Viel Lärm um nichts?

Nicht jedermanns Sache

„Musik wird störend oft empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden“, wusste schon Wilhelm Busch zu dichten und beschrieb damit auch die Subjektivität des Lärmempfindens. Von solcher können auch die Macher des ARAL-Open Air ein Liedchen singen. Bekanntlich werden auch diese in und um Schwarzenbek so beliebten Rockkonzerte für jung und alt von dem einen oder anderen als Krach empfunden und müssen daher selbst in den lauschigsten und launigsten Sommernächten bereits um 22:30 Uhr enden. Es kann der Frommste nicht in Frieden lärmen, wenn’s dem sensiblen Nachbar nicht gefällt. Um solche Misstöne ging es allerdings nicht, als am 5. Mai die zweite Informationsveranstaltung zum Lärmaktionsplan im Rathaus angeboten wurde. Schade nur, dass annähernd gleichzeitig der Finanzausschuss den ersten Nachtragshaushalt beriet. Auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzt es sich bekanntlich schwer. Der blackbekblog hat es trotzdem versucht.

Das einzelne Auto ist nahezu lautlos

Die Veranstaltung begann um ein paar Minuten verspätet, so dass gerade 20 Minuten für den Tanz reichen mussten. Wie sich zeigte, war das kein Problem, jedenfalls nicht für die Informationen, welche die Stadt anzubieten hatte. Worum geht es also? Am 18. Juli 2002  erließ die EU eine Umgebungslärmrichtlinie, welche die Mitgliedsländer u.a. dazu zwingt, eine Lärmkartierung vorzunehmen, mithin die IST-Situation zu ermitteln. Immerhin verursacht Dauerlärm nicht nur psychologische und physiologische, sondern auch volkswirtschaftliche Schäden. Das führte nach der Eröffnung durch Herrn Hinzmann ein Herr Wahlers vom offenbar mit der Kartierung beauftragten Architekturbüro Masuch & Olbrich aus. Die Subjektivität des Empfindens erwähnte er allerdings auch: So würde ein Anstieg um 10 db allgemein bereits als Verdoppelung des Lärms empfunden. Und wenn daher manche Menschen bspw. zwei Autos bereits als doppelt so laut wie ein Auto wähnten, so träfe das faktisch nicht zu. Tatsächlich nähme der Lärm nur um ca. 10 bis 15 db zu. Die logische Konsequenz: Je mehr Autos, desto geringer nimmt der Lärmpegel je Auto zu. Ab einer gewissen Menge sind die hinzukommenden Autos quasi lautlos (siehe auch: Wie laut ist welcher Lärm?)

Auch unbeschädigt ist ihre Wirksamkeit umstritten

Noch länger wurden die Gesichter der rund 50 Zuhörer, als Herr Wahlers betonte, der tatsächliche Lärm werde gar nicht etwa gemessen, sondern vielmehr berechnet und anschließend ein Mittelwert gebildet. Und da man wisse, wie laut so ein Zug sei, denn um die geht es in Schwarzenbek hauptsächlich, greife man sich den Fahrplan, addiere auf und schon kenne man die Belastung (Anmerkung des Blogs: Zur Problematik von Lärmberechnungen, insbesondere bei Bahnlärm, siehe auch diesen Artikel). Danach sind tagsüber knapp 200 und nachts gut 700 Einwohner/innen hoch bis sehr hoch belastet und dabei handelt es sich, was niemanden überraschen kann, um die unmittelbaren Anlieger an der Bahnstrecke. Nun könnte man natürlich die durchaus vorhandenen Schallschutzwände auf das übliche Maß von 3 Metern bringen. Das würde aber bei knapp 2 Millionen € an Kosten nur ca. 150 Schwarzenbeker/innen einen auch nur etwas ruhigeren Schlaf bringen. Diese Maßnahme sei zudem nicht im Lärmsanierungsprogramm des Bundes vorgesehen und daher werde sie auch nicht stattfinden.  Wer wissen will, wieso das so ist, müsste jetzt zum Finanzausschuss aufbrechen. Nein, das letzte hat er nicht gesagt, der Herr Wahlers, aber viele Zuhörer werden es vielleicht gedacht haben. Die Versicherung des Herrn Hinzmann, wonach die Mittel für die Ermittlung der Höhen der bestehenden Wände bereitgestellt wären, tröstet in dem Zusammenhang wenig. Das war es dann auch mit der Information. Vor Beginn des Finanzausschusses blieb noch etwas Zeit, zwei Fragern zuzuhören und die waren mit Sicherheit repräsentativ.

Zeigt ein Durchschnitt nur mittlere Belastung, kann der Lärm bisweilen dennoch unerträglich sein

Kann es sein, fragte der eine, dass die Erhöhung der Schallschutzwände auf 3 Meter so relativ wenig bringe, weil die Wände ohnehin schon zu tief ständen? Immerhin sei ja bekannt, dass die Bahn den Gleiskörper nachträglich angehoben hätte, so dass die Wände wohl eher 5 bis 8 m hoch sein müssten. Letztes Jahre wäre ja noch abgewiegelt worden, dürfe er aus diesem Vortrag schließen, dass die Stadt nun aufgeschlossener sei, das Problem zu lösen? Die Frage gab Herrn Hinzmann Gelegenheit, noch einmal zu betonen, dass es der Verwaltung bekannt wäre, wie viel zu laut es in vielen Bereichen sei. Nur entwickele der Lärmaktionsplan trotz seines Namens eben keine sofortige Handlungspflicht. Vielmehr müssten die Erkenntnisse bei zukünftigen Planungen berücksichtigt werden. Der nächste fragte, welchen Lärm die Bahn denn nun konkret verursache, wie die Zahlen zustandekämen? Für die Antwort war es nun an Herrn Wahlers, sich zu wiederholen: Hier wurde nicht gemessen, sondern gerechnet. Nun weiß ich natürlich nicht, welche Fragen noch kamen und ob noch irgendetwas Erhellendes geantwortet wurde. Mein Gefühl aber war, dass sich die meisten der 50 Zuhörer erst an diesem Abend klar darüber wurden, dass die Kartierung nichts, aber auch gar nichts am Status quo ändert. „Der Bürger leidet doch aber jetzt“, hatte der erste Frager noch verzweifelt angemerkt, aber da kann die Stadt nichts machen. Die ist leider nicht mehr kreditwürdig.

Können Sie ihn sehen? Er sie auch nicht.

Ob sich in Zukunft etwas ändern wird, darf bezweifelt werden, jedenfalls solange die selben Verantwortlichen am Ruder bleiben. Denn die höheren Schallschutzwände, die hätten wir bereits damals bekommen können, wenn wir vorstellig geworden wären, als die Bahn noch baute. Sind wir aber nicht, erst hinterher kamen wir angedackelt. Und dann hat die Bahn natürlich darauf hingewiesen, dass es sich jetzt ja nicht mehr um eine laufende Bautätigkeit handele. der Anspruch war verwirkt. Wie konnte das geschehen? Laut Herrn Delfs hat man das Bauvorhaben erst bemerkt, als es fertig war. Ja, hat er gesagt. Ich finde es auch unglaublich. Wäre es frech, das eine Lüge zu nennen? Ja? Aber was wäre die Alternative? Die Bahnlinie führt einmal quer durch Schwarzenbek. Man müsste doch bar jeder menschlichen Wahrnehmungsorgane sein, wenn man nicht mitbekommen haben will, wie das Gleisbett um mehrere Meter angehoben wurde. Was soll uns Hoffnung  geben, dass dem Lärm künftig mehr als Schweigen entgegengesetzt wird, wenn komplett wahrnehmungsfreie Politiker hauptverantwortlich bleiben?

Foto: Schallschutzwand – Author: Sebastian Terfloth – This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz .

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