Fehlende Beißhemmung

Die Beschlussvorlage zur Beschwerde

„Glauben Sie mir, Herr Borchelt, dass ich froh bin, dass das heute vorbei ist?“ Am Ende der vielstündigen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom gestrigen Freitag konnte einem der Bürgervorsteher leid tun. Nicht nur hatte ihm niemand abnehmen können, die Beschwerde des Blogbetreibers verlesen zu müssen, auch hatte keiner der Fraktionsvorsitzenden, nicht einmal sein christdemokratischer Parteifreund Delfs den Anstand, wenigstens die von der Verwaltung formulierte Stellungnahme der Stadtvertretung zu verlesen, wonach man den Fehler und das Missverständis bedauere und Wert auf die Festellung lege, dass selbstverständlich auch kritische Fragen gestellt werden dürfen. So musste der Bürgervorsteher, der in diesem ansonsten totenstillen Moment der einsamste Mensch in der Versammlung war, den Gang nach Canossa ohne Unterstützung antreten. Es ehrt ihn, dass er nicht den geringsten Schlenker einbaute. So widerstand er der Versuchung, den Vorgang durch Füllwörter, Randbemerkungen oder ironisierende Betonungen herunterzuspielen und daran konnte man sich ein Beispiel nehmen, denn inhaltlich muss es ihm erheblich widerstrebt haben.

Schließlich war es auch und gerade sein konservativer Fraktionsvorsitzender, der ihn durch die permanente Nichtbeantwortung von Fragen in diese Lage gebracht hatte. Es steht außer Zweifel, dass der Bürgervorsteher die Fragen in der vorangegangenen Einwohnerfragstunde nicht hätte unterdrücken dürfen. Es dürfte aber auch jedem Beobachter klar sein, dass Herr Beckmann sich in diesem Moment als Beschützer seiner Kolleginnen und Kollegen empfunden haben dürfte, indem er nicht nur der Peinlichkeit Vorschub leistete, etwa erneut nicht zu antworten, sondern den Fragesteller auch daran hindern wollte, die Gesellschafter und Aufsichtsratsmitglieder der Stadtwerke GmbH öffentlich in Verbindung mit etwa illegitimen Handlungen zu bringen. Herr Beckmann hatte bereits bei seiner Wahl betont, das Amt nicht etwa angestrebt zu haben. Vielmehr opferte er sich aus Parteiräson, nicht zuletzt weil er der einzig mehrheitsfähige Kandidat aus den Reihen der CDU war. Nur für den Fall, dass die Leserinnen und Leser diese Sätze jetzt als pharisäerhaft empfinden sollten, denn schließlich war es ja meine Beschwerde, die der geplagte Sitzungsleiter behandeln musste, sei gesagt, dass es um die Sache und das Amt geht und nicht um Herrn Beckmann als Person. Um den tut es mir leid, aber ich habe ihn nicht in dieses Amt gedrängt. Daher hatte ich beim letzten Mal ja auch darauf hingewiesen, dass er nicht Bürgervorsteher wäre, wenn alle Schwarzenbeker wie ich wären. Ich hätte ihm das nicht angetan und die meisten anderen Schwarzenbeker/innen vermutlich auch nicht.

Rastete aus: H.-J. Delfs

Aber nicht nur das blieb seinem Parteifreund vorbehalten. Als der Bürgervorsteher im Laufe eines wahrlich anstrengenden Abends, der mit zwei Totengedenken begann, sich mit einer erneut fordernden Einwohnerfragestunde fortsetzte, anschließend die oben beschriebene Kränkung vorsah, um dann in eine quälende Auseinandersetzung über die öffentliche oder geheime Abstimmung über die eigene Absetzung zu münden, anlässlich des mündlichen CDU-Antrages für die Besetzung eines Ausschussvorsitzes nach der Schriftform fragte, rastete der Hauptausschussvorsitzende aus und machte die Demütigung des Bürgervorstehers komplett. Mag abgesprochen sein, dass die mündliche Form ausreicht, entschuldigt das doch nicht den Wutausbruch seines angeblichen Parteifreundes. Der steigerte sich in einen cholerisch anmutenden Rausch und zieh den sichtlich schockierten Herrn Beckmann einer „einzigartigen Zumutung“, so dass man den Eindruck gewann, der Bürgervorsteher habe sich einer unverschämten Majestätsbeleidigung schuldig gemacht. Der verbalen Attacke folgte aber auch noch eine unerhörte Aktion. Einem pubertierendem Halbstarken nicht unähnlich, kritzelte der Konservative einen Antrag, stürmte nach vorne und knallte den Wisch dem brüskierten Versammlungsleiter auf den Tisch. Bemerkenswert, dass sich auf den Zuschauerrängen deutlich vernehmbarer Protest erhob, während die Stadtverordneten überwiegend stillhielten. Die Betroffenheit will man ihnen nicht absprechen, aber auch im Anschluss ließ sich niemand vernehmen, um die Würde des Bürgervorstehers und nicht zuletzt der Stadtvertretung in Schutz zu nehmen.

Bewies Format: Karsten Beckmann

Das schien der Angegriffene aber auch nicht nötig zu haben. In diesem Moment der ultimativen Beschädigung, die im Grunde dem Abstimmverhalten der CDU in der Frage der Abwahl Hohn sprach, bewahrte der Vielgescholtene eine bemerkenswerte Contenance. Für die Versammlung nicht hörbar sagte er offenbar ein paar Worte zu Herrn Delfs, als der wie Rumpelstilzchen vor ihm tobte, behielt äußerlich aber alle Ruhe und wickelte die Abstimmung ab. Anschließend unterstrich er dieses Format noch. Anstatt nun den Hauptausschussvorsitzenden zu rügen oder gar zu verwarnen, was angesichts dessen Ungezogenheit zwar angebracht, aber dennoch nicht sehr beeindruckend gewesen wäre, da Beckmann selbst die Zielscheibe des aggressiven Ausbruches gewesen war, sprach der Bürgervorsteher kalt und klar und bewies in diesem Moment eine Kraft und eine Würde, welche diese Versammlung seit langer Zeit schmerzlich vermissen lässt:

„Herr Delfs, Sie können sich Ihren Siegellack wieder abholen.“

Herr Beckmann blieb weiterhin ungerührt, als der nun selbst desavouierte Delfs wie ein begossener Pudel antreten musste und nun zu beschwichtigen versuchte. Doch der Bürgervorsteher winkte nur ab und benutzte das im Deutschen so wunderbare, imperative Paradoxon „Komm!“, welches ja nichts anderes bedeutet als: Hau bloß ab!“. Es dauerte zwei Tagesordnungspunkte und eine Unterbrechung, bis Herr Delfs endlich ans Rednerpult ging und um Entschuldigung „in aller Form“ bitten musste. Vermutlich hatten ihn andere darauf hingewiesen, dass sich sein „Verhalten nicht gehörte“ und „auch Zorn das nicht entschuldige“. Warum er so wütend gewesen wäre, wollte er dem Bürgervorsteher in einem persönlichen Gespräch erklären. Der ließ nicht erkennen, ob er daran sonderlich interessiert wäre. Die entgeisterten Zuhörer verstanden um so besser, was Herr Siepert kurz zuvor unwidersprochen vom Rednerpult verkündet hatte: „Die CDU ist gespalten“. Angesichts der unkontrollierten Reaktion des schnellen Brüters Delfs mochte man sogar an eine mindestens partielle Kernschmelze denken.

4 Responses to Fehlende Beißhemmung

  1. Tom Sacks says:

    So verhält sich, wer merkt, dass ihm alle Felle wegschwimmen und er bald damit rechnen muss, dass noch manches ans Tageslicht kommt, was bisher unter der Decke gehalten werden konnte. Da wird Herr Delfs wohl noch manche Träne vergießen müssen.

    • Bekannnt says:

      Es ist schon empörend, wie sich Herr Delfs am Freitag aufgeführt hat. Ich muß Ihm aber in einem Punkt recht geben, denn die beiden Abtrünnigen haben sich auch sehr schlecht verhalten. Weil sie amtsmüde waren und bei der CDU keine Chance sahen, gingen Sie zum BUB. Hier kann ich auch nichts werden, dann gehe ich eben mal zur FWS. Dieses Verhalten wurde von Herrn Delfs zu recht kritisiert.
      Natürlich ist die CDU gespalten. Weil die Generäle keinen Platz machen für den Nachwuchs oder jüngere, was den anderen Fraktionen auch sehr gut zu Gesicht stehen kann. Natürlich habe ich auch eine andere Reaktion von den Fraktionsvorsitzenden erwartet, aber lege dich nicht mit dem General der CDU an, denn dann bist Du ganz schnell weg vom Fenster. Trotz aller Bedenken zu Herrn Beckmann, ich persönlich ziehe den Hut vor ihm. Ich habe damit nicht gerechnet, daß er diesen Schritt macht. Er hatte ja auch keine Unterstüzung vom Hohen Hause, nicht einer hat es für nötig empfunden, Beifall zu spenden. Herr Beckmann ist ganz alleine gewesen, ohne Unterstützung, alle haben Ihm die kalte Schulter gezeigt. Ich stimme meinem Vorredner zu, denn warum auf einmal die schnelle Entscheidung über die Stadtmarketing Gesellschaft. Es gibt mit Sicherheit noch mehr Fragen, ich bin gespannt wie es weiter geht.

  2. Salsa says:

    Merkt der Schreiber Bekannnt evtl. noch von sich aus, dass Phrasen hier nicht gefragt sind?
    Also, Herr Bekannnt, manchmal ist weniger mehr. Setzen Sie sich fair und richtig für die Belange Schwarzenbeks ein!
    Im Übrigen ist dieses hier ein Portal, wo sachlich über die wichtigen politischen Themen Schwarzenbeks geschrieben und diskutiert wird. Das soll auch so bleiben.

  3. Blogfan Nr. 1 says:

    Zu dem, was Salsa geschrieben hat, ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

    Frau Jennrich und Herr Kranacher hatten nach meinen Informationen durchaus nachvollziehbare Gründe, über einen kleinen Umweg in die FWS zu wechseln; und wenn die BUB (sofern sie überhaupt noch existiert) mit diesem Schritt nicht klarkommt, sollte sie zur Abwechslung mal „etwas“ Präsenz zeigen.

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