Wie man Risiken verschwinden lässt, Nobelpreise gewinnt und trotzdem beides behalten darf

oder: Audiatur et altera pars

Von Rupert Talia

Der Untertitel kommt vielleicht etwas hochtrabend daher, aber er benennt etwas, dass heute galoppierend abhanden zu kommen scheint. Er bezeichnet schlicht den alten und äußerst sinnvollen Rechtsgrundsatz „Man höre auch die andere Seite“. „Hören“ allerdings zugleich im Sinne von Beachten, darin steckt auch „Achten“. Denn die beste Reaktion sollte nicht „Übertönen“, sondern „Weiterentwickeln“ oder „Überzeugen“ sein. Nun denn, die folgende Skizze soll versuchen, das  Gemeinte beispielhaft an einem schwierigen Gegenstand zu beleuchten.

Ausgangspunkt ist die folgende, sehr sehenswerte, englischsprachige Dokumentation der BBC von 1999 (nein, das ist nicht vergessene Geschichte, sondern brandaktuell). Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das sich durchaus fundiert mit dramatischen Ereignissen befasst, deren Zeitzeugen wir sind und die wir deshalb kennen sollten (wenn nicht müssen), auch wenn es sehr schwer fällt, sie zu verstehen ‐ nicht zuletzt, weil es um äußerst anspruchsvolle Finanzmathematik geht. Aber ihre Auswirkungen gehen uns alle mindestens ebenso ‐ nein, sehr viel mehr, direkter und noch umfassender an, als die Auswirkungen beispielsweise der Kernenergietechnik.

The Midas Formula

Worum geht es? Sehr einfach eigentlich: Drei Top‐Ökonomen (die Wissenschaftler Black, Scholes, Merton) erfinden Mitte der 1990er Jahre die Finanzmathematik quasi neu ‐ revolutionär ‐ rocket science! Sie „beweisen“, dass sich jegliches Risiko mathematisch restlos eliminieren lässt ‐ mittels der Black‐Scholes‐Formel ‐ und gründen darauf eine brillante, „unschlagbare“, bestechende Moderne Portfolio‐Theorie, die mit dem Nobelpreis (der Schwedischen Reichsbank ‐ sic) geadelt wird. Da ihnen das aber nicht genügt, gründen sie selbst den Hedge‐Fonds LTCM (Long Term Capital Management) und spekulieren mit Billionen, allerdings kaum 4 Jahre, anfangs zwar spektakulär erfolgreich, jedoch nur um dann im noch spektakuläreren Groß‐Finanzdesaster von 1998 im Gefolge des Russland‐Bankrotts rasant pleite zu gehen (sie sind zugleich mit die ersten, die man in großem Stil heraus kaufen musste ‐ „too big to fail“, Nobelpreisträger können scheinbar leicht zu viel Geld zusammentragen). Und daraus folgte was? Erstaunlich genug: „Weiter so“, die Portfolio‐Theorie ist grundsätzlich nach wie vor Lehrmeinung und findet weiterhin rege Verwendung. (vgl. z.B. „Demonstration der Optionsgriechen anhand der Entwicklung des Callwertes„. Aber nein, diese Griechen haben nichts mit realen Griechen zu tun, man nennt das bloß so, warum auch immer. Sprache kann zuweilen sehr geheimnisvoll sein, aber das ist hier nicht Thema.

Was in den BBC‐Beitrag von 1999 noch nicht Eingang finden konnte, ist in zwei sehr interessanten, überaus empfehlenswerten Büchern als fundierte Kritik der finanzmathematischen Grundlagen dargelegt, die 2005 bzw. 2010 in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurden und die beide mit Preisen ausgezeichnet wurden:

  • ‐ B.B. Mandelbrot & R.L. Hudson: „Fraktale und Finanzen“, Piper, 2005 (Original 2004)
  • ‐ N.N. Taleb „Der schwarze Schwan“, dtv, 2010 (Original 2007)

Das Buch von Mandelbrot & Hudson wurde 2006 als „Bestes Wirtschaftsbuch des Jahres“, das von Taleb 2007 mit dem „Wirtschaftsbuchpreis der FTD“ bedacht. Das ist immerhin bemerkenswert, handelt es sich doch bei beiden um radikale Fundamentalkritik der Finanzmathematik (vereinfacht ausgedrückt). Es können doch nicht gleichzeitig die vorherrschende Finanzmathematik auf der Basis von Normalverteilungen und die radikal andere, die fraktale Auffassung von Marktrisiken vollwertig nebeneinander gelten. Wären demnach nicht entweder Mandelbrot und Taleb als Außenseiter, ja Paradiesvögel einzustufen, oder Scholes und Kollegen bestenfalls als Verirrte, schlimmstenfalls als Blender?

Ist unsere heutige Ökonomie vielleicht gar keine Wissenschaft, sondern nur noch Ideologie, Blendwerk, quasi so etwas wie physikfreie Kernkraft? Mandelbrots Kritik (wie auch die von Taleb) in Kurzform: Der Fehler der vorherrschenden Finanzmathematik liege bereits in der durchgängigen Grundannahme von Gaußschen Normalverteilungen, obwohl doch alle empirischen Fakten auf das Gegenteil deuten: Das Risiko in Finanzmärkten (Märkten überhaupt) ist nirgends normalverteilt, folgt also (vulgo) gerade keiner reinen Zufallsverteilung. Man braucht nur eigenen kritischen Verstand, etwas Lebenserfahrung und einen Blick auf z.B. die Einkommensverteilung, um zumindest die Grundlage der Kritik ‐ unabhängig von aller anspruchsvollen Mathematik ‐ relativ schnell zu verstehen (was man von der Black‐Scholes‐Formel nicht so sicher behaupten kann). Standardabweichung? Angesichts der tatsächlich realisierten Risiken der letzten 10 Jahre (ein Crash nach dem anderen, teilweise in einer Dimension außerhalb jeder vorangegangenen Vorstellungskraft) wäre das zum Lachen, wenn es denn vollständig in dem Casino der Finanzjongleure bliebe. Genau das aber tut es nicht, sondern trifft fortlaufend menschliche Schicksale, die mit dem Casino nicht das geringste zu tun haben.

Scholes (Foto: Nobellaureatesphotographer)

Die Ökonomie scheint aber weiterhin stur darauf zu beharren, dass es so etwas wie die Russland‐Pleite in Wirklichkeit gar nicht gibt, das bilden wir uns alle nur ein, möglicherweise weil wir für die Black‐Scholes‐Mathematik viel zu dumm sind, und wohl deshalb müssen wir als Steuerzahler nun das wunderbare Verschwinden jeglichen Risikos aus der gated community der Hochfinanz ganz real Realität werden lassen (so geht’s ja schließlich auch). Scholes möchte ja sicher weiterhin Golf spielen und ansonsten goldene Krawatten tragen, wenn er als hochgeachteter Nobelpreisträger auf der nächsten Ökonomenkonferenz erscheint. An sich eine herrlich anzusehende Farce, und schon darum sei ihm das auch alles herzlich gegönnt ‐ wenigstens solange jeder, der damit nichts zu tun haben will und sich fernhält, auch dann völlig unbehelligt bleibt, wenn es so grandios wie geschehen in die Hose geht.

Denn Scholes ist mit seinen Kollegen unvorstellbar tief abgestürzt, wobei sich allerdings keine Quellen dafür finden lassen, über wen und wie viele er mit seiner revolutionären Arbeit am Ende schwerstes existenzielles Unheil gebracht hat ‐ wohlgemerkt: gemeint sind hier nur die, die an seinem Fonds in keiner Weise beteiligt waren und bis heute vielleicht noch nie von LTCM und Scholes überhaupt nur gehört haben. Solches Unheil muss sicher verhindert werden, aber wer soll das richten, wenn niemand verstehen kann, was eigentlich wirklich getrieben wird, vielleicht nicht einmal die Nobelpreisträger selbst? Carolyn Maloney formulierte das wie folgt:

CAROLYN MALONEY (Congress Committee Representative): „If the Nobel Prizewinners of Long Term Capital Management didn’t fully understand what they were doing or the risks involved who else could be expected to understand these activities?“ 

Nur etwas später publizierte J. Stiglitz (immerhin als Chefökonom der Weltbank von 1997 bis 2000 ein Top‐Insider des Weltfinanzgeschehens und gleichfalls Wirtschaftsnobelpreisträger) aus den auf rasche Liberalisierung aller Finanzmärkte der Welt gerichteten Aktivitäten des IWF seine eigene markerschütternde Schlussfolgerung, die im ersten Moment irgendwie überzogen erscheint und sich dem Totschlag‐Argument eines „Verschwörungsdenkens“ scheinbar schutzlos aussetzt:

JOSEPH STIGLITZ (Columbia University New York, Nobelpreis für Wirtschaft) ‐ 2002: „Ebenso wichtig sind die Auswirkungen der Globalisierung auf die Demokratie. Die bislang betriebene Globalisierung versucht die Diktatur nationaler Eliten durch die Diktatur der internationalen Finanzmärkte zu ersetzen.“ ‐ Joseph Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung, Goldmann Verlag, 2004 (S. 323)

The Rogers Building, MIT

Immerhin: Scholes et al. als mit die ersten Groß‐Brandstifter im weltweiten Finanzcasino sind unter dem Strich ziemlich gut aus der Sache herauskommen. Etwa Nobelpreisträger Merton. Seine Biografie wird teilweise wie folgt geschrieben: „In 1987 Merton wrote Continuous Time Finance. The following year he left MIT for Harvard Business School in Boston, where he was promptly given the George Fisher Baker professorship and has risen to the highest rank of University Professor. In 1999 he was awarded a lifetime achievement award in mathematical finance and in 2005 the Baker Library at Harvard University opened The Merton Exhibit to honour him.“ Leistung muss sich lohnen, besonders bei den Shooting Stars, da wird das historische Jahr 1998 einfach weggelassen, zumal schon 1999 gleich der nächste Preis anstand. Am ersten Lindauer Treffen der Nobelpreisökonomen 2004 nahm Merton selbstverständlich teil, um über die „Diversifizierung von Risiken mittels Anwendung moderner Finanztechnologie“ zu referieren. Sein Kollege Scholes dagegen war erst ab 2008 wieder mit dabei, allerdings mit wirklich markigen Worten, die sein gelungenes Comeback wirkungsvoll unterstrichen (zitiert aus der FAZ):

„Es war im ersten Jahr der Finanzkrise, kurz vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, da stellte eine Studentin beim Lindauer Treffen der Ökonomie‐Nobelpreisträger eine wichtige Frage. Sie fragte, ob es in den westlichen Volkswirtschaften nicht eine „Fehlallokation von Talenten“ gebe. Zu viele kluge Köpfe gingen in die Finanzbranche, die mit hohen Gehältern und Boni lockt; dafür blieben zu wenig Talente für die Realwirtschaft. Einer der Nobelpreisträger, der Kanadier MYRON SCHOLES, antwortete selbstbewusst grinsend: „Ich betrachte mich als einen der schlauesten Menschen, die es gibt, und es hat sich als eine hervorragende Entscheidung herausgestellt, dass ich in die Finanzbranche gegangen bin.“ ‐ FAZ 26.12.2010

In Lindau 2008 war Scholes, der 2005 noch ein Verfahren wegen Steuerbetrugs zu überstehen hatte (), gut gelaunt obenauf und dozierte über wissenschaftliche Methoden des Risikotransfers, also weiterhin über Methoden, mit denen sich aus Geld schlicht noch mehr Geld machen ließe, nunmehr allerdings durchaus im Bewusstsein, dass niemand Märkte wirklich verstehen könne (das ist eine durchaus beachtliche Weiterentwicklung seiner Theorie, zumal er damit definitiv unter den „Schlauesten“ verbleiben kann, denn alle 4 anderen verstehen es ebenfalls nicht, eben weil es unmöglich zu verstehen ist ‐ aber das hat er immerhin jetzt verstanden):

MYRON SCHOLES: „And we have incomplete markets with frictions. It’s not possible to define the information set in such a way as to actually understand all the possible states of nature that could arise and which we want to hedge.“, »The Role of Liquidity and Risk Transfer Services in the Economy«, 3rd Meeting in Economic Sciences, 2008.

Aber auch für das interessierte breitere Publikum hatte Scholes noch zwei prägnante Antworten auf zwei wichtige Fragen eines WELT‐Wirtschaftsredakteurs: 1. Frage: Ist die Finanzkrise vorüber? Antwort: Nein. 2. Frage: Was ist ihr konkreter Rat für Investoren? Antwort: Diversifizieren ‐ und: eine möglichst simple Investmentstrategie verfolgen, denn es ist sehr schwierig, den Markt zu schlagen. Da merkt man, dass der Mann sich nicht nur zu den schlauesten Theoretikern zählt, sondern zugleich aus fundierter eigener Erfahrung sprechen kann. Darum ist er wohl auch einer von jenen, die sich berufen fühlen, der Politik Empfehlungen zu geben:

Im Umgang mit der Finanzkrise mahnt der Ökonom Politik und Öffentlichkeit zur Besonnenheit. „Wir müssen erst die Ursachen genau analysieren und verstehen, bevor wir die richtigen Schlussfolgerungen für eine institutionelle Verbesserung der Finanzmärkte ziehen können.“ Daher kämen Forderungen nach regulatorischen Konsequenzen zu diesem Zeitpunkt zu früh. … Eine Lehre aus der Krise ist für Scholes, dass sich die Vergütungssysteme in der Finanzbranche ändern sollten. Die Diskrepanz zwischen kurzfristigen Gewinnen und langfristigen, versteckten Risiken müsse besser in den Griff bekommen werden. (Handelsblatt am 08.08.2008)

Und weiter am 21.08.2008 im Handelsblatt:

„Der kanadische Ökonom Myron Scholes, der 1997 den Ökonomien‐Nobelpreis erhielt,  warnte allerdings vor übereilten Schlüssen: „Wir müssen die Vor‐ und Nachteile von neuer  staatlicher Regulierung sorgfältig gegeneinander abwägen. Sonst besteht die Gefahr, dass wir mehr Schaden als Nutzen anrichten“, betonte er. Noch hätte die Wirtschaftswissenschaftdie genauen Ursachen der Krise nicht genau genug verstanden.“Mitten in dieser Serie ertönte dennoch die Erkenntnis, worin das Risiko wirklich besteht (Handelsblatt, 17.08.2009):“Regierungen sind globales Risiko. Die Wirtschaftspolitik sollte nach Ansicht von Bundespräsident Horst Köhler schneller die Erkenntnisse der modernen Wirtschaftswissenschaften anwenden. Bislang fänden diese erst mit „einiger zeitlicher Verzögerung Niederschlag in die Wirtschaftspolitik“, sagte Köhler am Donnerstag Vormittag bei der Eröffnung des zweiten Treffens der Ökonomie‐Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee“.

Foto: Agência Brasil

„Lindau 2008“ zusammengefasst: Die Wirtschaftswissenschaft hat noch (immer) nicht genau genug verstanden, was vor sich geht (M. Scholes), aber diese Erkenntnis muss umso schneller in die Wirtschaftspolitik einfließen (H. Köhler), weil Regierungen ein globales Risiko sind, außer der irischen, die sei vorbildlich, weil sie für steuerliche Planungssicherheit sorge (F.E. Kydland, Nobelpreisträger 2004). Scholes wenigstens hatte seine persönliche Lektion (offensichtlich ohne wirklich existenzielle Verluste) gelernt und reüssierte 2008 mit dieser neuen Erkenntnis, dass es eben unmöglich sei, Märkte zu verstehen, weshalb er warnt, dass verstärkte Regularien (etwa zum Schutz der Vielen, die überhaupt nicht nachvollziehen können, was da vor sich geht), vielleicht noch mehr Schaden anrichten. Das liegt ganz im Interesse und auf exakt der Linie der Finanzkonzerne. Aber dem zum Trotz verstehen die Vielen inzwischen eines vielleicht doch immer besser: Kommt es am Ende zu bailouts, dann sind sie es, die auf jeden Fall (mit? allein?) haften müssen.

So einfach also ist das. Zumindest für Professor Scholes. Aber hat er sich nun seine goldene Krawatte wirklich verdient oder trägt er sie bloß zur Schau? Der Autor, Trader und Optionshändler N.N. Taleb (auch ein Insider, wenn auch ein vergleichsweise kleiner) dazu bitter‐lakonisch:

„Viele Freunde glaubten wie ich selbst, dass die Anhänger der Portfoliotheorie das gleiche Schicksal erleiden würden wie die Tabakfirmen: Sie gefährdeten die Ersparnisse von Menschen und würden für die Folgen ihrer vom gaußschen System inspirierten Methoden zur Rechenschaft gezogen werden. Doch das passierte nicht. Stattdessen lernten die MBAs an den Wirtschaftsinstituten und ‐fakultäten weiter die Portfoliotheorie. Und die Optionsformel behielt den Namen Black‐Scholes‐Merton, statt zu ihren Eigentümern zurückzukehren: Louis Bachelier, Ed Thorp und andern.“ (Der Schwarze Schwan, S. 339).

Was denn? Sollen wir da auf böse Gedanken kommen? Dass das noch so ein Blender sei, der fremdes Gedankengut als eigenes verkauft? Oder dass es hierzulande die Bertelsmann‐CHE sei, die schon dafür sorgen wird, dass die Portfoliotheorie auch zukünftig an Ökonomiefakultäten besonders fleißig gelehrt und gelernt wird? Kann man dem Renegaten Taleb trauen? Kann man dem Nobelpreisträger Scholes trauen? Wie auch immer, ein Problem wird damit sicher überdeutlich: Beide (und hier stellvertretend auch für andere gemeint) führen sicher keinen vernünftigen Disput und erst recht keinen ergebnisoffenen, gleichberechtigten, fairen Dialog miteinander. Das aber ist es, was genau nicht sein
dürfte.

Denn mindestens ebenso verunsichernd ist, dass auch andere Insider, die ‐ neben zahlreichen Anderen ‐ nicht zuletzt aufgrund oder in Folge der Finanzgroßexperimente a la Scholes, Merton und anderen ihr Vermögen, ihre Renten, ihre Pensionen oder „nur“ ihren Job verloren haben, noch zu ganz anderen, radikaleren Schlussfolgerungen gelangen, die eher der Wahrnehmung und Diagnose von Joseph Stiglitz entsprechen. Ein Beispiel unter anderen:

SUSANNE SCHMIDT (promovierte Nationalökonomin, 30 Jahre Bankerin in der Londoner City, Bloomberg‐TV) ‐ 2011: „Weitere Billionen, um einem einzigen Wirtschaftszweig unter die Arme zu greifen, dessen Repräsentanten sich wie die schlimmsten Aristokraten vergangener Zeiten auf Kosten der Bevölkerung bereichern? Die Guillotine muss begraben bleiben, aber eine radikale Umkrempelung des Finanzsystems ist angesagt.“ ‐ Susanne Schmidt: Markt ohne Moral, Knaur Verlag, 2011 (S. 177)

Relief von Peter Lenk, Foto: Frank Vincentz

Werden aber wenigstens nüchterne und fundierte Stimmen wie die von Stiglitz oder Schmidt wirklich gehört? Wird nachvollziehbar erklärt, warum deren Diagnosen und vor allem Schlussfolgerungen samt Therapievorschlägen völlig verkehrt sind und wir am besten einfach so weitermachen wie bisher? Hören wir einmal rein in die „guten“ Nachrichten dieser Tage:

JOSEF ACKERMANN (Deutsche Bank) ‐ 30.06.2011: „Ich gehe davon aus … gehe davon aus, Frau Bundeskanzlerin, dass wir Hand bieten zu einer anderen Lösung, aber nicht, weil wir es gerne tun, sondern um eigentlich der Politik es zu ermöglichen, das zu tun, ohne das wir morgen … ich sag’s ganz deutlich: eine Kernschmelze haben.“

Kernschmelze ‐ schon wieder? Während nun seit mindestens 10 Jahren ungeheure und unfassbare Billiardenbeträge zyklisch um den Globus gepumpt werden, (nur) um aus Geld stetig und immer schneller noch mehr Geld zu machen, schreibt sich die parallel dazu ablaufende Geschichte der realen Menschen mit ihren realen Bedürfnissen furztrocken und ‐ so verkürzt wie unvollständig ‐ in etwa so:

  • 1998 ‐ Bankrott Russlands
  • 2002 ‐ Bankrott Argentiniens
  • 2008 ‐ Bankrott Islands
  • 2010 ‐ Bankrott Griechenlands
  • 2011 ‐ Die Bundesregierung: „Dem Land geht es gut

Der abschließende Befund des sterbenden Tony Judt war 2010: „Dem Land geht es schlecht“, so der Titel seines  lesenswerten letzten Buches (Hanser‐Verlag, 2010). Audiatur et altera pars. Schon darum gehört das unbedingt hierher. Aber Kritiker stehen am Rand, werden ausgegrenzt, niedergemobbt, ggf. angebrüllt. Noch einmal N.N. Taleb (Trader, Optionshändler):

„Da ich ihre gesamte Arbeit [Anm.: die von Scholes und anderen] infrage stellte, war es verständlich, dass Beleidigungen auf mich niederhagelten: Sie warfen mir vor, ich sei „besessen“, „kommerziell“, „philosophisch“, ein „Essayist“, „Müßiggänger“, „Praktiker“ (das ist in der akademischen Welt eine Beleidigung), „Akademiker“ (das ist in der Wirtschaft eine Beleidigung).“ (in: Der Schwarze Schwan, S. 336).

Leuchtet Lindau der Welt?

Als weiser und vor allem unabhängiger Richter in der Sache kann sich wohl kaum jemand aufspielen, so komplex, verworren und verflochten ist bereits die Gesamtlage und die Diskussion darüber sind es sowieso. Schlimmer noch: Fast jeder hat sich selbst (oder wurde absichtsvoll von anderen) auf die eine oder andere Weise schon diskreditiert. Aber eines kann man unbedingt erkennen und muss es wirklich fürchten: „Weiter so“‐Parolen können viel besser und breiter wirken, wenn alle Kritiker als Außenseiter systematisch ausgegrenzt und an den Rand gedrängt werden, ohne auf irgendeines ihrer
Argumente fundiert einzugehen (oder bisweilen schlimmer noch, sie mittels Diskreditierung ihrer materiellen Existenz und damit ihrer Stimme an sich zu berauben). Man sagt einfach „Kernschmelze“ oder „alternativlos“ und dann? Ist alles gesagt, alles damit schon ausreichend begründet, mehr noch, gerechtfertigt? Sicher nicht, denn damit wird nur eine brandgefährliche intellektuelle Inzucht vorangetrieben und betoniert, die auf jeden Fall genau das nicht hervorbringen kann, was mit am dringendsten benötigt wird: In einem fairen Wettstreit des Disputs die beste Lösung zu finden. So, wie es ist, gilt wohl: „Wer reinkommt, ist drin“ Hat uns die Figur des Heini Haffenloher etwa schon 1986 abschließend gezeigt, was allein das Eintrittsbillet ist?

Die Lindauer Nobelpreisträgerkonferenz in Lindau jedenfalls ist insgesamt ein außerordentliches Erfolgsmodell. In diesem Jahr gibt es noch mehr Nobelpreisträger, die teilnehmen, und auch Bill Gates gibt sich die Ehre, der dort zu so etwas wie einem „Ehren‐Nobelpreisträger“ erhoben wurde. Soviel Internationalisierung am schönen Bodensee hat auch Bayerns Wissenschaftsminister Heubisch (FDP) überzeugt, der wohl gleich zu Beginn seiner Amtszeit eine Million Euro nach Lindau überwies (sueddeutsche.de, 01.07.2011). Der SZ‐Artikel endet wie folgt: „Und der Appell des Laureaten Christian de Duve, in dem der 94‐Jährige einen Sieben‐Punkte‐Plan zur Rettung der Welt präsentierte, hallt ebenfalls nach: „Meine Generation hat viel Schaden angerichtet. In Euren Händen liegt die Zukunft“, rief er den Jungen unter Standing Ovations zu, „macht es besser. Noch ist es nicht zu spät.“ Was und wen er damit wohl meint? Das ist eine andere Geschichte.

Fotos:
Myron Scholes – Author: Nobellaureatesphotographer – This file is licensed under the  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz.
Horst Köhler – Author: Agência Brasil – This file is licensed under the  Creative Commons Attribution 2.5 Brazil-Lizenz.
„Ludwigs Erbe“ – Author:  Frank Vincentz – This file is licensed under the  Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported-Lizenz.
Hafeneinfahrt Leuchtturm Lindau – Author: Baikonur – This file is licensed under the   Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz.

One Response to Wie man Risiken verschwinden lässt, Nobelpreise gewinnt und trotzdem beides behalten darf

  1. Trader says:

    Tach zusammen,
    anbei eine Kopie von den FAQs auf OnVista zu Optionsscheinen. Mich hat der flappsige Kommentar im 3. Abschnitt zu den „Griechen“ gestört :). Aber ich stimme zu, dass die aktuelle Gestaltung von Optionsscheinen einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkommt.
    Hat Brecht schon gesagt: „Was ist schon das Ausrauben einer Bank gegen die Gründung einer Bank“.

    9. Wenn der Preis eines Optionsscheines nur aus dem inneren Wert und dem Zeitwert besteht, muss doch die Preisbildung zu jedem Zeitpunkt während der Laufzeit leicht nachvollziehbar sein, oder nicht?Die Berechnung von Optionsscheinpreisen ist eine mathematisch anspruchsvolle Aufgabe, die in der Regel automatisiert abläuft, zusätzlich aber von zuständigen Optionsscheinhändlern überwacht wird. Fischer Black und Myron Scholes haben 1973 gemeinsam die so genannte ­Black-Scholes-Formel zur Berechnung von Optionsscheinpreisen europäischen Typs entwickelt, wofür sie im Jahr 1997 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielten. Das Konzept der Black-Scholes-Formel findet nach jahrelangen Weiterentwicklungen in seiner Grundform noch heute Anwendung bei der Ermittlung von Optionsscheinpreisen. An dieser Stelle sollte klar sein, dass der Nobelpreis sicherlich nicht für eine einfache Addition von innerem Wert und Zeitwert verliehen wurde. Denn Berücksichtigung finden neben der Kursentwicklung des Basiswertes, wie z.B. des Aktienkurses, auf den sich ein Optionsschein bezieht, andere Faktoren, deren Einfluss auf den Preis nicht immer einfach zu ermitteln ist. Neben der Kursbewegung des Basiswertes spielen auch die implizite Volatilität des Basiswertes (vgl. hierzu Frage 7 unter Allgemeines), die erwarteten Dividenden, das Zinsniveau und die Restlaufzeit des Optionsscheines eine Rolle. Das Ausmaß des Einflusses der einzelnen Parameter auf den Optionsscheinpreis kann nur mit Hilfe mathematischer Modelle wie der Black-Scholes-Formel ermittelt werden. Für den Privatanleger ist die Komplexität der Preisberechnung jedoch kaum nachvollziehbar. Näherungsweise Einschätzungen der Auswirkungen der genannten Parameter auf den Optionsscheinpreis sind aber durchaus möglich. Eine große Hilfe liefern hier die so genannten „Griechen“. Hierbei handelt es sich um die Sensitivitätskennzahlen Gamma, Delta, Omega, Rho, Vega und Theta.

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