Schwarzenbek 21 – Bürger 1. und 2. Klasse

Schwarzenbek 21?

Vor gut 14 Tagen erschien dieser Artikel in den Lübecker Nachrichten und beschäftigte sich durchaus wohlwollend mit dem Protest des Schwarzenbeker Bürgervereins gegen die Lärmbelästigung durch die Bahn bzw. den nicht ausreichenden Lärmschutz. Die Redakteurin zog eine Parallele zu den immerhin seit über 70 Wochen anhaltenden Protest der Stuttgarter Bevölkerung gegen die Versenkung ihres Hauptbahnhofes. „Überall im Kreis“, so führt Frau Geercken aus, „stehen Bürger auf, nehmen Beschlüsse ihrer Stadt und Beeinträchtigungen ihrer Wohnverhältnisse nicht mehr widerspruchslos hin“. Und es ist ja wahr. Es scheint tatsächlich so, als nähme der „Druck der Straße“ (Helmut Kohl) zu und daran sind nicht zuletzt die neuen Medien nicht schuldlos. Es ist heute etwas schwerer geworden, Doktorarbeiten zu fälschen oder Firmen mit öffentlichen Geldern ohne die erforderlichen Beschlüsse zu gründen. Noch scheint es mir allerdings so, als reichten die Proteste alleine eben nicht aus, solange nicht auch die konventionellen Medien darüber berichten. Und die gehen doch sehr selektiv mit den Bürgerprotesten um. Auch dabei scheint es einen Igitt-Faktor zu geben, so wie wir ihn letztens aus der FDP bezüglich des Außenministerdarstellers erlebten.

Ich möchte mich heute mit diesem Vergleich beschäftigen, denn nicht jeder Protest, nicht jedes Engagement erscheint mir gleich. Ich halte es sehr wohl für einenUnterschied, ob ich mich zum Beispiel für meine von mir favorisierte und praktizierte Sportart oder ganz allgemein für das Wohl der Stadt einsetze. Nun will ich hier kein Ranking einführen und schon gar keine Missgunst schüren, auch will ich das Engagement und die Verdienste anderer nicht kleinreden, aber es erscheint mir durchaus als nachdenkenswert, dass die Stadt Schwarzenbek beispielsweise vor zwei Jahren den 1. Vorsitzenden des Tanzsportzentrums für dessen Verdienste um eben das TanzSportZentrum Schwarzenbek mit einer Ehrenurkunde auszeichnete, den eigenen Angestellten Gerd Iding jedoch, dessen allgemeine Verdienste aufzuzählen meinen Speicherplatz gefährdete, beharrlich links liegen lässt. Mag sein, dass der das gar nicht will und jetzt ganz furchtbar findet, dass ich ihn hier erwähne. Aber dieses Beispiel soll hier ja nur dazu dienen, auch den Protest zu kategorisieren. Und damit ich nun nicht noch mehr Porzellan zerschlage, bleibe ich mal bei mir und überlege, was mir in den letzten Jahren stank und wogegen ich protestierte und wie das zu werten ist:

Schöne neue Schublade

  1. Ich erregte mich über den Knickschutz direkt vor meiner Haustür, der es mir und meinen Nachbarn nicht gestattet(e), den Streifen auch nur zur Errichtung eines Komposthaufens zu nutzen, mir aber gleichzeitig die Pflege dieses Streifens auferlegte, ohne dass die Stadt der Verpflichtung nachkam, den Knick zu pflegen. Ein höchst persönlicher und zutiefst eigennütziger Protest, wie mir scheint und zurecht nicht in den Zeitungen erschienen. Allerdings hatte ich mich auch nicht darum bemüht, sondern lediglich ein Schreiben an die Verwaltung abgesandt, welches denn noch nicht einmal beantwortet wurde. Egal, heute wird der Knick alle Jubeljahre „auf Stock gesetzt“ (d.h. brutal rasiert) und man fragt sich nur, ob er dann hässlicher ist oder wenn er verwachsen und verdreckt ist wie sonst auch. Das Thema ist übrigens aber doch auch ein Thema von größerer Bedeutung, denn heute will man endlich die Einwohner/innen vor dem Kauf auf solche Besonderheiten hinweisen.
  2. Aus bleibt aus!

    Gerade erst am vergangenen Ostermontag demonstrierte ich mit 15.000 anderen (so jedenfalls die Angabe des Veranstalters) am Atomkraftwerk Krümmel gegen dessen befürchtetes Wiederanschalten und ganz generell gegen Atomstrom. Dieser Protest zwingt einen dazu, seinen Hintern in Bewegung zu setzen und trotz des idealen Grillwetters seinen Tag vor diesem hässlichen Klotz zu verbringen und dabei auch zweifelhaften Grußbotschaften zuhören zu müssen. Auch hat es auf mein alltägliches Leben jedenfalls ohne Störfall im Grunde keinen Einfluss, ob es an der Elbe krümmelt und insofern könnte man diesen Protest voreilig als uneigennützig und ehrenwert empfinden. Aber wann hätte ich zuletzt gegen Atomkraftwerke in China oder sonstwo protestiert und wo wäre ohne Fukushima mein Protest geblieben? Nein, nein, ich will das nicht überhöhen: Ähnlich wie die Protestierer gegen die lärmende Bahn riecht das doch sehr nach einem Protest nach dem St.-Florians-Prinzip. Im großen Ganzen ist das okay und selbstverständlich unerlässlich, dass die Medien auch darüber berichten, aber vom einzelnen Demonstranten aus gesehen, ist das keine Heldentat, wahrlich nicht.

  3. Damaliger Bericht im Schwarzenbeker Anzeiger

    Als Elternvertreter am hiesigen Gymnasium kämpfte ich ein paar Jahre gegen die zutiefst undemokratischen Verhältnisse im Schulwesen generell und speziell gegen die höchst kritikwürdige Leitung dieser Anstalt durch die beiden Buddies an der Spitze an. Während ich irgendwann erfolgreich aus dem Amt gemobbt wurde, bescheinigten diese beiden sich gegenseitig einen guten Job und das Ministerium machte wider besseres Wissen gute Miene. Dieser ehrenamtliche Einsatz erforderte eine Menge Einsatz und Zeit und gereichte mir persönlich zu keinerlei Vorteil, meinen Kindern sogar eher zum Nachteil. Letzteres ist ja auch der Grund, warum so wenig Eltern bereit sind, sich kritisch zu engagieren. Allerdings gilt natürlich auch hier, dass man sich ohne eigene Kinder nicht engagierte. Gut, dürfte man auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte. Der Igitt-Faktor solchen Protestes scheint jedenfalls schon sehr hoch zu sein, denn die Presse oder gar Funk und Fernsehen berichten fast nie darüber. Und wenn man doch nicht daran vorbeikam, dann schwächte man den offen erkennbaren Großbrand zum kaum vernehmlichen Glimmen ab.

  4. Gelbes Blatt vom 29. März 2011

    Und seit einiger Zeit protestiere ich nun mehr oder weniger regelmäßig gegen die Verschwendungssucht (bei gleichzeitig persönlicher Habgier) der kommunalen Politik und die Intransparenz und befürchtete Vetternwirtschaft der Verwaltung und Selbstverwaltung. Auch wenn Herr Moldenhauer (und vermutlich auch andere) das lediglich als Profilneurose und – noch besser – Neid diffamieren wollen, treibt mich weder der Wunsch an, selbst mittun, noch möglichst oft meinen Namen lesen zu wollen, im Gegenteil. Dennoch bleibt ein persönliches Interesse, denn der Stadtsäckel und die daraus zu finanzierende Infrastruktur betrifft mich ja auch persönlich. Dennoch scheint es mir noch die reinste Form uneigennütziger Einmischung zu sein. Der Igitt-Faktor steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis dazu. Es ist jedenfalls erstaunlich, dass es bislang nur (und ausgerechnet) dem Werbeblättchen vorbehalten blieb, über die Ignoranz der Verwaltung zu berichten. Ausgerechnet das Gelbe Blatt, welches mich im September 2008 noch mit übelsten anonymen Denunzianten und Verleumdern gleichstellte, war nun das einzige Blatt, welches auf Bürger einging, die mit den Beschlüssen ihrer Stadt nicht einverstanden waren und sind.

Einen Schritt voraus: Susanne Nowacki

Bei aller Kritik am Schwarzenbeker Anzeiger muss man aber doch konzedieren, dass sich kein Presseerzeugnis intensiver mit den Geschehnissen vor Ort auseinandersetzt und immerhin bisweilen auch einmal kritisch nachfragt und Hintergründe beleuchtet. Dieses Verdienst gebührt der momentan offenbar verantwortlichen Redakteurin Susanne Nowacki. Ich gebe mich keinen Illusionen hin, dass sich das Blatt selbst entscheidend gewandelt hätte, denn mitunter fällt einem auch die Kinnlade herunter, was da so verzapft wird. Wie dem auch sei, es gibt selbstverständlich neben meinen armseligen Punkten auch noch sehr viel bedeutsameren und tatsächlich uneigennützigen Protest und auch Einsatz. Während jedoch Protestierer, spätestens wenn sie Aufsehen erzeugen, wie zum Beispiel Greenpeace mit bestimmten Aktionen, von den Medien gewürdigt werden, so haben es die heimlichen, aber um so wahreren Helden, sehr schwer, öffentliche Unterstützung zu erlangen. Ich habe zum Beispiel eine Nachbarin, die sich ehrenamtlich in der Familienbildungsstätte für das Projekt wellcome engagiert. Solches wird als Wohlfühlthema zwar auch ganz gerne hin und wieder verbraten, aber wenn, wie jetzt in Schwarzenbek, solch einer Organisationen die paar lumpigen Hundert Euro auch noch gestrichen werden, die es bis dato gerade einmal bekam, dann kommt keines der Blätter auf die Idee, diesem Skandal angesichts der Zigtausenden an Aufwandsentschädigungen und Sitzungsgeldern der „ehrenamtlichen“ Feierabendpolitiker den entsprechenden Raum zu geben. Nein, da schreibt man lieber über die Lärmbekämpfer, denn die legen sich mit jemandem an, der weit genug weg ist. Denn natürlich ist hier die Bahn der Böse, ist doch klar. Daher ja auch der Vergleich mit Stuttgart 21. Erbarmungswürdig. Und wenn ich mir dann noch die Mutter des Gedankens anschaue und nachlese, was die 10 Tage zuvor im Gelben Blatt aus dieser Überschrift machte, dann weiß ich wieder, was ich an der freien Presse habe.

One Response to Schwarzenbek 21 – Bürger 1. und 2. Klasse

  1. Bekannnt says:

    Natürlich sind wir Bürgerinnen und Bürger 2.Klasse. Die 1. Klasse sind die Politiker und gewisse Angestellte der Stadt, der Bürgervorsteher usw.
    Nun glaube ich, daß die 2. Klasse sich diese Tatsache bald nicht mehr gefallen läßt. Es ist eine Frage der Zeit, wann es zu Konflikten kommt, denn ich bin mir fast sicher, daß es im Untergrund langsam zu kochen beginnt.

    Natürlich ist der Lärm nicht gerade angenehm, aber die Gegenfrage die ich stelle ist folgende: Was für einen Lärm müßen die Leute in Hamburg ertragen, die in der Einflugschneise oder Startbahn wohnen?
    Der Flughafen hat ein sehr gutes Konzept entwickelt, alle Anwohner haben dreifach Verglasung bekommen, alle Gesellschaften die mit sehr lauten Maschinen gekommen sind, mußten ganz tief in die Tasche greifen, die Lufthansa Technik hat die modernste Lärmschutzhalle Europas gebaut. Um den Lärm zu reduzieren, müßte die Bahn in der Nachtzeit langsamer durch Schwarzenbek fahren. Schade, warum hat sich keiner bei der Planung darüber aufgeregt? Ich bin mir sicher, daß Schwarzenbek damit nicht durchkommt, Dank gewisser Politiker die ich nicht nennen möchte.
    Irgend wann darf es keine Klassenunterschiede in Schwarzenbek geben!!!!

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