das an sich Gute gebe.“ … “ Die Folgen dieser Theorien sind heute offenkundig. „

Es gab doch nun wirklich eine klare Anweisung, NICHT aus den Fenstern zu winken!

Und die Versuchungen des Internets kommen dann natürlich noch erschwerend hinzu. Die arme Kirche. Er aber weiß Rat und verweist zu Heilungszwecken sogleich auf seinen Vorgänger Johannes Paul #2, und der wiederum schrieb, hier nachgelesen, das Folgende: „Es handelt sich nämlich auch um eine Todsünde, wenn sich der Mensch bewußt und frei aus irgendeinem Grunde für etwas entscheidet, was in schwerwiegender Weise sittlich ungeordnet ist.“ (…) Aufgrund einer Betrachtung auf psychologischer Ebene kann man jedoch nicht zur Schaffung einer theologischen Kategorie, wie gerade diejenige der „optio fundamentalis“ übergehen, wenn sie so verstanden wird, daß sie auf der objektiven Ebene die traditionelle Auffassung von Todsünde ändert oder in Zweifel zieht«.

Und so verkündet Benedikt schließlich: „Dieser Text muß heute als Weg der Gewissensbildung neu ins Zentrum gerückt werden. Es ist unsere Verantwortung, in der Menschheit diese Maßstäbe als Wege der wahren Humanität neu hörbar und verstehbar zu machen in der Sorge um den Menschen, in die wir hineingeworfen sind.“

Kurz: Benedikt räumt (notgedrungen) zumindest die Beschmutzung seiner Kirche durch Priester ein, denunziert dann umgehend die liederlich-sittenlosen Siebziger Jahre sowie das Internet und rettet schließlich die reine Lehre im Namen seines Vorgängers, nämlich dass es für „Todsünden“ (nach päpstlicher Definition) keinerlei mildernde Umstände gibt, auch Psychologie zählt nichts. So geht päpstliche Gewissensbildung, stets sind andere schuld, insbesondere ist immer die sittlich verwahrlosende Gesellschaft schuld, die selbst Priester fehlleiten kann. Die Todsünden nach päpstlicher Definition können zugleich durch nichts und niemanden in Zweifel gezogen werden. Deshalb gelten diese für die obersten Katholiken gerade nicht, denn wer soll sie sonst noch lehren? Und es gibt sogar einen klaren Beweis: Gott selbst hat die katholische Kirche nicht ins Fegefeuer gestoßen, was er wohl aber getan hätte, wenn sie Todsünden auf sich geladen hätte. Eine weitere „frohe Botschaft“, vom unbefleckten Papst verkündet. Und zum Vorschein kommt: Die typisch päpstliche Bigotterie und Hypokrisie, kognitive Dissonanz in Reinkultur. Ein kritischer Betrachter kann allerdings durchaus auf die Idee kommen, dass es sich hier um ein zirkuläres Wahngebäude handelt, typische Merkmale weist es im Dutzend auf. Wohlgemerkt: Nicht der Glauben an sich, sondern die menschengemachte institutionelle Organisation desselben erscheint hier als Wahngebäude. Der einzelne Gläubige weiß ja, dass er glaubt, eben weil er nicht sicher wissen kann. Aber sein organisierter Vatikan glaubt demgegenüber fest daran, zu wissen, und zwar alleine, als Monopol. Das ist ihr Problem, und das verdrängt sie, und daraus ist noch nie Gutes erwachsen.

Bruegel d.Ä.: Versuch einer Darstellung der Hl. Römischen Kirche

Also dann: Bis zum nächsten aufgedeckten Skandal, bis zum nächsten Verbrechen wider die Menschlichkeit. Grauenvoll. Mag der Hetzer Lehming Kritiker verhetzen, wie er will, ich lese und denke trotzdem eigenständig und komme dabei zu keinem anderen Schluss, als dass Lehming selbst seinen „Papst“ wohl gar nicht gelesen hat. Und so bleibt letztlich alles wie es ist und schon immer war.

Und Will Hutton hat sich wohl leider von der Pracht des Vatikans und der milden Botschaft des ewig Lächelnden blenden lassen. Wie so viele andere auch. Nur drei Monate nach Huttons „surrealem“ Wochenende brach Lehman zusammen und die Nationen mussten die Wettschulden der Zocker übernehmen. Und soeben brechen darunter nun ganze Nationen zusammen. Und der Papst? Lächelt. Auch Hutton’s Hoffnung war wohl vergebens.

Fotos:
Benedikt  –  Autor: eurodäna  –  Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) lizenziert.
Twin Towers  –  Autor: Michael Foran  –  This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

4 Responses to Obacht, er kommt!

  1. Matthias Borchelt says:

    Es ist unbegreiflich, dass dem autokratischen Anführer einer solchen Organisation diese Bühne geboten wird. Ich habe keinerlei Sympathien für die wie ich fürchte zutiefst kriminelle Sekte der Scientology Church, aber man stelle sich einmal vor, nur ein Bruchteil der öffentlich bekannt gewordenen und erwiesenen Missbrauchsfälle hätte sich in dieser Vereinigung zugetragen! Und man sollte immer daran denken, was mit Menschen passiert, denen zu Unrecht sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, ob nun an Kindern oder Erwachsenen. Dort kennen regelmäßig weder Staatsgewalt, noch Medien oder Volkszorn Grenzen. Nicht selten werden vollkommen unschuldige Menschen existenziell zerstört. Selbst eine spätere Rehabilitierung kann dann nichts mehr retten.
    Nebenbei finde ich es unerträglich, dass mit dem Papst ein Mensch im Bundestag redet, der mit aller Seelenruhe die ewige Verdammnis von aktuell fast 6 Milliarden Menschen predigt und lehrt. Was unterscheidet den Mann von einem Hassprediger?

  2. elpis says:

    Es ist wirklich erschreckend, wie viel Raum, Macht und finanzielle Unterstützung man der Kirche in Deutschland noch zugesteht. Ein banales Beispiel: Wie kann es sein, dass man an christlichen Feiertagen auch Menschen das öffentliche Tanzen verbieten darf, die mit Religion nichts am Hut haben? Und für die Betreiber von Tanzlokalen kann sich solch ein Verbot mal eben zum hohen finanziellen Verlust auswachsen. Ist es gerecht, dass Atheisten/Agnostiker zugunsten Gläubiger derart zurückstecken müssen und biblisch abgestraft werden können? Das ist in meinen Augen nichts als Bevormundung. Man räumt der Kirche damit eine Vormachtstellung ein.

    Artikel 2

    (1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt … (Anm.: Dem wäre nur so, wenn man Atheisten tanzen und Gläubige beten ließe, nicht aber Atheisten zwänge, die Füße für einen Gott still zu halten, an den sie gar nicht glauben.)

    Artikel 3

    (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (Anm.: Geht es aber um Religion, dann dürfen die Rechte Einzelner schon mal großzügig durch Verbote untergraben werden.)

    (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

    Nee, is klar. Und Sätze, die da lauten: „Bisher sind 15 Kinder angemeldet, Mitglieder der Kirche bevorzugt.“, gibt es natürlich auch nur in unserer Fantasie. Da werden keine Menschen aufgrund ihres Glaubens ausgegrenzt/bevorzugt, sicher nicht.

    Ansonsten kann ich dem Artikel von Rupert Talia nur zustimmen und möchte daher keine großen Worte über Papst etc. verlieren, wobei Missbrauchsfälle ja nun leider überall dort vorkommen (können), wo Erwachsene Zugriff auf Kinder haben. Und ja, diese permanenten Schuldzuweisungen („Kollektivschuld“) sind unerträglich.

    Und dass sich die Kirche bis heute weigert, antijüdische Stellen aus der Bibel zu streichen, empfinde ich ebenfalls als verwerflich. Das wäre doch das Mindeste, wenn man bedenkt, dass die Bibel für beide Großkirchen verbindliches, reines und abschließendes Gotteswort ist und beide Kirchen zur geistigen Vorbereitung des Holocaust beitrugen. (ebd.)

    Wie kann man als Gläubiger eigentlich über die zahlreichen menschenverachtenden Stellen in der Bibel hinwegsehen? Gerade solch brisante Formulierungen laden doch zu Hass und Hetze ein. Kann man das, auch wenn man selbst nicht zu Gewalt neigt, noch guten Gewissens vertreten und lediglich den Gewalttätern die Schuld für ihr Handeln anlasten? Und leider gibt es eben auch Menschen, die diese Worte unreflektiert schlucken, nicht nach Symbolwerten suchen, sondern ihren Hass nur noch bestätigt sehen und im Namen ihres Gottes der Gewalt freien Lauf lassen. In meinen Augen trägt auch derjenige Schuld, der Hass sät oder verstärkt. Die Kirche will sich offensichtlich nicht distanzieren oder eindeutig positionieren und stiehlt sich so aus der Verantwortung. Oder wie ist das anders zu verstehen?

    „Für Malte Lehming (Tagesspiegel) ist das allerdings ein klarer Beleg: „Linke hetzen über den Katholizismus kaum anders als Rechtspopulisten über den Islam. (…)“

    Derartige Aussagen halte ich persönlich für wichtig. Das klingt vermutlich merkwürdig, aber sie laden – zumindest mich – dazu ein, mein eigenes Verhalten/meine Aussagen kritisch zu hinterfragen. Man muss den Gläubigen eben auch ihren Glauben lassen, ohne ihn pauschal abzuwerten, was mir zuweilen auch etwas schwer fällt. -.- Manchmal ist es nur ein schmaler Grat zwischen Kritik und Hetze, und wie berechtigt Kritik an der Kirche auch sein mag, Hetze gegen Gläubige sollte nicht daraus werden. Knackpunkt ist eben auch die Art und Weise der Argumentation und auf welche Art von Formulierungen man zurückgreift, um auf Missstände aufmerksam zu machen (Sprache als politisches Instrument).

    „Der einzelne Gläubige weiß ja, dass er glaubt, eben weil er nicht sicher wissen kann. Aber sein organisierter Vatikan glaubt demgegenüber fest daran, zu wissen, und zwar alleine, als Monopol.“

    Nun ja, die Frage dabei ist, welche Definition von Glauben man zugrunde legt. Der einzelne Gläubige weiß nur, dass er glaubt, wenn man „Glaube“ i.S. des allg. Sprachgebrauchs definiert, d.h. als eine Art Vermutung, Hypothese, dass bestimmte Dinge existieren oder eintreffen werden. Von dieser Definition ausgehend, könnte man dann genauso gut behaupten, dass Atheisten auch glauben – nur glauben sie nicht daran, dass es einen Gott gibt, sondern daran, dass es keinen Gott gibt. Glaube entspricht hier einer „riskanten“ Vorleistung. Man baut und vertraut auf etwas, ohne zu wissen. Unser ganzer Alltag basiert auf derartigem Glauben. Ich glaube und vertraue darauf, dass mich mein Kollege früh abholt und zur Arbeit mitnimmt, stehe rechtzeitig auf und warte vor der Haustüre auf ihn. Ohne zu WISSEN, dass er wirklich auftaucht, richte ich meinen ganzen morgendlichen Ablauf darauf aus. → Glaube vs. Wissen

    Glaube im religiösen Sinne geht aber einen Schritt weiter und meint an dieser Stelle etwas anderes, nämlich: Ich bin meinem Gott treu. Hierbei geht es also gar nicht mehr um die Frage, ob ein Gott existiert oder nicht. Bin ich in diesem engeren Sinne gläubig, setze ich die Existenz Gottes bereits als Gegebenheit voraus und vermute nicht mehr. Oder um noch weiter zu gehen: Ich glaube an dieser Stelle gar nicht mehr (i.S. obiger Def.), sondern ich weiß es, für mich, in meinem Herzen oder wie auch immer die Gläubigen das auszudrücken gedenken und richte mein Leben danach aus, fühle mich an Gott gebunden und bete zu ihm/ihr.^^

  3. Blogfan Nr. 1 says:

    „Es ist aber der Glaube eine Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln, an dem, was man nicht sieht.“ (Heb. 11,1)

    Eigentlich merkwürdig, dass gerade dieser Spruch seinerzeit auf dem Konzil von Nizäa nicht in den vatikanischen Giftschrank verfrachtet worden ist – hätte doch jeder mit nur wenig Weitblick ausgestatteter Theologe erahnen MÜSSEN, dass eine Zeit kommen wird, in der der wissbegierige Mensch sich von dem Allmachtsanspruch der Heiligen Schrift entfernt.

    Das geht nicht gegen die Bibel an sich. Dieses Sammelsurium aus 2.000 bis über 3.000 Jahre alten Schriftzeugnissen gehört für mich weiterhin noch zu meinen Lieblingsbüchern – heute sogar eher als zu den obligatorischen protestantischen Jungschar- und Konfirmandenzeiten, da ich festgestellt habe, dass sie sich aus dem Blickwinkel eines selbstbekehrten Atheisten noch einmal ganz anders liest. Spannender, differenzierter und vor allem freier, wenn man das Spiel mit dem Höllenfeuer nicht scheut.

    Also: Die Heilige Schrift ist von MENSCHEN geschrieben, und die göttliche Erleuchtung nichts als eine literarische Metapher, die über Jahrtausende zur Einschüchterung des gemeinen Volkes missbraucht wurde. (Scheiße, jetzt bin ich aber so etwas von verdammt…)

    Aber jetzt im Ernst: Welchen Grund sollte der Freigeist unserer Zeit haben, sich noch freiwillig in die Zange völlig veralteter und unrealistischer Wertestrukturen zu begeben? Ich könnte mir eher gut vorstellen, dass unsere Nachkommen das 21. Jahrhundert im Rückblick als das Jahrhundert behandeln werden, in dem jegliche Religion zugunsten einer Symbiose von Fortschritt und Humanismus aufgegeben wurde.

  4. elpis says:

    Aber jetzt im Ernst: Welchen Grund sollte der Freigeist unserer Zeit haben, sich noch freiwillig in die Zange völlig veralteter und unrealistischer Wertestrukturen zu begeben? Ich könnte mir eher gut vorstellen, dass unsere Nachkommen das 21. Jahrhundert im Rückblick als das Jahrhundert behandeln werden, in dem jegliche Religion zugunsten einer Symbiose von Fortschritt und Humanismus aufgegeben wurde.

    Dessen wäre ich mir – angesichts der demografischen Entwicklung und mancher (grauer) Theorien dazu – nicht so sicher. Im Gegenteil, ich könnte mir (leider) durchaus vorstellen, dass Religion wieder mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Letztlich werden die Nachkommen darüber entscheiden, ob sie mit der Religion (ihrer Eltern) etwas anfangen können und ihr folgen oder zu Apostaten werden. Neulich las ich eine Veröffentlichung zum Thema. Darin ging es um die Frage, ob religiöse Menschen mit vielen Nachkommen die Welt erobern.

    Nachdem Religion und patriarchale Familienwerte jahrzehntelang scheinbar aussichtslose
    Rückzugsgefechte gegen den Wertewandel der Moderne geführt haben, könnten konservative oder gar fundamentalistische Wertesysteme nun auf dem Umweg über die demografische Entwicklung wieder an Bedeutung zu gewinnen. Der amerikanische Publizist Phillip Longman hat dies in einer provokanten These zusammengefasst. In seinem Aufsatz „The return of patriarchy“ befürchtet er, dass in Zukunft religiöse und patriarchal organisierte Gemeinschaften sowohl weltweit als auch innerhalb entwickelter Industrieländer an Bedeutung gewinnen, weil sie deutlich mehr Kinder in die Welt setzen als nicht religiöse, liberale Bevölkerungsgruppen.
    Mehr dazu …

    Für unvorstellbar halte ich derartige Zukunftsszenarien nicht. Allerdings kann und will ich mir auch nicht vorstellen, dass z.B. Deutschland in eine patriarchalische Gesellschaftsordnung zurückfällt, wo Frauen nichts zu melden bzw. sich ihrem „Gebieter“ unterzuordnen, Kinder zu bekommen und den Mund zu halten haben. Woran erinnert mich das bloß? Ach ja:

    Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht, daß sie sich über den Mann erhebe, sondern sie sei stille. Denn Adam ist am ersten gemacht, danach Eva. Und Adam ward nicht verführt; das Weib aber ward verführt und ist der Übertretung verfallen. Sie wird aber selig werden dadurch, daß sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung samt der Zucht. [1.Tim. 2,11-15]

    Die Weiber seien untertan ihren Männern als dem HERRN. [Eph.5,22]

    Nein, danke! Religion beinhaltet – wenn sie auf derartigen „Heiligen“ Schriften beruht – immer auch die Gefahr des Missbrauchs. Sie wird instrumentalisiert, um Menschen nicht nur auszugrenzen, sondern um sie zu unterdrücken, zu diskriminieren (z.B. Frauen und Schwule), sie zu entwerten und zu ermorden.

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