Gewissensfragen

Von Rupert Talia

Ich sage mit Karlheinz Deschner: „Ich denke, also bin ich ‐ kein Christ“. Bevor aber nun alle Christen sich sogleich entrüsten sage ich auch: „Mir sind alle Menschen gleich lieb ‐ egal ob Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Andersgläubige oder Atheisten ‐ solange sie der wichtigsten Richtschnur jeder Ethik folgen: Was du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu“.

Deschner (Foto: Mathias Schindler)

Wie aber passt das zusammen? Sicher folgen viele Christen dieser Richtschnur ebenso wie viele Anhänger anderer Glaubensrichtungen. Aber das organisierte Christentum ‐ die christlichen Kirchen ‐ in ihrer Organisiertheit tun das ebenso sicher nicht. Es scheint so, als ob Glauben, Religion, Metaphysik oder Mystik zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört. Anders wäre nicht erklärbar, warum Glaubensrichtungen unabhängig voneinander in der ganzen Welt und in nahezu jeder Kultur entstanden sind und sich teilweise über Jahrtausende lebendig erhalten haben. Dogmatische ebenso wie undogmatische. Wenn das aber so ist, dann ist der Mensch in diesem Grundbedürfnis auch verletzbar. Man kann seinen guten Glauben missbrauchen und ausbeuten, auch für böse Taten. Und eigentlich ist es genau dies, was die christlichen Kirchen, allen voran die katholische, seit nahezu 2000 Jahren als Organisationen tun.

Es ist ebenso beachtlich wie deprimierend, dass wir nirgends etwas darüber lernen. Dass die Stimmen, die es ja gibt, nicht gehört werden, die über die ganze Kirchengeschichte berichten. Eine solche Stimme ist der Kirchenhistoriker Karlheinz Deschner. Er hat sein Arbeitsleben der „Kriminalgeschichte des Christentums“ gewidmet und Jahrzehnte gebraucht, um diese grausige Historie in einem bald 10‐bändigen Werk zusammen zu tragen und so dem Vergessen zu entreißen.

Und die Kirche? Die Kirche sieht ihn als üblen Ketzer. Und zerrte ihn vor Gericht, denn nach unserem Strafgesetzbuch gilt mit § 166, dass die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen mit Geldstrafe oder sogar Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren geahndet werden kann. Und das ist kein vergessener und verstaubter Paragraf. Noch in den Jahren 1984 und 1985 kam er zu einer beachtlichen Anwendung, unter anderem gegen einen Medizinstudenten, der auf die kriminelle und blutige Kirchengeschichte verwies, deshalb den Gotteslästerungsparagrafen abschaffen wollte und für die Meinungsfreiheit von Atheisten eintrat. In diesem Prozess gegen den Bochumer Medizinstudenten trat Deschner als Gutachter auf. In seinem Gutachten weist Deschner unter anderem auch auf den gegen ihn aus demselben Grund geführten Prozess von 1971 hin. Und stellt seine abschließende Stellungnahme von damals dar:

„Man räumt ja ein, daß die Ideale des Evangeliums sehr hochgesteckt sind, daß man Christentum und Kirchen nicht schon deshalb verdammen darf, weil sie diese Ideale nicht ganz, nicht halb oder, wenn Sie wollen, noch weniger realisieren. Aber es faßt, um es zu wiederholen, den Begriff des Menschlichen und selbst Allzumenschlichen doch etwas weit, wenn man von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrtausend zu Jahrtausend genau das Gegenteil realisiert, kurz, wenn man durch seine ganze Geschichte als Inbegriff und leibhaftige Verkörperung und absoluter Gipfel welthistorischen Verbrechertums ausgewiesen ist! Eines Verbrechertums, neben dem selbst ein hypertropher Bluthund wie Hitler noch fast wie ein Ehrenmann erscheint, weil er doch von Anfang an die Gewalt gepredigt und nicht, wie die Kirche, den Frieden!“

Mit solchen Karikaturen haben wir regelmäßig kein Problem

Diese (hochbrisante) Erklärung Deschners stufte das Gericht 1971 als „ebenso lapidar wie nichtssagend“ ein und ‐ stellte den Prozess im Namen des Volkes wegen Geringfügigkeit ein. Und der Bochumer Medizinstudent, in dessen Prozess diese Stellungnahme Eingang fand, wurde aus formaljuristischen Gründen frei gesprochen.

Selbstverständlich hat es auch weniger rabiate Versuche gegeben, Deschner Fehler nachzuweisen, seine Glaubwürdigkeit anzugreifen. Jedoch sind solche Versuche allesamt gescheitert, denn Deschner ist kein blinder Wüterich, keiner mit „hasserfüllten Augen“, sondern akribisch arbeitender Wissenschaftler, ein Historiker, der langsam aber stetig Faktum auf Faktum auf Faktum der Geschichte zusammenträgt. Und bereits 1971 zog er den vorläufigen Schluss:

„Nach intensiver Beschäftigung mit der Geschichte des Christentums kenne ich in Antike, Mittelalter und Neuzeit, einschließlich und besonders des 20. Jahrhunderts, keine Organisation der Welt, die zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet ist wie die christliche Kirche, ganz besonders die römisch‐katholische Kirche.“

Und man muss größte Sorge haben, dass Deschners Hauptarbeit, die „Kriminalgeschichte des Christentums“, noch ewig fortgesetzt werden muss, auf jeden Fall bis in unsere Tage. Denn was geschah parallel zu den Prozessen, die die entrüstete Kirche führte? Was geschah zeitgleich in ihren Herrschaftsbereichen? Einen Teil davon zeigt die „Karte der Leiden“ der Süddeutschen Zeitung vom 12. März 2010:

„In fast ganz Deutschland ist es in den vergangenen 50 Jahren zu Misshandlungen und sexuellem Missbrauch an katholischen Schulen und Internaten gekommen. Mittlerweile sind mindestens 23 Schulen und Internate von den Vorwürfen betroffen, insgesamt gibt es wohl mehr als 250 Opfer.“

Wie steht es mit solchen?

Im Zuge der gnadenlosen Monetarisierung unserer Welt sollen diese Leiden nun in „Geld“ aufgewogen werden, ganz so, als seien Schandtaten käuflich. Denn das Problem mit dieser Form eines Entschädigungsversuchs ist immer, dass um den Preis gefeilscht werden muss. Und solches Geschehen diskreditiert den Ansatz sofort. Aber ihr Gebaren hilft der Kirche immer weniger, immer mehr Gläubige wenden sich von ihr ab, wie die Mittelbayerische am 17. März 2010 beispielhaft für
Regensburg berichtet:

„Laut Statistik steigt die Zahl der Kirchenaustritte in der Stadt Regensburg seit Jahren kontinuierlich an. Im Jahr 2007 lag sie bei insgesamt 594, ein Jahr später bereits bei 743. Im letzten Jahr kehrten 797 Christen ihrer Kirche per Austrittserklärung den Rücken. Und zahlten 31 Euro für die offizielle Bescheinigung.“

Man muss dem Staat gegenüber seinen Austritt erklären, und dafür zahlen. Jeder ernste Christ wäre mindestens gefordert, sich der Stimme Deschners wenigstens zu stellen, sich ihr auszusetzen, zu lernen, was er zu sagen hat und zu wissen, was er weiß. Es wäre unchristlich, ihn zu verdammen, ohne seine Stimme auch nur angehört zu haben. Audiatur et altera pars. Zum Beispiel:

Fotos:
Karlheinz Deschner – Author:  Mathias Schindler – This file is licensed under the  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic-Lizenz.
„Abtreibung“ – Author:  nicht bekannt – ursprünglich erschienen in Titanic.

One Response to Gewissensfragen

  1. Muriel says:

    Die Monetarisierung bezweifle ich zwar, ansonsten hat mir der Beitrag aber sehr gefallen.

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