Seelenverwandtschaften

"Soll ich das Krokodil vertagen?" "Jaaaaaa!"

Auf der Seele habe ihm der Punkt gelegen, brachte sichtlich mitgenommen der Fraktionsvorsitzende der SPD zu Gehör. Der Antrag der FWS, die Gesellschafter und die Mitglieder des Aufsichtsrates der Stadtwerke abzuberufen und neu zu wählen, war der Auftakt einer bemerkenswerten Wortklauberei in der Stadtverordnetenversammlung vom vergangenen Freitag. Der Antrag war bereits zur vorletzten Versammlung gestellt, aber von der FWS selbst vertagt worden. Man hatte für unfair gehalten hatte, in Abwesenheit des Aufsichtsratsvorsitzenden zu verhandeln. Nun sei der aber offenbar länger und schwerer erkrankt und ein Zuwarten über weitere 3 Monate politisch nicht hinnehmbar. Letztendlich, so stellte Herr Schröder klar, ginge es um genau das: eine politische Entscheidung und nicht etwa eine über die fachlichen oder gar menschlichen Qualitäten der Betroffenen. Und das sah Herr Siepert offenbar genau so und dennoch befand er den Vertagungsantrag seines faktischen Koalitionspartners von der CDU nach intensiver Güterabwägung für richtiger: Am 14. Juni solle der Aufsichtsrat tagen und wichtige Beschlüsse stünden an und das würde dadurch erschwert. Warum und wieso das so sein soll, erklärte er ebensowenig wie Herr Delfs.

"Wolle mer mauschele?"

Leider wurde die Sitzung anschließend zum ersten Mal unterbrochen und es war keine Replik darauf zu hören. Das wäre aber interessant gewesen, denn nach der Selbstermächtigung der Gesellschafter und der verpassten Kontrolle durch den Aufsichtsrat wäre es doch der mindeste Schritt politischer Hygiene gewesen, nun nicht auch noch die personell identischen Gremien die eigenmächtigen Beschlüsse wiederholen zu lassen. Deren Pflichtwidrigkeiten hatte man bekanntlich in der vergangenen Sitzung geheilt, aber musste man das Fehlverhalten nun auch noch belohnen? Was sprach aus Sieperts Sicht gegen eine Umbesetzung? Könnte der Aufsichtsrat in neuer Besetzung nicht wesentlich besser, weil unabhängiger über die Sache beraten? Und wäre eine Aufsichtsratssitzung in voller Besetzung und mit einem teilnehmenden Vorsitzenden nicht vorzuziehen? Aber wie so oft bei der SPD bekam man keinerlei inhaltliche Gründe für das fragwürdige Verhalten geliefert, sondern nur die üblichen Sprechblasen: Man habe sich schwer getan, das Thema sei für die SPD wichtig, alle Seiten haben irgendwie recht, es gibt keine Koalitionen. Aber im Ergebnis macht man immer genau das, was der schwarze Onkel vorgibt. Man vertraut offenbar darauf, dass nur eine verschwindend kleine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern die Stadtverordnetenversammlungen verfolgt und sich immer ein Bodensatz von Wählern finden wird, die aus alter Tradition sozialdemokratisch wählen. Inhaltliche Gründe gibt es nicht, denn wer als größte Fraktion lediglich einer nach eigener Definition „gespaltenen“ CDU hinterherläuft, den braucht keiner.

"Okay, wer hatte die Tarnkappen beim letzten Mal mitgenommen?"

Allerdings sei der Vollständigkeit halber angemerkt, dass nach der Unterbrechung die 16 Stadtverordneten von CDU, SPD, FDP und Nicht-„die“-Grünen gemeinsam für die Vertagung stimmten und die FWS an der Abstimmung nicht teilnahm. Können Sie das nachvollziehen? Wenn ich eine Umbesetzung vertage, dann halte ich sie offenbar nicht für grundsätzlich überflüssig. Warum kann ich sie dann nicht durchführen? Die Frage kann doch nur sein, ob ich den handelnden Personen vertraue, oder eben nicht. Die Wahrheit liegt leider ebenso auf der Hand, wie sie nach Feigheit stinkt: Die Vertagungsbefürworter wollen nicht mit einem „Nein“ in der Zeitung stehen und die FWS nicht mit einem „Ja“. Vertagen ist so wunderbar unverbindlich und lässt alle Möglichkeiten, inklusive der des Vergessens. Wenn „wichtige“ und „dringliche“ Beschlüsse anstehen, ist es um so wichtiger, dass der Aufsichtsrat ein klares Signal erhält, dass und ob man ihm vertraut! Halten Sie eine Vertagung des Umbesetzungsantrages für ein solches Signal? Leider muss man immer wieder feststellen, dass die Stadtverordneten zwar offenbar alle furchtbar gerne Stadtverordnete sein möchten, aber Verantwortung übernehmen, insbesondere für ihr eigenes Handeln, das möchten Sie im Zweifel lieber nicht. Delfs, Siepert, Stolze, Schirmacher haben nicht den Hintern in der Hose, den Umbesetzungsantrag klar abzulehnen und der FWS fehlt sogar der Mumm, über den eigenen Antrag abzustimmen. Was sollen die Zuschauer davon halten? Warum tritt Herr Schröder nicht wenigstens in die Bütt, um das seltsame Gebaren der FWS zu erklären? Nein, lieber unterbrechen, nicht-öffentlich mauscheln und dann schnell abstimmen und die Bürger im Unklaren lassen. Transparenz á la Schwarzenbek. Hören Sie auf, auf den Bürgermeister einzuschlagen, Herr Schröder, das kauft Ihnen niemand mehr ab!

"Du kannst jetzt anfangen, Kaschperle, wir sind alle da!"

Derjenige, der den Vertagungsantrag gestellt hatte, ist natürlich nicht minder schwammig geblieben. Grüße hatte er vom Aufsichtsratsvorsitzenden ausrichten lassen, der nach 5 Operationen ihn, Delfs, gebeten hatte, Vertagung zu beantragen. Begründet wurde die mit der komplett inhaltsleeren Aussage, der Aufsichtsratstermin vom 14. Juni sei bei einer Neubesetzung „gefährdet“. Diesen offensichtlichen Stuss hatte Herr Siepert dann ja auch übernommen und der wurde auch von niemandem hinterfragt. Man kann nur vermuten, dass es allen Beteiligten recht ist, wenn den Zuhörern die wahren Gründe und Absichten verborgen bleiben. Denn wenn anschließend Herr Schröder beklagte, dass es nur fair gewesen wäre, die FWS vorher über den Vertagungsantrag zu informieren, können sich die Zuschauer der Schwarzenbeker Puppenkiste für Erwachsene nur erstaunt das Kinn reiben. Die ganze Woche über habe er versucht, ihn zu erreichen, beeilte Herr Delfs sich zu versichern und bot gar an, sein Handy als Beweismittel vorzubringen. Außerdem sei Herr Krispin ja nun „wirklich“ krank. Das Publikum bewies Galgenhumor und lachte laut auf, was nun wiederum Herrn Delfs konsternierte: „Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt.“ Er weiß es vermutlich „wirklich“ nicht. Ich habe übrigens auch lachen müssen, aber während ich das hier schreibe, weiß ich auch nicht mehr, warum eigentlich. Vielleicht bringt es die Menschen aber zum Glauben zurück, denn wo die Hoffnung verzweifeln muss, bleibt nur noch der Glaube. Und Pfingsten stand ja noch bevor, mithin die Ausschüttung des Heiligen Geistes. Ob nun heilig oder nicht, ein wenig mehr Geist täte der Stadtvertretung tatsächlich gut. Den Leser/innen kann man nur raten: Gehen Sie lieber in die Kirche, als in die Stadtvertretung. In der Kirche geht es glaubwürdiger zu. In diesem Sinne: Frohe Pfingsten!

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