Der schwarze Kanal

Der Blogbetreiber?

 Soeben ist die Stadtverordnetenversammlung zu Ende gegangen und die Damen und Herren haben es erneut verstanden, meine Befürchtungen noch zu übertreffen. Wenn es nicht so traurig wäre, hätte die Schwarzenbeker Puppenkiste für Erwachsene durchaus humoristische Qualitäten. Der Bürgervorsteher dilettiert nicht mehr nur, sondern deliriert sich geradezu durch die Versammlung, verwechselt Namen und Parteien und Anträge, verzählt sich sogar bei namentlichen Abstimmungen und wird weitgehend auf Zuruf aus dem Plenum durch die Sitzung gezerrt, wenn wie heute der büroleitende Beamte fehlt. Teilweise brabbelt er nur noch unverständliche Worte ins Mikrofon, dann wieder penetriert er durch Formalismen, dass er das Wort erteilen muss, bevor einer spricht. Gleichzeitig kann es vorkommen, dass jemand bereits am Rednerpult steht und eine Minute lang auf das Erwachen des Bürgervorstehers warten muss, damit der dann auch den TOP eröffnet und das Wort erteilt. Auf der Zuschauertribüne wechselte die Stimmung jedenfalls von Mitleid zu Galgenhumor.

Kann kein Thema entdecken

Wenn Sie jetzt der Meinung sind, das wäre zu hart, dann muss ich gestehen, dass auch mein Mitleid für den Mann heute endete. Er hat mich zwar auch schon zuvor angeblafft und ist mir ständig ins Wort gefallen, aber das Wort entzogen hatte er mir bis dato nicht. Das hat sich heute geändert und zwar völlig grundlos. Aber der Reihe nach. In der Einwohnerfragestunde war es nach einem ganz ungewöhnlichen Auftritt eines städtischen Philosophen, den ich namentlich nicht kenne und von dessen Frage ich tatsächlich nichts verstanden habe, zunächst Eugen Prinz vorbehalten, sich bei der Verwaltung dafür zu bedanken, dass man ihm Gelegenheit zu Gesprächen und zur Korrektur der letzten Niederschrift gegeben habe. Letzteres ist tatsächlich positiv zu werten, denn darauf besteht kein Anspruch. Was allerdings seine Fragen anging, konnte ich keinen Fortschritt erkennen. Für die Einwohnerversammlung, um die er jetzt bereits zum wiederholten Male bat,  konnte der fehlsichtige Vorsitzende keinen Termin nennen und kein Thema erkennen! Ich meine, er trägt zwar eine Brille, aber so blind kann man doch nicht sein!

Auf Prinz‘ Frage, ob der Feuchteschaden am Gymnasium die Stadtkasse belastet habe, sei zwar eine Plus-Minus-Null-Rechnung aufgemacht worden, aber mindestens 26.000 € wären doch für Rechtsberatung draufgegangen. Hat der Investor etwa die Rechtsberatungskosten der Stadt übernommen? Nein, sagt Herr Ruppert, hat er nicht. Na ja, dann muss man wohl irgendeine Einnahme aus dem Schaden realisiert haben, denn sonst kann es wohl kaum plus minus Null ausgegangen sein. Und schließlich wollte er wissen, warum man nach dem Schaden die Schule wieder öffnete, obwohl erst vier Wochen später ein Abnahmeprotokoll erstellt wurde. Laut Herrn Ruppert geht es dabei aber nur um das Datum der Erstellung des Abnahmeprotokolles: „Vor Inbetriebnahme waren sämtliche Freigaben vorhanden.“ Die Nachfrage des Prinz(en), warum man dann nicht wenigstens eine entsprechende Mitteilung an die Eltern herausgegeben habe, blieb unbeantwortet.

Bleiben unbeantwortet

Dann war ich dran. Eigentlich sollten ja heute meine 5 Fragen vom letzten Mal beantwortet werden, erinnern Sie sich? Herr Stolze von der FDP hatte darum gebeten, dass ich meine Fragen hinterlegen solle, da er selbst auch noch keinerlei Unterlagen hatte. Und Herr Delfs ließ sich natürlich nicht lumpen und hielt das für eine gute Idee, die Fragen beim Bürgervorsteher abzugeben, dann könne man sie beim nächsten Mal beantworten. Und heute? Die feinen Herren blieben stumm, erwähnten die Fragen nicht einmal. Als ich eingangs fragte, was denn nun mit den Antworten wäre, verwies man auf den heutigen Tagesordnungspunkt: Würde doch behandelt, müsste nicht jetzt behandelt werden. Na gut, sagte ich, warten wir mal ab, ob sie beantwortet werden. Falls nicht, könne man mir dann ja schriftlich antworten. Also ging ich zu meinen heutigen Fragen über. Zunächst hatte ich eine Anregung für die Stadtverordneten und die nahm man dann zwar mit teilweise schmerzverzerrtem Gesicht hin, der Bürgervorsteher litt erkennbar besonders, aber das ist eine leichte Übung, da muss man ja nicht antworten. Aber schon bei meiner ersten Frage unterbrach mich der eingebildete Kranke und bemängelte meine langen Ausführungen! Das ist natürlich vorgeschoben, denn nicht nur Herr Prinz, sondern die Mehrzahl aller Frager ergehen sich eindeutig länger und mich bereits nach drei Sätzen zu unterbrechen, ist einfach nur dreist.  Aber durch diese Frage kam ich gerade noch durch. Half aber nicht viel, denn Antwort gab es – Überraschung! – keine. Also gut, sagte ich, dann die Nachfrage: Warum eigentlich wollte man unbedingt die Stadtverordnetenversammlung umgehen?

Sie sind ja ein schäbiger Lump, wenn Sie solche Fragen stellen!

Das war schon zuviel. Als ich gerade zu meiner zweiten Frage ansetzen wollte, platzte der Versammlungsgsleiter aus den Nähten: Was ich denn erwarten würde, wie man eine Antwort auf meine komplizierten Fragen aus dem Ärmel schütteln solle? Wie bitte, entgegnete ich, komplizierte Fragen? Vielleicht sollte ich dann doch die erläuternden Sätze unterlassen und einfach mal die Frage wiederholen: Wer im Hause ist denn für die rechtliche Prüfung und Vorbereitung solcher Unternehmensgründungen verantwortlich? Das sei doch keine schwere Frage! Der Bürgermeister bot an, das jetzt zu beantworten, obwohl er das ja nachher tun wollte, aber wenn niemand von den Stadtverordneten etwas dagegen hätte, würde er das auch vorziehen. Alle Stadtverordneten versanken daraufhin in Schockstarre. Jetzt bloß nichts anmerken lassen! Die Versammlung verstummte, nur Beckmann köchelte weiter und sah nicht ein, warum mir geantwortet werden sollte. Nun war ich ja ohnehin bereits zur zweiten Frage übergegangen, also versuchte ich fortzusetzen. Ich kam noch nicht einmal zum dritten Satz. Die Frage bezöge sich doch erneut auf einen heutigen Tagesordnungspunkt, motzte der Mufti. „Na und?“, frage ich.  „Ist es nicht so, dass gerade wenn heute darüber abgestimmt werde, eine Anregung von den Einwohnern interessant sein könnte? „Ich dachte, Schwarzenbek wäre daran interessiert, die Bürger zu beteiligen?“ Denkste! Der Bürgervorsteher entzog mir das Wort. Wie bitte? Sie fangen hier immer wieder an, mährte Beckmann sich aus, obwohl ich Ihnen bereits sagte. dass wir das heute hier behandeln und jetzt wäre eben Schluss damit. Ich war echt perplex über diesen Rückfall in üble deutsche Vergangenheiten und setzte mich erst einmal.

Ein anderer Bürger bezog sich jetzt auf meine erste Frage und wollte wissen, ob der Bürgermeister die Verantwortung für die rechtliche Prüfung trage. Anstatt dass Herr Beckmann nun auch diesem das Wort entzog, denn das war doch dreist, nun noch eine Frage zum heutigen TOP zu stellen, ließ er den Bürgermeister antworten. „Im Zweifel“, sagte der, „ist doch immer der Bürgermeister schuld“. Haben wir gelacht. „Im Ernst“, fuhr Herr Ruppert fort, „ich habe versucht die komplexen Sachverhältnisse in einfachen Schaubildern darzustellen“. Und diese wollte er dann im späteren Verlauf vorstellen. Nun meldete ich mich noch einmal zu Wort und stellte meine dritte Frage, da die nichts mit der Marketing GmbH zu tun hatte. Und ja, Herr Ruppert antwortete, aber es blieb bei unverbindlichem Blabla. Freizeit habe er so gut wie keine und selbstverständlich versuche er immer, alle Investoren nach Kräften zu unterstützen. Ob er die Verhandlungen führe, setzte ich nach. Na ja, Verhandlungen, er versuche stets zu vermitteln, aber bei der Vertragsunterzeichnung säße er nicht mit am Tisch. Schon klar, sagte ich, aber die Verhandlungen führe er also doch,  zum Beispiel die Preisverhandlungen? Und wieder wich Ruppert aus und brachte nun das Beispiel Kiefaber. Da säße er doch auch immer wieder mit Herrn Kiefaber zusammen. „Klar“, sagte ich, „da gehört uns ja auch das Grundstück“ und da müsse er dann selbstverständlich auch über den Preis verhandeln. Aber auch als ich Herrn Ruppert schließlich fragte, ob er einfach mal Ja oder Nein sagen könnte, schlug er weiter seine Haken. Ich gab es auf, verzichtete auf  Nachfrage und weitere Fragen.

Bezeichnender Vergleich, wie ich finde

Nach dem Ende der Sitzung – keine Bange, über die weiteren Inhalte berichte ich ab Montag – hatte ich noch einen Zusammenstoß mit dem Bürgervorsteher und da ließ er dann die Maske fallen. Erst wollte er halbwegs versöhnlich auf Verständnis machen, aber ich bat ihn, lediglich meinen Protest zu Protokoll zu nehmen, denn ich hätte kein Interesse mit ihm zu reden. „Sie haben mir völlig grundlos das Wort entzogen, denn selbstverständlich darf ich zu Beratungsgegenständen Fragen stellen“, informierte ich ihn, aber er blieb bei seiner selbstherrlichen Auffassung, ganz so als ob er zu entscheiden hätte, wozu man fragen darf und wozu nicht. Als ich in unserem Disput darauf hinwies, dass ich als Einwohner Schwarzenbeks lediglich mein Recht einforderte, Fragen stellen zu dürfen, sprang er endgültig aus der Hose:

 „Ich habe Sie drei Mal gebeten, nicht zu diesem Thema zu fragen, aber Sie machen einfach immer weiter, wie Sie wollen. Sie wollen uns hier nur vorführen. Ich weiß gar nicht, mit welchem Selbstverständnis Sie hier Fragen stellen. Schreiben Sie ruhig weiter in ihrem Schwarzen Kanal, ich schaue mir das sowieso nicht an. Wenn alle 15.000 Einwohner Schwarzenbeks wie Sie wären, dann kämen wir hier gar nicht mehr zur Arbeit!“

„Wenn alle Einwohner wie ich wären, wären Sie nicht Bürgervorsteher“, verabschiedete ich mich von ihm. „Na, vielen Dank“, war seine Reaktion. Keine Ursache, Herr Beckmann.

Foto: Karl-Eduard von Schnitzler (Bearbeitet -> Ausschnitt) – Author: Zimontkowski – This file is licensed under the Commons:Bundesarchiv License.
Foto: Roland Freisler (Bearbeitet -> Ausschnitt) – Author: Unknown – This file is licensed under the Commons:Bundesarchiv License.

3 Responses to Der schwarze Kanal

  1. Eckhard Schäfer says:

    Sehr geehrter Herr Borchelt,
    An einer Stelle schreiben Sie: „Ich war echt perplex über diesen Rückfall in üble deutsche Vergangenheiten und setzte mich erst einmal.“ Ich kann Ihnen versichern, dass ich diese Perplexität schon seit ca. 15 Jahren in mir trage, fast so lange wie ich schon in diesem Herzogtum geduldet werde. Ich habe auch schon anderswo gelebt, aber so extrem ist mir eine konkrete gesellschaftliche Entwicklung, die zugegeben über die Stadt- und Kreisgrenzen hinausgeht, noch nie bewusst geworden. Es ist, glaube ich, unbestritten, dass Rechtspopulisten derzeit wieder Hochkonjunktur haben und die Schaltstellen der Machtapparate besetzt halten, leider auch in unserem schönen Bundesland. Ich habe für mich auch festgestellt, dass ein schleichender Faschismus sich wieder in unserer Gesellschaft ausbreitet. Ein wesentliches Merkmal des Faschismus ist die Unterdrückung von Menschenrechten. Und zu diesen Freiheitsrechten gehört nun mal die Freie Meinungsäußerung.
    Offen gesagt, bin ich nach all meinen Erfahrungen mit freier Meinungsäußerung und angesichts der Ingnoranz meiner Mitmenschen des Kommentierens etwas müde geworden. Aber dieses Thema war mir dann doch zu ernst, als dass ich mich mit dem Schweigen identifiziere.
    Ach, eine Frage hätte ich da noch: „Hat eigentlich jemand der Anwesenden die Stimme erhoben, als der Bürgervorsteher Ihnen das Wort entzog?“

    • Matthias Borchelt says:

      Nein, und das ist eindeutig noch erschreckender, als dieser Bürgervorsteher.

      • Joe says:

        Leider habe ich es, obwohl ich es fest vorhatte nicht geschafft.
        (Frau und Kinder waren nicht so „begeistert“..) Ein Satz über den
        ich heute morgen gestolpert bin passt hier ganz gut.

        „Wenn du sehr heftig kritisiert wirst, dann musst du irgendetwas richtig machen,
        denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.“ (Bruce Lee)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: