Wir Wohlstandskinder

Der namenlose Kommentierer, der „puren Neid“ aus mir sprechen hörte, hat zumindest erreicht, dass ich noch einmal in mich ging, um auszuloten, wie sehr ich mich vielleicht ja doch vergriffen habe. Geht das wirklich zu weit, wie auch ein Fan dieses Blogs meinte, „motivierte Jugendliche“ als Wohlstandszöglinge zu bezeichnen? Meine Antwort zu diesem Zeitpunkt (man lernt ja immer dazu!): Eindeutig Jein!

Möchten schließlich nur ihrem Hobby nachgehen: Dirtbeker

Es geht vermutlich dann zu weit, wenn es sich auf die beiden Kinder verengte, welche die Idee eines DirtBike-Parcours im Bauausschuss vorstellten. Diesen Eindruck mag man gewinnen, wenn man meinen entsprechenden Artikel liest und vermutlich möchte das niemand über (seine) Kinder lesen. Ich habe daher jetzt wenigstens deren Namen entfernt, denn weder finde ich etwas Kritisierenswertes an diesen beiden Jungs, noch an den anderen Kindern, die sich dort einfanden. Auch habe ich selbstverständlich keine Einwände gegen deren Hobby oder machte ihnen zum Vorwurf, dass sie im Wohlstand leben. Das wäre lächerlich. Sollte also dieser Eindruck entstanden sein, entschuldige ich mich ausdrücklich und gern bei den Kindern.

Viel zu viele Kinder können sich gar kein Hobby leisten

Es geht ganz sicher nicht zu weit, wenn man es generalisiert und das Wort auf den eigentlichen Begriff zurückführt. „Zögling“ kommt von ziehen im Sinne von er-ziehen (siehe: DWDS). Und wenn ich mir anschaue, wie sehr diese Kinder von Erwachsenen auf diese Bahn gesetzt wurden und werden, welchen Diener der Bauausschuss und auch die Presse vor ihnen macht, dann erziehen wir sie aus meiner Sicht falsch. Denn wohin richtet sich deren Motivation? Hier sollen doch ausschließlich die eigenen Bedürfnisse befriedigt werden und zwar Bedürfnisse, die ausschließlich im Überfluss entstehen können. Diese Kinder hätten gerne eine speziell zu errichtende und nur für diesen Zweck nutzbare Cross-Bahn, einen Spielplatz des speziellen Interesses. So weit, so gut. Wenn man ihnen nun beibringen möchte, dass man sich für seine Interessen dann auch selbst einsetzen muss, auch gut. Wenn ich dann aber erlebe, dass hier Hochglanz-Präsentationen und professionell anmutende Modellbahnen vorgelegt werden, dann sieht das eher danach aus, dass die Eltern den Kinderwunsch formulieren und von den Kindern lediglich aufsagen lassen.

Die Spielwiese für Motivierte ist grenzenlos

Und das setzt dem Wohlstand eben die Krone auf den gut genährten Kopf. Laut Wikipedia ist umgangssprachlich „mit Wohlstand gemeint, dass jemand mehr Geld als normal zur Verfügung hat bzw. dass es ihm in materieller Hinsicht an nichts mangelt“. An einem Dirt-Bike oder gar an einem Bike und einer Bahn kann es einem schon gar nicht mangeln. Wenn jemand so etwas hat, ist das schon nicht mehr Wohlstand, sondern Luxus, nur damit auch das klar ist. Aber auch das wollen wir nicht neiden, darum geht es nicht. Wenn aber mein ganzer Mangel darin besteht, dass ich meinem Luxus noch bequemer frönen könnte, wenn ich die mangelnde Bahn unmittelbar in meiner Nachbarschaft errichtet bekäme, dann sollte ich zur Erreichung dieses Zieles nicht auch noch zum Jagen getragen werden. Das wurden diese Kinder aber und anschließend bedankte man sich auch noch dafür und machte einen Diener: Wie überaus nett von euch, uns euer von euren Eltern formuliertes Luxusproblem vorzutragen.

Alles nur selbstgeschaffene Verhältnisse?

Erziehen wir diese Kinder in und zum Wohlstand? Leben wir Ihnen vor, dass es trotz eines 15-Millionen-Loches im Haushalt kaum Wichtigeres als diese Bahn geben kann? Die Kinder können nichts dafür, verstehen Sie mich bitte nicht wieder falsch! Wir machen sie ja erst zu Wohlstandszöglingen, wenn wir ihnen vorleben, dass man zuerst an sich und dann erst an andere denkt. Schwarzenbek hat wichtigere Probleme als Spielplätze für wohlhabende Kinder, ob diese Botschaft den Wohlhabenden nun gefällt oder nicht. Und da spricht kein Sozialneid aus mir, denn ich bin auch wohlhabend und mein größtes Problem besteht darin, dass zwei warme Mahlzeiten pro Tag einen irgendwann eben doch verfetten lassen. Nur komme ich eben nicht auf die Idee, die Stadt um Hilfe bei meinem Speiseplan zu bitten und neben der Tafel für Bedürftige bitte auch noch einen Tempel für Gourmets errichten zu lassen. Oder auch nur das Grundstück dafür zur Verfügung zu stellen.

Wie steht es mit der Chancengleichheit wirklich?

Wenn ich es aber doch täte, müsste ich wohl mit der Kritik der Sozialneider leben. So ist das halt. Wer reich sein möchte, muss die Armut anderer hinzunehmen lernen. Das eine geht nicht ohne das andere. Die einen vermissen eine fußläufige Spezialbahn für ihr Zweitfahrrad, die anderen gehen zu Fuß zur Hauptschule, bis sie endlich arbeitslos zu Hause bleiben dürfen. So sind wir alle Wohlstandskinder, alle mit gleichen Chancen und gleichen Aussichten auf „Nahrung, Wohnverhältnisse, Krankenversorgung, Zugang zu Bildung“. Bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens die Kinder irgendwann die Augen öffnen und erkennen, wie ungleich die Chancen tatsächlich sind und wofür es sich neben dem eigenen Luxus auch noch einzusetzen lohnt. Und an dieser Stelle mache ich und überlasse den Leserinnen und Lesern den Schluss, wie ein Artikel ausgesehen hätte, der nicht etwa den Bauausschuss, sondern dieses Luxusproblem zum Thema gehabt hätte.

3 Responses to Wir Wohlstandskinder

  1. Blogfan Nr. 1 says:

    Hmmmm…an dieser Stelle dürfte es wohl schwierig werden, einen einvernehmlichen Konsens zu finden.

    Klar ist es wünschenswert, besser situierte Kinder und Jugendliche möglichst früh für den Fakt zu sensiblisieren, dass nicht alle gleich viel besitzen.

    Das darf aber nicht als Argument dafür gelten, aus Solidarität Verzicht üben zu müssen. Denn in erster Linie sitzen die Teenager Schwarzenbeks (egal, welcher Einkommensschicht und Bildung) doch in einem Boot. Anlaufpunkte wie das Schwimmbad sind ihnen in den letzten Jahren schrittweise abgegraben worden, und der Jugendtreff als letztes verbliebenes „Bollwerk“ sieht (dank des komplett infiltrierten Bauausschusses) einer völlig ungewissen Zukunft entgegen.

    Und an dieser Stelle kommt der diskutierte Plan ins Spiel, der in seiner Perfidität sofort Wirkung gezeigt hat – wir harken uns im Blog an vorgeblich spaßsüchtigen Jugendlichen fest, während die wahren Schuldigen in ihrer Selbstgefälligkeit und Blasiertheit der Öffentlichkeit zeigen, was sie doch schon immer für den Nachwuchs zu tun bereit sind. Und wenn zur Abwechslung einmal zwei Teenies mit einem etwas ausgefallenen und vielleicht kostenintensiveren Hobby ankommen – zack, schon werden sie verheizt.

    Aber da wir die Versprechenspolitik dieser Legislaturperiode inzwischen zur Genüge kennen, können wir die Erfolgsliste bis 2013 schon jetzt herunterschreiben: KEIN neues Schwimmbad, KEIN umgebauter Marktplatz, KEIN chinesisches Handelszentrum (okay, das wäre auch kein Verlust)…und der Vollständigkeit halber: KEINE Dirt Bike-Bahn.

    • Matthias Borchelt says:

      Man darf bisweilen auch im Dissens bleiben, das tut ja nicht weh.

      Nein, aus Solidarität Verzicht zu üben, tut nicht Not und hilft auch niemandem. Und ich gebe Ihnen auch recht, dass wir (vornehmlich ja ich) auf den Leim gehen, wenn wir uns jetzt an diesem Objekt verbeißen. Ich weiß natürlich nicht, warum der Bürgermeister den Brief, mit dem die Kids offenbar erstmalig vorstellig wurden, nicht an den Kinder- und Jugendbeirat weiterreichte. Und wenn nicht an die, warum dann nicht wenigstens an den zuständigen Kultur- und Sozialausschuss? So wird die Sache jetzt vermutlich wegen der Kompetenzstreitigkeiten und der verunglückten Herangehensweise platzen, so wie Sie das vorhersagen. Und dabei könnte man vergessen, wer für die Misere in Schwarzenbek verantwortlich ist. Könnte man. Werden wir aber nicht.

      Schade um das Projekt? Irgendwie schon, denn man hätte ja den Versuch unternehmen können, etwas für alle Schichten daraus zu machen und die Umfrage eben nicht nur auf das Gymnasium zu beschränken. Denn auch da haben Sie vermutlich recht: Für Jugendliche scheint Schwarzenbek eine so tote Hose, dass es kaum noch erträglich ist. Nun warten wir mal ab, was der SKJB, den man so schmählich überging, morgen dazu sagen wird.

      • RubenBallutschinski says:

        Mit großem Interesse diesen Artikel und den „auslösenden“ Artikel gelesen. Jugendliche die Eigeninitiative zeigen, die sich – na, klar – für ihre Hobby engagieren und dafür alle Ressourcen nutzen, machen sich klasse und sind auch klasse – wenn sie sich denn wenigstens auf einen nennenswerten Anteil Eigenleistung berufen können, der so schmaler, je jünger sie sind, sein darf. Engagement finde ich erstmal besser als dröges Desinteresse.
        Die Dirtbeker wollen was, tun was dafür und ziehen so gut es geht an den Strippen. Naja, so gut und eben auch naiv es geht. Den Artikel in der BZ werden sie sich bis morgen wahrscheinlich mit Goldkante einrahmen, ganz zu recht Stolz sein auf das Erreichte und möglicherweise den Rest, die Bewilligung ihres Traumes, für eine Formsache von Minuten halten. Eine Formsache wird es am Ende sein.

        Das eigentliche perverse an dieser Nummer ist tatsächlich die Dramaturgie einer vorhersehbaren Absage. Damit gehe ich eine Wette ein:

        Ich wette: Das Dirtbek Projekt wird morgen im laufe des Tages, fernab eines Blitzlichts und ohne die süßen Kindermilchpimpfe, denen noch gestern vor der Kamera mächtig stolz und mächtig beeindruckt auf die schmalen Schultern von den Trägern des Eisern- und Immer-Ehrlichen- Kreuzes am Band geklopft wurde, dieses Projekt, wird morgen mit Süßholzgeraspel im InteresiertsichkeineSaufürAusschuss beerdigt werden. Man wird die Präsentation loben und den Einsatz der Jugendlichen für den Sozialismus – quatsch – die Demokratie loben und versprechen, fortan jeden Abend bevor man zu Bett geht unter verstärktem Kopfkratzen darüber nachzudenken, wie man den großen Dirtbek-Plan vielleicht doch umsetzen könne. Kratz, kratz, kratz! Das getan dürfen die knuddeligen Negerküsse die Bühne wieder verlassen. Wer hält dagegen?

        Und der Blogbetreiber hat eigentlich nichts anderes geschrieben, als dass eine Nischenidee, die nicht unerhebliche Investitionen erfordert und deren kostenenutrale Umsetzung auch bei wohlwollendster Betrachtung äußerst ungewiss ist, in einer komplett überschuldeteten Gemeinde keine Chance haben wird. Was heißt eigentlich wird? Darf! Muss!!

        Her Borchelt fragt sich – wie ich finde sehr zurückhaltend – warum dieser Antrag vom falschen Ausschuss behandelt wurde? Ja, wegen der Fotos in der BZ, oder? Wegen was denn sonst? Sollten die toughen dirtbek-kids mit der Nummer durchkommen, sollte selbst den Berufsblinden der Schwarzenbeker Stadtverordneten dämmern, dass dann alle naslang drei süße Kids mit Kontrabaß und prima Ideen und noch besseren Powerpointpräsentationen erscheinen werden – Kartbek zum Beispiel, weil Kerpen ist überall, oder? Wie kann man dann beim Nächsten Pimpf noch nein sagen? Binse, oder? Jede oder Jeder, der Kinder erziehen muss, weiß: „Geht nicht, gibts nicht, Pfoten weg“, schafft Streß, ist aber jeden Tag überlebensnotwendig.

        Und da wären wir wieder bei der Perversität dieser Zirkusnummer mit den drei süßen Sextaner-Milchzahnäffchen. Ein Stadtverordneter, ein Bürgmeister, ein Lokalpoltiker, ja selbst ein Kanzler sagt zu solch erstklassigen Werbeträgern niemals nein, geschweige denn: schickt sie mit einer Nummer kommentarlos und ohne medialen Ertrag zu den Hinterbänklern ins Kabuff. Nö, bei engagierten Kiddies sagt man nicht nein, man gibt sich solidarisch und äußerst beeindruckt. Das gefällt bestimt auch den Eltern, denen man ums Verrecken nicht in den Rücken fallen will. Nein, die stinky Arschkarte schiebt man jemand anderem, aber mit Bestimmtheit, zu, und gefällt sich weiterhin als netter Onkel und Kinderversteher, der nur den Kopf schütteln kann, weil ihm – wegen der bösen Bürokraten – dann doch die Hände gebunden sind. Ach, diese ungerechte Welt, die jeden Kindertraum zernichtet, oder? Ich wette das kommt so und ich hoffe, dass ich recht habe.

        Denn wenn es nicht so kommt? Wenn der Schwarzenbeker Bauhof so nebenbei eine groovy GMX Piste aushebt, planiert und mundgebissen neben seiner – hoffentlich annähernd auslastend vorhandenen – sonstigen Arbeit, servieren kann, ja, dann ist der Wahnsinn, den diese Stadt beschlichen hat, amtlich. Dann ist amtlich, dass – komplett Verblödete und Verstrahlte im Schwarzenbeker Gemeinderat den Ton angeben. Das ist nur eine Beleidigung, wenn Dirtbek umgesetzt wird. Wenn nicht, gewinne ich meine Wette. Nicht schön, aber OK. Eine Kartbahn fände ich sowieso irgendwie geiler.

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