Ein obszöner Unrechtsstaat aus der Froschperspektive

Von Rupert Talia

Alle Gute kommt von oben? Falsch. Alles Gute geht nach oben? Eher, aber doch stimmt weder das eine noch das andere. Oben ist gut. Oben ist schlau. Oben ist Erfolg. Oben ist reich. Oben ist — schlicht — Gott. Oben sind wenige. Gut ist das nicht.

Unten sind Querulanten und Chaoten, Schmarotzer und Faulenzer, unten sind Verlierer, unten sind die Armen und Dummen, unten sind Arbeitslose, unten sind Migranten. Unten sind nur Frösche. Und Kröten. Unten ist die Hölle. Unten, da sind die Vielen. Und strampeln. Treten nach noch-weiter-unten, wenn es irgend geht. Oder zucken kaum noch. Und auch das ist nicht gut.

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen?

Eine Frau mit ALG-II-Anspruch wurde in einer Arbeitsagentur von der Polizei erschossen. Ein noch sehr junger Mann mit ALG-II-Anspruch verhungerte, während einer Sanktionierung auf Null, still in seiner Wohnung. Schwangere Frauen mit ALG-II-Anspruch werden bevorzugt sanktioniert, insbesondere wenn sie nicht pünktlich zum Rapport erscheinen. Die Wohnung einer krebskranken Frau mit ALG-II-Anspruch wird, während die Frau im Krankenhaus liegt, von der Arbeitsagentur unter Beihilfe des Vermieters durchsucht (natürlich ohne irgendeine Befugnis). Das ist unten. Unten gibt es kein Persönlichkeitsrecht mehr und Würde schon gar nicht. So heckt man das oben aus und diffamiert diese Zustände dann ganz ungeniert als dekadent. Was zwar im Kern richtig, aber gerade falsch herum gemeint war.

Ein Steuerfahnder in Frankfurt hat die steuerhinterziehende Commerzbank im Visier und erscheint sogar ganz-ganz oben auf der Vorstandsetage, zur Beschlagnahme von Akten. Unbotmäßig, sagen die einen, die ganz oben drüber — mutig finden die anderen, tief darunter, aber das zählt nichts. Der Steuerfahnder wird erst gemobbt und dann heimtückisch psychiatrisiert. Ein dienstbarer Arzt ist dafür schnell zur Hand und erfindet die — bislang ganz unbekannte — Diagnose „Querulant“. Und zwar gleich chronisches, unheilbares „Querulantentum“. Querulant ist einer, der das Tun von jenen dort oben mächtig stört. Das ist klar krank, von oben aus gesehen. Der so krank gemachte Steuerfahnder wird aus dem Finanzamt entfernt, übel stigmatisiert, obwohl kerngesund. Da war er zunächst ganz unten und oben war man ihn los. Zeit für Sektkorken. Die Frösche, so scheint’s, sehen nicht einmal recht hin.

Ein Unternehmer in Sachsen ist Landtagsabgeordneter. Das ist mehr als nur halb oben. Er kritisiert die Landesregierung und den Ministerpräsidenten, wie es seine Aufgabe ist. Aber er hat nicht bedacht, dass eine Komplizenschaft von Justiz- und Finanzministerium, zumal in der Hand seiner politischen Gegner, einen Unternehmer sehr schnell in die Knie zwingen kann. Der Unternehmer wurde kurzerhand zum Steuerhinterzieher erklärt, von oben. Das ging an seine Substanz und Existenz und er drohte in dem zwar konstruierten, für ihn jedoch brachial-realen Konflikt ruiniert und zum menschlichen Wrack zu werden, dann wäre er unten gewesen. Denn oben, da mag man sein Tun nicht.

20 Millionen € Pension fürs Schloss am Gardasee

Eine Staatsanwältin macht den mutmaßlich hochkriminellen Vorstandsvorsitzenden der Post AG dingfest. Vor aller Augen. Das hätte sie wohl nicht tun sollen, ihrer Gesundheit ist es jedenfalls nicht bekommen, und ihrer Karriere ebenfalls nicht. Heute wird sie als gebrochene Frau beschrieben und ist eine kleine Amtsrichterin irgendwo, die sich gerade noch mit Kleinigkeiten befassen darf. Wer obenauf bleiben will, heißt das, muss stärker sein als diese Frau. Ein anderer Staatsanwalt in Bayern ermittelt unbeugsam im Amigofilz des Freistaates und rund um einen republikweit schillernden Waffenschieber. Er stirbt überraschend plötzlich, bei einem Verkehrsunfall mit seinem nagelneuen Dienstwagen, auf schnurgrader Strecke. Die Unfallursache konnte bis heute nicht ermittelt werden.

Polizisten, die nicht mittun, bei was auch immer, laufen Gefahr, sich am Ende selbst zu erschießen. Der höchst ungesunde polizeiinterne „Wettbewerb“ dieses Mittuns fußt, wie bei den Steuerfahndern, auf Mobbing und Bossing und ist hierzulande so gut wie nicht strafbar, obwohl es dabei durchaus Tote gibt. Mobbing und Bossing sind ungefähr genauso „wirksam“, wie sie nicht fassbar sind, schon gar nicht juristisch. Das macht diese beiden Übel-Täter so gefährlich, es ist ja bloß „Verhalten“, allerhöchstens „schlechtes Benehmen“. Und das ist nicht justiziabel. Ein schleichendes, scheußliches, zersetzendes Gift. Und die Toten sind dann ganz-ganz unten, nämlich six feet under. Aber oben ist dafür nie jemand verantwortlich, oben ist immer gut. Unten ist schwach, und das beweist ja nur der freiwillige Tod: viel zu schwach, für diese kalte Welt. Bedauerlich vielleicht, aber so ist nun dieser Wettbewerb. Und nur Wettbewerb sei wahre Nächstenliebe, sagen sogar manche schon, die es besser wissen müssten, aber eben oben sind.

Und von genau dort oben kommt auch die Sanktionierung, um jene ganz unten zu disziplinieren, und sie bedeutet nichts als die Kürzung des von oben herab definierten Existenzminimums (nach ALG-II), gegebenenfalls auch auf Null (soll dann heißen: Existenzberechtigung vertan). Einer ALG-II-Bewilligung geht ein entwürdigender Offenbarungseid gegenüber der Agentur als Agent des herrschenden Staates voraus, in unserem Namen. Der da unten Angekommene ist dann nackig, gläsern ganz und gar, denn er muss zuerst beweisen, dass er oder sie ein wahrer Habenichts ist. Das geht nur nackig, bis zur allerletzten Splitterfaser. Und wir alle finden das richtig, so scheint’s. Nur so mag man einem nichtsnutzen Habenichts noch seine 364 € monatlich gerade gönnen, plus 5 €, allerhöchstens. Aber diese seine letzte verbliebene Existenzgrundlage kann ihm (formal rechtmäßig, nach Sozialgesetzbuch) auch vollständig noch wegsanktioniert werden, wenn er oder sie sich nicht durchgehend hochanständig, streng nach Agenturregularien verhält.

Gestern bei Hartzers (früher Nachmittag, natürlich)

Schwangerschaft zählt da auch den Christen nach nur als Ausrede, oder Schlimmeres. Unanständig sind nach diesem Buch verschiedene, wohl ganz üble Vergehen, wie etwa nicht pünktlich zum Rapport zu erscheinen oder gar zu Hause nicht erreichbar und damit nachweislich nicht stets voll verfügbar zu sein, wie es sich eigentlich gehört, wenn man allen anderen auf der Tasche liegt. Das sind wahrhaft schwere Vergehen, sagen die oben, und erzwingen Besserung indem sie im Fall des Falles auch das Existenzminimum noch verweigern. Bisweilen verhungert dann einer, oder eine andere Entwürdigte wird polizeilich erschossen, in Notwehr natürlich, so ist die Welt, zumindest diese kalte. Für manche ein entwürdigender Wettbewerb ums völlig entblößte Überleben. Faul und dekadent sei das, finden dagegen andere, erfolgreiche Anwälte des Rechts, ganz oben.

So sind die Gesetze. Und doch bleibt es eiskaltes Unrecht.

Nur oben zahlt sich diese Kälte aus. Und das zwar nicht verdiente, gleichwohl doch vereinnahmte Geld muss in Sicherheit gebracht werden, damit es nicht an die unten, dieses schon „tote Humankapital ohne Rendite“ (Deutsche Bank, nach Georg Schramm), vergeudet wird. Darum bringt man es wohl besser in die Schweiz, die hat sich auf dieses Geschäftsmodell spezialisiert. Andere, organisierte Kriminelle, nutzen das Modell ja auch. Und unser oberster Finanzwächter segnet den Deal ganz von oben und für die ganz oben fraglos ab. Mit Koffern voller Schwarzgeld kennt sich dieser hochbezahlte Fachmann, der als Parlamentarier günstiger Weise noch zugleich sich selbst als Regierenden kontrolliert, wirklich bestens aus. Und bei den Schweizern ist das Bankgeheimnis ein Grundrecht, mehr noch, ein unveräußerliches Menschenrecht. Der Staat hat gar nichts zu erfahren, nicht einmal den blanken Namen, da mögen seine eigenen Kripobeamten und die noch übrigen Steuerfahnder quaken wie sie mögen, letztlich sind auch sie bloß Frösche, so wie wir. Und oben ist jetzt Zeit für die Champagnerkorken. Auch weil der störende CD-Dieb, der fiese Steuer-Denunziant, wieder in Haft genommen ist. So ist es gut, so ist es oben.

Nackt und gläsern sind die unten, die oben bleiben anonym und ganz verborgen. So geschieht den Menschen Recht.

Den einen Arzt, der Kerngesunde als frei erfundene „Querulanten“ wie am Fließband ab diagnostizierte und damit rasch als Abfall aus dem Amt zu selektionieren half, hat man nur dazu verurteilt, einen Teil der für sein unmenschliches Tun erhaltenen Honorare wieder herzugeben. In einer reinen Geldwelt gilt das schon als Strafe. Heute diagnostiziert er munter weiter, was und an wem auch immer. Schlimmer noch: Man muss inzwischen davon ausgehen, dass wo einer ist, auch andere sind und der nächste verdächtige Arzt ist tatsächlich auch schon aufgetaucht.

Menschlich so tief unten kann man nur ganz oben sein.

Wo eine Kakerlake ist, da sind Millionen, so munkelt man, zumindest unter Fröschen. Oben sind, man muss es sagen, wirklich arge Kakerlaken. Auf jeden Fall zu viel davon. Das zumindest wissen die Frösche jetzt. Oder sollten es. Mal sehen, wann sie denken, dass ihr Teich schon zu warm geworden ist. Nach Hessen oder Sachsen sollten sie dann wohl besser nicht wandern. Und die Eintrittskarte für die Schweiz ist schon zu teuer.

Ein Staat, immerhin unser Gemeinwesen, wird so zerstört. Mutwillig. Absichtlich. Von oben. Und die Frösche, angewidert, schauen kaum noch hin. Da kann man halt nichts machen. Sie müssen sparen, und sich anstrengen, und mehr können sie nicht tun.

Arme Frösche, so wird das kaum ein gutes Ende nehmen.

Der Autor ist selbständiger Unternehmer, und parteilos sozial eingestellter Demokrat, der also fest auf dem Boden der Versprechungen des Grundgesetzes steht, der aber genau deshalb nicht mehr weiß, wen oder was er hierzulande wählen soll. Und darüber so verzweifelt, dass ihm derzeit nur einfällt, seine Verzweiflung irgendwie in Worte zu fassen. Auch um irgendwie die Bereitschaft aufrecht zu erhalten, dieses in Teilen schon unfassbar kafkaesk gewordene Ungeheuer auch mit seinen Steuern weiter zu finanzieren. Obwohl er nichts mehr als das Ungeheuerliche, das sich darin immer weiter ausbreitet, ablehnt. Und zwar zutiefst.

Foto: Klaus Zumwinkel – Autor:  Kandschwar – This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

One Response to Ein obszöner Unrechtsstaat aus der Froschperspektive

  1. brooks says:

    Vielen Dank für diesen erneut interessanten Artikel. Ich empfinde Ihre Beiträge als große Bereicherung für den Blog.

    Und von genau dort oben kommt auch die Sanktionierung, um jene ganz unten zu disziplinieren, und sie bedeutet nichts als die Kürzung des von oben herab definierten Existenzminimums (nach ALG-II), gegebenenfalls auch auf Null (soll dann heißen: Existenzberechtigung vertan)…

    Das sind wahrhaft schwere Vergehen, sagen die oben, und erzwingen Besserung indem sie im Fall des Falles auch das Existenzminimum noch verweigern.

    Und zudem sollen 70 Prozent aller Sanktionen ungerechtfertigt verhängt worden sein.

      Rechtsstaat

    Im Jahr 2010 wurden 828.300 Sanktionen gegenüber Hartz IV-Beziehern ausgesprochen. Im Jahresdurchschnitt waren 136.000 Menschen von mindestens einer Sanktion betroffen. Das teilte die Bundesregierung in ihrer Antwort (17/6833) am Donnerstag auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion (17/6519). Der häufigste Grund für Leistungskürzungen waren Meldeversäumnisse (61 Prozent), gefolgt von der Weigerung, eine Eingliederungsvereinbarung abzuschließen oder deren Pflichten nachzukommen (18 Prozent), sowie der Weigerung, eine zumutbare Arbeit, Ausbildung oder Arbeitsgelegenheit anzunehmen (14 Prozent). Das Erwerbslosen Forum Deutschland wirft der Bundesregierung und den Jobcentern blinde Sanktionswut vor, denn immerhin waren 42 Prozent aller eingelegten Widersprüche und fast 60 Prozent der eingereichten Klagen erfolgreich.

    Quelle

    Man muss sich einfach einmal vor Augen halten, was das bedeutet: Hier wurden Menschen für vermeintliche Vergehen abgestraft, OHNE dass dies gerechtfertigt war. Und wer weiß, wie viele der Betroffenen dieses Unrecht schweigend über sich ergehen lassen, ohne die Sanktion anzufechten und aufzumucken – aus Angst vor weiterer Sanktionierung – und daher aus der Statistik fallen? Denn die Betroffenen stehen nun einmal in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Menschen, die ohne jede rechtliche Grundlage erst einmal über ihre Existenzgrundlage entscheiden können. Notfalls bedeutet das eben, monatelang ohne Geld dazustehen und evtl. die Wohnung zu verlieren, denn die Verhandlungen finden ja sicher nicht von heute auf morgen statt. Da nützt dann auch keine Wiedergutmachung im Nachhinein mehr, wenn das Urteil Monate/Jahre (?) später zugunsten des Klägers ausfallen sollte.

    Dieses Vorgehen ist in Deutschland einmalig, denn hier wird die Strafe noch VOR dem Urteil/Anhörung verhängt, d.h.die Strafe/Sperre wird erst einmal vollzogen, das Geld gestrichen, ob gerechtfertigt oder nicht. Das ist doch ein Unding in einem sog. Rechtsstaat! Was ist mit der Unschuldsvermutung: „Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist“? Vergessen? Und auch der Artikel 6 Absatz 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention wird übergangen, wo es heißt: „Jede Person, die einer Straftat angeklagt ist, gilt bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig.“

    Bevor eine Strafe verhängt wird, sollte doch zunächst die Schuld bewiesen werden, oder etwa nicht? Münzte man diese Vorgehensweise auf andere Straftaten um, so würde man vermeintliche Täter erst einmal monatelang in den Knast stecken – um dann hinterher (!) – ihre Unschuld zu beweisen und die Strafe aufzuheben. Welche Ängste, Sorgen und Demütigungen die Betroffenen in dieser Zeit vermutlich durchstehen müssen (woher bekomme ich Geld für die nächste Mahlzeit/ für Miete/ für Sachen für mein Kind, Freunde/Familienangehörige anbetteln etc.) spielt dabei wohl keine Rolle. Mich würde einmal interessieren, ob die Betroffenen nachträglich auch so etwas wie Haftentschädigung erhalten, denn ohne finanzielle Mittel ist man doch so unfrei wie nur irgendwas – von den psychischen Belastungen mal ganz abgesehen. Nicht einmal Gefängnisinsassen müssen sich mit derartigen Fragen befassen, die bekommen täglich ihre Mahlzeiten serviert, ganz gleich, wie unmenschlich sie gehandelt haben mögen.

    Und Hartz4-Empfänger sind eben nicht nur Menschen, wie sie im TV gerne dargestellt werden, nein, das betrifft eben auch sehr viele ältere Menschen Ü50, die jahrzehntelang gearbeitet und eingezahlt haben, dann durch Schließung arbeitslos wurden und aufgrund des Alters keinen Job mehr bekommen sowie behinderte/chronisch kranke Menschen, die es generell schwerer auf dem Arbeitsmarkt haben oder auch sog. Aufstocker, die – selbst wenn sie 40 Stunden arbeiten – ihren Sklavenlohn mit H IV aufstocken müssen. Aber egal, da wird in den Medien kaum differenziert: Alle gleich faul, Assi, Säufer, Raucher und weiß der Geier, was sich diese Menschen vermutlich alles anhören müssen. Hauptsache, man hat jemanden gefunden, auf den man spucken kann. Furchtbar, was in diesem Land gerade geschieht und wie die Medien zur Hetze beitragen…

      Bildungspaket in der BILD

    … z.B. die BILD. Jetzt mag man mit der Nase rümpfen, aber aufgrund der hohen Auflage muss man leider ernst nehmen, was dieses Schmierblättchen verbreitet, denn es gibt eben auch Menschen, die alles Abgedruckte unkritisch schlucken und glauben – und sich daraus tatsächlich ihre Meinung bilden.

    Ins Auge stach mir vor einiger Zeit wieder einmal ein Artikel zum Thema Bildungspaket und Hartz-IV-Empfänger[/url], wo es gleich in der Überschrift hieß, dass Sozialarbeiter den Bedürftigen das Geld „hinterhertragen“ sollen. Für seine Hetzkampagnen ist dieses Blatt ja bekannt. Das beginnt schon mit eindeutigen Falschaussagen im Artikel, wo es z.B. heißt: „Jobcenter bezahlen seitdem u.a. Vereinsbeiträge, Musikschule, Nachhilfe und Essengeld.“ Dem ist natürlich nicht so, denn es werden lediglich Zuschüsse gezahlt und nicht der gesamte Vereinsbeitrag oder das gesamte Essensgeld. Aber meine Güte, so genau muss man es mit den Informationen seitens der auflagenstärksten Zeitung nicht nehmen, sonst könnte der Leser glatt noch auf die Idee kommen, dass 10 Euro nutzlos sind, wenn Eltern noch 50 oder mehr Euro aus eigener Tasche zuzahlen müssten, die sie einfach nicht zur Verfügung haben.

    Wenn man den Restbetrag zu was auch immer also nicht aufbringen kann, erübrigt es sich automatisch, einen Antrag zu stellen. Das hat nichts mit Faulheit, sondern mit der finanziellen Lage der Familien zu tun, die sich eben trotz des Zuschusses nicht immer leisten kann, was das Paket vorsieht. Was soll man mit 10 Euro/Monat für einen Sportverein/Musikunterricht anfangen können, wenn das Geld nicht mal ausreicht, um den wöchentlichen Fahrtweg zur jeweiligen Sportstätte zu finanzieren, die Vereinskosten zu tragen, das Kind mit den notwendigen Sportsachen (z.B. Fußballschuhe) oder Instrumenten auszustatten? Und was, wenn das Kind keinerlei Interesse an sportlichen oder musischen Aktivitäten hat? Soll man es zwingen, nur um einen Antrag gestellt zu haben? Aber am Ende heißt es dann nur: Eltern würden sich nicht um ihre Kinder kümmern und sowieso desinteressiert an Bildung sein, weil sie keinen Antrag stellten.

    Und ist es wirklich ratsam, sein Kind vor Lehrern als sog. Hartz-IV-Kind zu outen, um Nachhilfe beanspruchen zu können? Denn für sein Kind bekommt man nur Nachhilfe, wenn es a) versetzungsgefährdet ist und b) die Schule bestätigt (Offenbarung der Armut), dass ein Kind ohne Förderung das Lernziel nicht schaffen kann. Zum einen muss das Kind also schon fast in den Brunnen gefallen sein, bevor die Eltern überhaupt einen Antrag auf Nachhilfe (und Stigmatisierung) stellen können, d.h., wenn das Kind nachweislich versetzungsgefährdet ist, zum anderen erfahren Lehrer spätestens an dieser Stelle, dass Erna bedürftige Eltern hat. Tja, wo viele Lehrer schon auf Namen wie Kevin, Chantal und Justin allergisch und mit Vorurteilen reagieren („Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“), da sollen sich ausgerechnet einkommensschwache Familien offenbaren und den Lehrern anvertrauen, die die Zukunft ihrer Sprösslinge wie kaum ein anderer beeinflussen können!? Bedeutete das für ihr Kind nicht zusätzlich Spießrutenlaufen und Benachteiligung?

    Wäre ich anstelle dieser Eltern, würde ich meine Kinder, auch nicht den Wölfen zum Fraß vorwerfen wollen. Was gehen fremde Menschen (Trainer, Musiklehrer etc.) an, wie arm oder reich ein Mensch ist? Es ist für die Betroffenen sicher schlimm genug, sich vor dem Amt zu offenbaren – aber dann auch noch im Alltag diese Demütigungen über sich bzw. über die Kinder ergehen zu lassen, wo jeden Tag zu lesen ist, wie man über diese „Versager“ denkt, ist noch einmal eine ganz andere Dimension, die hier völlig unterschätzt wird. Da kann man den Kindern ja gleich wieder einen Stern auf die Klamotten nähen und als Zielscheibe für Diskriminierungen preisgeben. Das aber bedenken die Politiker (absichtlich) nicht; sie lassen die Kinder, die sie ja großen Herzens unterstützen wollen (hier darf gelacht oder geweint werden) ins Messer laufen. Schamgefühl und Angst vor Ausgrenzung sind ganz sicher nicht die letzten Motive, warum berechtigte Eltern das Paket nicht beantragen, glaube ich jedenfalls.

    Und genau dies bekam ich kürzlich im SPON-Forum bestätigt, wo es in einem Kommentar hieß:

    Ich selbst, Aufstocker (gelernte Großhandelskauffrau, inzwischen nur noch Putze!) und alleinerziehende Mutter einer Schulanfängerin habe Ende April formlos einen Antrag auf das Bildungspaket gestellt, um Kosten für Kita-Essen und Vereine etc. evtl. in geringem Maße zu erhalten. Geschlagene 6!!! Wochen später flatterte ein Formular ins Haus, das eiligst von der hiesigen Arge zusammen geflickschustert wurde….

    Die benötigten Unterlagen stellten kein Problem dar (auch wenn ich mich frage, wozu die 5 verschiedene Nachweise für nur eine Mitgliedschaft in einem Verein brauchen – mein Kind war zu dem Zeitpunkt im Tanzverein, hatte musikalische Früherziehung und -oh wie dreist!- noch Englisch in der Kita!).

    Die Zahlungsnachweise über seit dem 1.1.11 gezahlte Mitgliedsbeiträge und Mittagessenrechnungen gingen sicher auch noch….

    Womit ich aber absolut NICHT klar kam, war der letzte Satz in dem Antrag, über der Unterschrift und somit von mir zu akzeptieren nach dem Motto „Friss oder stirb! Ich sollte mein Einverständnis geben, dass die hiesige Arge sich mit MEINEN Daten mit den jeweiligen Anbietern in Verbindung setzt und die Abrechnung nur noch zwischen Arge und Anbieter laufen würde! Bitte?!?!?!?! Nur, um dieses „Päckchen“ zu erhalten, sollte ich soweit gänzlich die Hosen runter- und zudem noch meinem Kind den Stempel aufdrücken lassen?!?!

    Es tut mir leid, aber sowas geht nicht! Ich habe kein Problem, alle halbe Jahre meine Rechnungen vorzulegen und rückwirkend das Geld zu erhalten! Aber ich sehe es nicht ein, mein Kind als „Hartz-Kind“ zu outen, nur um die 10€ im Monat zu erhalten (die noch nicht mal den Englisch-Unterricht abgedeckt hätten, da 16€/Monat, vom Rest ganz zu schweigen wie Auftritte im Tanzverein oder Trainingslager!)! Ich habe es 3 Jahre geschafft, meinem Kind diesen Stempel eben NICHT aufdrücken zu lassen, und ich werde es auch weiter schaffen! Das waren meine ersten Gedanken….

    Und wenn jetzt jemand schreit, Stempel und so passiert nicht, ich lach mich tot!

    Nur so nebenbei, aus einem Gespräch mit einer mir fremden SB auf der Arge:

    Inzwischen werden dank dieses „Bildungspaket“ schon „Klassenhomogene Gruppen“ in Kitas gebildet! Glaubt keiner? Kommt nach Meck-Pomm! Hier werden in Kitas bereits „Hartz-Kinder“ zu ihresgleichen gesteckt und die Kids der (noch) nicht bedürftigen in andere Gruppen, somit erfolgt bereits da eine „Schichtentrennung“. Der Grund? „Hartz-Kindern“ steht nur das Mittagessen zu, dem „Rest“ auch Frühstück und Kaffee…. und um die Verwaltung bei der Abrechnung zu entschlacken, werden eben „Hartz-Gruppen“ gebildet! Widerlich!!!!!!

    Soweit nur mal ein paar kleine Tatsachen…. (die evtl. -auch wenn nich hier her passend- sogar gewisse Wahlergebnisse, die momentan so sehr für Entsetzen sorgen, erklären!)

    Als dann,
    realistikerin“

    Quelle

    Das schockierte mich – v.a. der Teil mit der homogenen Kindergruppe. Ist es doch schon wieder so weit?

    Mancherorts ist auch nachzulesen, dass nicht nur Eltern für das Scheitern des Bildungspaketes sorgen, sondern in den zuständigen Ämtern das reinste Chaos herrscht, d.h. viele Anträge gar nicht bearbeitet wurden bzw. die Frage nach Zuständigkeit vielerorts noch nicht geklärt scheint. Warum wird das kaum thematisiert, warum immer nur einseitig auf die Betroffenen eingeschlagen, Klischees erschaffen und bedient, Vorurteile gefestigt, Hass geschürt? Mit keinem Wort wird erwähnt, dass Eltern keine Anträge stellen, a) weil die Kinder noch zu klein sind, b) weil die Kinder gar keinen Anspruch haben (zu gute Zensuren), c) weil Kinder abends lieber selbst bekocht werden oder d) der Sport- oder Musikunterricht trotz Zuschuss noch zu teuer bzw. gar nicht gewollt ist, weil das Kind kein Interesse zeigt. Und was ist eigentlich mit Säuglingen und Kleinkindern? Erhalten die eigentlich Ersatz, weil diese Kinder noch zu klein sind, um das Paket überhaupt in Anspruch nehmen zu können? Nein, die fallen vermutlich durch das sorgsam erdachte Netz.

    Das Paket ist eine einzige Farce, finde ich (übrigens selbst kinderlos und daher gar nicht betroffen, aber immer daran interessiert, was in diesem Land beschlossen wird und wie man Menschen zu Gruppen vereint, um sie besser stigmatisieren und entwürdigen zu können).

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