Der Schnarchjournalist

Von Ruben Ballutschinski

Kein Wutbürger, sondern entspannt lächelnder Zeitgenosse. (Foto: Agencia Brasil)

Als ich Dirk Kurbjuweits unsäglichen Artikel im Spiegel las, wusste ich nicht, ob Arroganz oder Dummheit hinter seinen Ausführungen steckte. Ich befürchte, es war eher Dünkel als Dummheit. Zu „Wutbürgern“ stempelte Kurbjuweit darin jene Bürgerinnen und Bürger ab, die sich gegen zukunftsweisende Großprojekte dadurch wehren, dass sie auf die Straße gehen, demonstrieren, gar lauthals und auf dem Rechtswege versuchen, diese Heil bringenden Großbaustellen der Bundesrepublik in Investitionsruinen zu verwandeln. Bah, was widerlich, nicht wahr? Und wie dreist, oder? Sich beschweren und auch noch frech vor Gericht ziehen! Pfui, meint Herr Kurbjuweit. Natürlich weiß jeder, der seine sieben Brezeln beieinander hat, dass Kurbjuweits „Wutbürger“ nichts anderes als mündige Bürger sind. Die Herabsetzung zum Wutbürger ist nicht anders als infam zu nennen. Umso merkwürdiger und geradezu surreal anmutend erscheint mir der Siegeszug dieses Begriffes; einer Wortschöpfung, die genauso gut der Giftküche widerlichster Potentaten, Aristokraten oder der chinesischen KP entstammen könnte.

Achten Sie einmal darauf und verfolgen, wer jetzt in den Medien ganz schnell zum Wutbürger (ab)gestempelt wird. Bei jeder Demonstration, ob gegen BBI Berlin, Stuttgart 21 oder Castortransporte, kommt den Reportern, sei es in den Printmedien oder viel eher noch in den öffentlich-rechtlichen Sendern, mit despektierlichem Unterton der Wutbürger von den Lippen. Ja, ja, der kleine Wüterich, der lächerliche Rumpelstilz, da ist er wieder und macht Meck-Meck-Meck. Er schreit und blökt und ist einfach ebenso nervtötend, naiv und naseweis, wie von Fachkenntnis und Contenance unbeleckt. Wer schreit, hat unrecht, dämmert es dem deutschen Michel vor dem Flachbildschirm und er schüttelt ebenfalls den Kopf über den lästigen Blödsinn, den die Schreihälse mal wieder veranstalten. Letzteres freut natürlich die Politik, die sich noch halbwegs indifferent auf „die Menschen“ geeinigt hatte. Aber es erfreut auch den durchschnittlichen Journalisten (vulgo: die gängige Fehlbesetzung in deutschen Redaktionen), den Berichterstatter oder Nachrichtenvorleser, denn seine eigenen Versäumnisse erscheinen so als kluge Vorauswahl und seriöser Nachrichtenfilter.

Die Befürworter der Kernkraft halten z.B. das Schicksal dieses Waisenkindes von Tschernobyl für ein vertretbares Restrisiko. Wer dagegen - gerne auch wütend - protestiert, ist ein "Wutbürger".

Die so genannten Wutbürger hingegen besetzen Themen. Sie stoßen die Medien erst mit der Nase auf Dinge, die sich schon seit Jahren ereignen und über die der deutsche Schnarchredakteur nichts wusste, nichts schreiben wollte oder durfte. Er ist außen vor und kann nur noch hinterher schreiben. Aber statt das mit einer hochroten Birne und besonderem Eifer zu tun, winkt er stattdessen arrogant ab und rümpft die Nase wie ein Konservativer über die Erregung der Straße, des Mobs. Ja, er besitzt sogar die Dreistigkeit, seine eigene Hartleibigkeit und Verschnarchtheit als brummenden Zukunftsmotor zu missdeuten und das Aufbegehren der Bürger gegen ein von den Parteien filetiertes Gemeinwesen als rückwärtsgewandt und Zukunft hemmend zu verunglimpfen. Die Chuzpe muss man haben! Aber es funktioniert.

Der Durchschnitt, d.h. diejenigen, die es sich kommod gemacht und sich offenbar zuletzt in der Pubertät hinterfragt und Neues gelernt haben, nehmen den Ball, den Kurbjuweit geworfen hat mit, Freuden auf. Nun sind mündige Bürger in der Wahrnehmung ihrer Grundrechte also Wutbürger und „Wutbürger“ wird das Wort, nicht etwa das Unwort des Jahres 2010 und bleibt – wie nicht anders zu erwarten war – bis heute en vogue. Denn auch im Feuilleton sind schon längst der Griesel und der Staub, der Filz und der Neid eingezogen, den wir in dieser Form wahrscheinlich nur in alten SED-Kulturbüros vermutet hätten. Wutbürger ist eine treffliche Formel für diejenigen, die Meinungsführerschaft oder Deutungshoheit beanspruchen und sie eignet sich nicht nur für Castorblockierer oder andere Demonstranten, sie eignet sich auch für Blogschreiber und Bürgerstundenfrager, eben für alle, die ihre Skepsis bewahrt oder wieder gefunden haben.

(Foto: Rainer Lück http://1RL.de)

Leider, auch wenn ich häufig (zumal im Radsport) nicht seiner Meinung bin, hatte Sloterdijk mit seiner Erwiderung, die er am gleichen Orte schrieb, nur allzu recht:

„Bemerkenswerterweise war ein wichtiger Teil der manchmal seriösen Presse bereit, sich in die bedrängte politische Klasse einzufühlen: „Wutbürger“ nannte man jüngst die neuen Protestierer – was eine kluge Prägung gewesen wäre, hätte sie die Erinnerung an den ursprünglichen Zusammenhang von Empörung und Republik beschworen. Leider diente sie im aktuellen Gebrauch nur dazu, die lästigen Dissidenzfliegen zu verscheuchen. Man sieht jedenfalls: Manche Journalisten wissen, wie sie das Ihre zum Werk der Bürgerausschaltung beitragen können.“

Es verwundert nicht, dass die Schnarchjournalisten sich trotz dieser Worte noch immer nicht schämen, diesen unsäglichen Begriff zu benutzen. Sie sind nicht nur arrogant, sie sind auch noch bequem und dumm. Das ist eine gefährliche Mischung, aber ich befürchte, das ist das Fundament, auf dem die fünfte Gewalt in Deutschland fußt. Wenn es da nicht zum Glück diese Bürger gäbe, die weder auf den Mund, noch auf den Kopf gefallen sind. Man kann das durchaus auch als eine Danksagung an Blogs wie diesen lesen. Danke.

2 Responses to Der Schnarchjournalist

  1. Joe says:

    Ein Grund mehr, warum ich mir fast nur noch Informationen
    aus dem Internet holte statt aus Print und Funk.
    (Mit Ausnahme vielleicht der taz)

    Ein Begriff bei dem ich auch zum Wutbürger, quatsch
    dem es mir auch sauer aufstößt, ist der „Gutmensch“..

  2. Arno Boldt says:

    Es ist sicherlich auch eine Frage des eigenen Egos, Benennungen und damit auch Kategorien zu finden, die – wenn auch nur vordergründig – bestimmte Geschehnisse beschreiben sollen. Wem gelingt eine Neuschöpfung, wer darf der Feuilleton-Journaille mal zeigen, wo Kreativität ausgeprägt ist? Ganz richtig: Ich denke, dass es innerhalb des Journalismus zu gravierendem Neidpotenzial kommt. Können die Feuilletonisten ihrem Spieltrieb in gewohnter Art und Weise frönen, darben die Politjournalisten beim Beschreiben systematischer Zusammenhänge. Das darf natürlich aus derer Sicht nicht sein! Der politische Kommentar ist zwar gut und recht, aber langt bei weitem nicht! Hier – so meine ich – liegt ein Übel begraben, weshalb es mittlerweile modern ist, hanebüchene Wortneuschöpfungen in anderen Rubriken aus den ärmellosen Shirts zu schütteln. Schließlich will die Presse auch mal ganz groß in der Presse stehen.

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