Konditionierter Reflex

Unbedingt süß: Knut

Als bedingte Reflexe werden reflexartige Reaktionsweisen genannt, die nicht angeboren sind, sondern erlernt wurden. Sie werden auch als erworbene Reflexe bezeichnet. Einigen wird das berühmte Hunde-Experiment des russischen Wissenschaftlers Pawlow geläufig sein: Dabei wurde Hunden immer dann, wenn sie Futter vorgesetzt bekamen, zugleich ein Glockenton zu Gehör gebracht. Nach einiger Zeit begannen die Hunde, Verdauungssekrete auch dann zu produzieren, wenn sie nur den Glockenton hörten. Der Glockenton hatte bei den Hunden die gleiche Auslöserfunktion übernommen wie das Futter selbst; eine Art von Lernen, die man als Klassische Konditionierung bezeichnet. Unbedingte oder angeborene Reflexe sind dahingegen entweder bereits mit Geburt eines Lebewesens voll ausgebildet oder entwickeln sich im Verlaufe seiner Entwicklung bis zur Geschlechtsreife. Typisch für derartig biologisch angelegte Reaktionsweisen ist es, dass jedes Individuum einer Art identische Reaktionen zeigt. Dieser kleine Ausflug nach Wikipedia soll uns einstimmen auf die kleine Geschichte eines Zeitungsartikels und seiner Folge.

"Warum gehst du nicht zur Arge?"

Am 23. Dezember erschien in den Lübecker Nachrichten ein Artikel über das Betteln und die Reaktion auf Bettler. Allerdings suchte der Journalist dafür nicht etwa ein paar Bettler und Obdachlose auf, um über deren Erfahrungen zu berichten. Auch legte er sich nicht auf die Lauer, um die unverfälschte Reaktion der Mitmenschen zu erleben. Nein, Florian Grombein ließ sich nicht lumpen, setzte selbst ein komisches Hütchen auf und mimte den Pausenclown: Der Wohlstandsgenährte trieb für einen Nachmittag Mummenschanz und meinte hernach, etwas zu erzählen zu haben. Es koste Überwindung und einen friere, so sein Fazit, und viel schöner sei es, am warmen Kaminofen zu sitzen und die Lachsforelle unter dem Tannenbaum zu verspeisen. Auf diese Art will er wohl die Leser Demut lehren, denn oh Graus: Die meisten Menschen machten einen Bogen um den Kasper. Jugendliche veralberten ihn, Kinder waren nur an den Schaufensterauslagen interessiert und ein „Macho“ spuckte gar vor ihm aus. Selbst die mitleidige Seele, welche ihm zwei Euro schenkte, fragte sich und ihn: „Warum gehst du nicht zur Arge?“

Seltsam: Auch nicht echt, aber viel erfolgreicher

Es kam, wie es kommen musste: Schon in der Weihnachtsausgabe darauf empörte sich eine liebe Mitmenschin über den menschlichen Umgang miteinander. Als „mutigen Selbstversuch“ bezeichnete sie das nachmittägliche Luxusbetteln und war traurig über die vermeintliche Erkenntnis, dass es keinen Respekt mehr vor der Obdachlosigkeit gebe. So ginge man nicht miteinander um, an Weihnachten nicht und auch an keinem andern Tag im Jahr. Wie vielen Leserinnen und Lesern ist es nun so ergangen? Haben die meisten sich ihrer Lachsforelle und ihres Wohlstands ein wenig geschämt und sich vorgenommen, am nächsten Bettler nicht achtlos vorbei zu gehen? Auch die empörte Leserbriefschreiberin weiß, dass hier zwei Konditionierungen miteinander ringen: das Mitleid und der Argwohn. Denn machen wir uns nichts vor: Bettelnde Kinder mögen durch das entsprechende Schema einen unbedingten Reflex auslösen, bettelnde Erwachsene sind soziologisch gesehen eher eine Bedrohung. Ganz urinstinktiv wissen wir um die Nutzlosigkeit nicht arbeitsfähiger Gruppenmitglieder, die auch nicht – wie Kinder halt – für den Fortbestand wichtig sind. Verstehen Sie mich nicht falsch:  Wir leben ja nicht mehr in Höhlen und auch ich halte Demut und Mitleid für ganz wesentliche und unverzichtbare Kulturgüter und möchte auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der die Starken etwa nicht mehr die Schwachen trügen. Aber natürlich angeboren sind diese Regungen nicht.

Solche Artikel können auch ganz andere Reflexe auslösen

Ebenfalls unnatürlich ist die Fremdenangst und der Argwohn. Ein Forscher, dessen Name mir entfallen ist, hat einmal sehr schön gesagt, dass wir mit dem größten Missverständnis geboren werden, nämlich, dass die Welt es gut mit uns meine. Sehr schnell lernten wir jedoch, dass dem nicht so ist. Und zu diesen Erfahrungen gehören auch die ebenfalls in dem erwähnten Leserbrief genannten „organisierten Gruppen“, die aus dem Mitleid der Mitmenschen ein Geschäft machen. Und dieses Wissen, dieser Argwohn kämpft nun in uns mit dem Impuls, den tatsächlich unschuldig in Not Geratenen zu helfen. Insofern geht der Artikel doppelt fehl und ist der Leserbrief gänzlich unangebracht. Bis auf die beiden Betrogenen (oder hat er das Geld zurück gegeben?) reagierten die Mitmenschen nämlich nicht nur nachvollziehbar, sondern vollkommen richtig! Auch die gutherzige Leserin meint ja zu wissen, dass eine Unterscheidung sehr wohl möglich sei. Wer die Not aber nur vorspielt, um die Gutmütigkeit hart arbeitender Menschen auszunutzen, vor dem gehört doch ausgespuckt!? Warum sollte jemand ahnen können, dass hier nur ein gelangweilter und uninspirierter Redakteur auf die seltsame Idee kam, ein schlecht vorbereitetes und noch schlechter durchgeführtes soziologisches Experiment mit ahnungslosen Passanten durchzuführen? Und sollten die etwa freundlicher reagieren, wenn man sie ungefragt zu Versuchskaninchen macht? Was für ein berechnender, aber gleichzeitig auch blöder und überflüssiger Artikel!

3 Responses to Konditionierter Reflex

  1. Mein Vorredner kritisiert einen Zeitungsartikel, den man nicht alle Tage liest, darin liegt sein Reiz. Zu voll sind unsere regionalen Tageszeitungen mit Hofberichterstattung von Redakteuren, die sich den Hintern in Ausschussitzungen platt sitzen. Geschrieben wird nur, was Pressereferenten, Marketingagenturen oder Firmensprecher zum Fraß vorwerfen. Die Wirtschaft jammert über schlechte Umsätze. Die Politik über Haushaltslöcher. Die Bürger meckern über schlecht geräumte Straßen. Da ist ein Artikel, der mich daran erinnert, wie gut es mir eigentlich geht, eine Erlösung. Das hat der Artikel von Florian Grombein geschafft. So war wohl auch sein letzter Satz mit der Lachsforelle intendiert. Wer sich im Winter in eine Fußgängerzone setzt, tut dies gewiss nicht, weil er gerne draußen gammelt. Ich hoffe Sie sind selbst nicht so Reizgesteuert, wie sie es allen Menschen in ihrem Blog unterstellen. Wer den Eindruck vermittelt ein Kopfmensch zu sein, sollte auch die Fähigkeit besitzen, darüber nachzudenken, warum es gut ist einen Obdachlosen vor dem Erfrieren zu retten. Der kann auch umdrehen, seinem Reflexverhalten widerstehen und ein paar Cent entbehren. Alle Bettler als organisierte Abzocker zu deklarieren, grenzt für mich übrigens an Populismus. Stammtischparolen. Da schlummern womöglich noch andere Vorurteile und Propaganda.
    Natürlich gibt der Artikel keine neuen soziologischen Erkentnisse. Da bedurfte es auch nicht der kollagenartigen Zusammenraffung aller Aspekte, die Herr Borchelt jemals über die Soziologie und Neurologie aufgeschnappt hat. Aber wenn schon so, dann empfehle ich dem Blogpräsidenten, sich mal mit der Detroiter Schule zu befassen. Dabei geht es nämlich um Nacherleben als Wissenschaft. Das hat ein Teil der Soziologen und Ethnologen von den Journalisten übernommen. In der heutigen Presse gibt es davon viel zu wenig, wenn man von Walraff absieht. Fazit: Ein gelungener Anfang, Herr Grombein. Weiter so!

    • Matthias Borchelt says:

      Ich freue mich über Ihre Kritik. Wir haben den Artikel ganz sicher unterschiedlich aufgefasst, aber falls Sie meinen, ich hielte es für falsch, einen Obdachlosen vor dem Erfrieren zu retten, dann habe ich mich dramatisch falsch ausgedrückt. Ich bin nicht dieser Meinung. An welcher Stelle hatte ich denn „alle Bettler als organisierte Abzocker deklariert“? Das tat ich nicht. Ich glaube, ich schrieb vielmehr von meiner Überzeugung, dass die Starken die Schwachen tragen sollen. Es ist schlicht ein Gebot der Menschlichkeit, den in Not geratenen zu helfen, selbst denen, die durch eigene Schuld in Not gerieten. So lange die Not nur echt ist. An dem Artikel des Herrn Grombein kritisiere ich, dass er diejenigen als kalt und herzlos vorzuführen gedenkt, die auf seinen Mummenschanz nicht hereingefallen sind. Richtig ist, wir können beide nicht wissen, wie die Beschriebenen auf echte Not reagierten. Aber da wir es nicht wissen und auch Herr Grombein es nicht erhellt, ist der Artikel substanzlos. Dieses nachmittägliche Luxusbetteln mit Wallrafs Selbstversuch(en) zu vergleichen, ehrt Grombein für meine Begriffe nun wirklich zu sehr.

  2. Mich hat der Artikel in den LN auch eher befremdet.
    Mir klang es mehr nach einem Hohelied auf den persönlichen Mut des Autors
    (was, wenn mich Bekannte erkennen??) als nach wirklichem Erkunden über das Schicksal Obdachloser.
    Natürlich kann man mal so ein persönliches Experiment starten, als Mutprobe oder Ähnliches.
    Was aber soll uns so ein Artikel sagen?
    Das es nicht lustig ist in der Kälte?
    Das viele diese Bettelei ablehnen?
    Ist das neu?
    Sein Lachsessen zu Weihnachten klingt für mich nach Hohn.
    Ich schlage dem Autor vor eine Zeitlang vom Hartz4 Satz zu leben.
    Damit kann man wirklich soziologische Erkenntnisse gewinnen. Obdachlose sind immer noch eine wenn auch bedauernswerte Randgruppe.
    Hartz4 Empfänger machen einen immer größeren Anteil an unserer Bevölkerung aus, aber auch diese werden eben so „schief“ angesehen wie Obdachlose.
    Sozialschmarotzer, zu faul, Säufer, vernachlässigen ihre Kinder… so hört man es sogar von Politikern.
    Möge sich der Autor also mal getarnt als Langzeitsarbeitsloser (Das kann JEDEN treffen!) in eine Agentur seines Vertrauens aufmachen, den Antrag durchbringen, und auf Dauer (nicht einen Monat lang!) von dem Geld leben.
    Das funktioniert nämlich sehr gut, 380 Euro als Taschengeld (Miete wird ja gezahlt vom Amt).
    Wie gesagt, einen Monat lang.Aber irgendwann braucht jeder eine neue Hose, einen Tisch, einen Schrank, eine Waschmaschine,…
    Und dann ist mau mit dem Geld.
    Denn niemand kann davon etwas ansparen, und auf Kredit bekommt man nichts. Also muss den Kindern bei der Ernährung etwas weggenommen werden damit sie im Winter nicht frieren.
    Anstatt Sozialschmarotzen ist nach spätestens einem halben Jahr das blanke Überleben angesagt.
    Glauben sie nicht?
    Probieren sie es!
    So eine Reportage hätte dann auch wirklich einen informellen Wert.

    Lieber Gruß

    S. Müller

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