Super-GAU – Moratorium te salutat

Angela strahlt

oder: Der aufgeschobene Atomtod

Welchen Erkenntnisgewinn kann Frau Merkel während ihres Moratoriums erwarten, außer dass „etwas, was nach allen wissenschaftlichen Maßstäben für unmöglich gehalten wurde, doch möglich werden konnteRisiken, die für absolut unwahrscheinlich gehalten wurden, doch nicht vollends unwahrscheinlich waren“? Diese ihre krude Haspelei verdeutlicht: eher keine. Es war ihr auch vorher nicht unbekannt, dass mehr oder minder große menschliche oder natürliche Katastrophen zu Kernschmelzen, zum so genannten Super-GAU führen können. Wenn wir uns aber nur ansehen, dass im gleichen Atemzug gesagt wird, die Kernkraftwerke seien sicher, würden aber dennoch noch einmal dahingehend geprüft werden, dann zeigt auch das die Hilflosigkeit der Argumentation. Für meine Begriffe ist nur deutlich geworden, dass die eine Hälfte der Bevölkerung incl. Frau Merkel sich nicht vorstellen wollte, was jederzeit und überall auf der Welt passieren kann. Ich spreche absichtlich von „Hilflosigkeit“, denn die andere Möglichkeit möchte ich nicht einmal denken.

Eher unwahrscheinlicher Besucher oder einer unserer Nachfahren nach Super-Duper-GAU?

Als bedrohlich empfinde ich jedoch die Vorstellung, dass dieselben Sicherheitsingenieure jetzt erneut zur Beantwortung der Frage hinzugezogen werden, die auch zuvor um alle die Schwächen der AKW wussten und wissen. Die hatten im Herbst entschieden oder entscheidend dabei geholfen, dass Erdbeben, Flugzeugabstürze, Terrorangriffe etc. als zu vernachlässigende Größen anzusehen sind. Und wenn es jetzt immer heißt, dass diese Gefahren auch durch Japan nicht wahrscheinlicher geworden sind, so ist das ein Trugschluss. Selbstverständlich stellt sich die Wahrscheinlichkeitsrechnung für ein Ereignis einer bestimmten, als maximal angesehenen Größenordnung nach einem Ereignis noch größerer Ordnung wesentlich anders dar. Ich will es an einem ganz einfachen Beispiel verdeutlichen: Für wie wahrscheinlich halten Sie einen Besuch durch Aliens? Jeder vernunftbegabte Mensch würde das mit annähernd Null beantworten, Stephen Hawking und Prof. Lesch mit genau Null. Wenn nun aber gegen alle Vernunft morgen welche landeten, für wie wahrscheinlich hielten Sie und die beiden Schlaumeier dann wohl einen weiteren Besuch?

Und wenn ich also einräumen muss, denn das ergibt sich aus meiner Sicht als einzig mögliche Erkenntnis, dass ich verlässlich gar nichts über die Stärke von künftigen Erdbeben sagen kann, dann kann ich – speziell nach Japan – künftig auch kein AKW als erdbebensicher bezeichnen. Wenn aber gegen alle Statistik nun doch deutlich stärkere Erdbeben als bislang angenommen möglich sind, wo sollte diese Überlegung enden? Nichts kann man sich nicht auch noch fürchterlicher ausmalen. Ehrlicherweise kann man also nur herangehen und die „Beherrschbarkeit von zu erwartenden oder im Rahmen der Nachweisführung postulierten Ereignismöglichkeiten“ überprüfen.

Weder Atom-, noch Sicherheitsfetischisten

Das Zitat stammt übrigens aus der Sicherheit überprüfenden Gegenüberstellung der Kraftwerke Neckarwestheim 1 und 2 im Rahmen von Anträgen zur Reststrommengenübertragung. Schauen Sie sich die zusammen 700 Seiten umfassende Dokumentation gerne unter dieser Adresse an und dann überlegen Sie: Wenn Guttenberg 8 Jahre benötigte, um 400 Seiten lediglich weitgehend zu kopieren, wie will man dann in 3 Monaten für alle Kraftwerke eine Sicherheitsüberprüfung veranstalten, die über alles bisher Vorstellbare hinausgeht? Und welches andere Ergebnis könnte die haben, als dass alle Kraftwerke sofort abgeschaltet gehörten? Das will man offensichtlich nicht. Was aber dann?

Nachdem es erwiesenermaßen nicht um die Wahrscheinlichkeiten von Naturkatastrophen gehen kann, hat man vermutlich auch in Berlin sehr schnell erkannt, dass es eigentlich auch gar nicht um die Folgen von Erdbeben und Tsunami geht. Ich behaupte, dass die voranschreitende Kernschmelze in Fukushima auch nicht die direkte Folge der Naturkatastrophe, sondern der geradezu hirnverbrannt bornierten und arroganten, im Grunde Menschen verachtenden Denkweise der Sicherheitsingenieure und/oder der sonstigen Verantwortlichen ist.

Wie die Richterskala nach oben, ist diese nach hinten offen

Denn was ist dort passiert? Nach allem was ich weiß, hat das Erdbeben hinsichtlich des AKW zu nicht mehr geführt, als dass der Strom ausgefallen ist. Wenn Sie sich erinnern wollen, haben zum Zeitpunkt des Bebens auch zwei deutsche Ingenieure im Reaktor 4 gearbeitet und übereinstimmend berichtet, dass dem Bauwerk nichts anzumerken war, als dass ein wenig Putz von der Decke rieselte. Normalerweise setzen dann die mit Diesel betriebenen Notstromaggregate ein und verhindern die Unterbrechung des Kühlkreislaufes. Der Tsunami seinerseits hat – bitte: wiederum in Bezug auf das KKW! – nichts Schlimmeres bewirkt, als die Tanks mit dem Dieselkraftstoff zu beschädigen oder zu zerstören. Danach blieben nur die Batterien übrig, welche jedoch lediglich darauf ausgelegt sind, den Übergang von Strom auf Notstrom unterbrechungsfrei zu gewährleisten. Das bedeutet, die gigantischste Stromerzeugungsmaschine, die je von Menschenhirn erdacht und Menschenhand gemacht wurde, geriet durch Stromausfall zur schlimmsten Höllenmaschine, die man sich denken kann. Welch bittere Ironie!

Auch eine Art Schmelze, aber um die zu verhindern, sind wir viel eher bereit, auf Wohlstand zu verzichten. Na ja, wenigstens die meisten von uns...

Die Hybris liegt nun darin, dass die Ingenieure, die immer von Sicherheit faseln, dieselben Ingenieure sind, welche den schlimmsten Unfall den man sich überhaupt vorstellen, die furchtbarste Katastrophe, die man auch nur denken kann, mit genau einer einzigen Sicherung versehen! Selbst die murkeligste Datensicherung kleinster Unternehmen umfasst in aller Regel mindestens zwei Maßnahmen, der größte anzunehmende Unfall jedoch nur eine? Und damit nicht genug! Für diesen anzunehmenden und damit ja eben per definitionem und wie auch mehrfach bewiesen nicht auszuschließenden Unfall gibt es keinen einzigen Notfallplan mehr, außer zu rennen und zu beten? Die Technik ist also nicht nur nicht sicher, sondern spätestens im Notfall auch nicht mehr beherrschbar, die Folgen nicht mehr einzugrenzen? Erneut wurde nach Harrisburg und Tschernobyl also bewiesen, dass die langhaarigen Spinner, die ideologisierten Demagogen, die fortschrittsfeindlichen Neinsager einfach nur Recht hatten?

Um es mit Frau Merkel zu sagen: "Alternativlos"

Wer sich jetzt noch immer von denselben Leuten einlullen lassen will, die weder die Risiken, noch die Sicherheitsmaßnahmen je richtig einschätzen konnten (oder wollten?), dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen. Allerspätestens jetzt muss doch dem letzten Hornochsen klar sein, dass nicht nur in der bis heute vollständig ungelösten Frage der Endlagerung, sondern auch und gerade in der Beurteilung des nicht rest-, sondern höchstriskanten Betriebes der nuklearen Kraftwerke, in unerträglichem Maße getäuscht und verharmlost worden ist. In der brutalen Logik dieser Schönrechner und Schönfärber müsste als Konsequenz aus Japan lediglich eine zweite Notstromversorgung installiert werden, um eine Verdoppelung der Sicherheit zu erreichen. Und danach kann man dann wieder darauf hoffen, dass auch beim garantierten nächsten Mal wieder andere draufgehen oder man mindestens den eigenen Arsch strahlenfrei in Sicherheit bringen kann. Danach kann man wieder tönen, dass das niemand vorhersehen konnte und die Kernschmelze ein „auslegungsüberschreitendes Ereignis“ sei. Was das heißt? Darauf ist die Anlage nicht ausgelegt. Was sonst?

5 Responses to Super-GAU – Moratorium te salutat

  1. Joe says:

    Bisher war ein GAU immer „nur eine statistische Rechengröße“. „Ein Gau würde statistisch alle tausend Jahre mal passieren…“ Dann waren es aber doch nur fast genau 25 Jahre seit Tschernobyl. Wie sagte selbst der Schirrmacher in einem super Artikel in der ansonsten atomfreundlichen FAZ (Ich meine jetzt Frank Schirrmacher, nicht Matthias 😉 ): Laut Statistik liegt ein Sechser im Lotto auch bei 1:139 Millionen, trotzdem
    wird er immer gewonnen. Das hat natürlich mit der Vielzahl der Spieler zu tun. Genauso wird die Chance eines Super-Gaus immer wahrscheinlicher, je mehr Atomkraftwerke entstehen.

    Übrigens:
    Samstag kommt Nina Hagen zum Lesen nach Krümmel und Sonntag Günther Grass. Und am Ostermontag findet wieder die Demonstration vorm KKW statt: 25 Jahre Tschernobyl. Wie wäre es, hier ein bisschen Werbung durch Banner zu machen (gibts zb. bei „ausgetrahlt“ zum download!)?

  2. Matthias Borchelt says:

    Ich bin technisch bereits maximal herausgefordert, habe aber jetzt mein Möglichstes getan, um auf die Veranstaltungen hinzuweisen. Ich selbst bekomme zu Ostern Besuch, aber mindestens am Montag werde ich teilnehmen. Um mir Nina Hagen oder Günter Grass anzutun, wäre mir allerdings der drohende Atomtod vermutlich ohnehin zu wenig gewesen. 😉

    Sorry, das war nur ein dummer Witz.

  3. Arno Boldt says:

    Entwaffnend. Das Vielfache einer nicht vorhandenen Sicherheit bleibt eine Unsicherheit. Die Vernunft unterlag vor 1990 ideologisierten Weltanschauungen. Sätze wie: „Das war die veraltete Anlage kaum modernerer Russen“ (Zitat unecht) waren die Frontläufer der Argumentationslinien; ohne dabei dem Gedanken Beachtung zu schenken, dass der „Faktor Mensch“ ein unkalkulierbares Risiko ist. Welches Alter haben aber inzwischen Biblis A oder Neckarwestheim I? Welche Sicherheitsstandards liegen denen zu Grunde? Wie weit reicht die Halbwertszeit eines Autos? Reicht es, einzelne Teile immer mal wieder auszutauschen, um den Verfall zu stoppen? Wie groß ist das Risiko eines Unfalls, wenn ein womöglich – von seinen täglichen Sorgen, Ängsten oder einfach nur Gedanken – abgelenkter Fahrer ein 16 Jahre altes Auto fährt? Lautet der gängige und unsäglich dumme Begriff „Restrisiko“ eben so, weil es uns irgendwann den verdienten Rest gibt?

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