„Angst vor den jungen Leuten?“

Auf diesen Vorgang bezieht sich der Leserbrief

In der Bergedorfer Zeitung vom 20.12.2010 findet sich ein Leserbrief, der sich mit der jüngsten Austrittswelle aus der Schwarzenbeker CDU und der Reaktion des Herrn Innenminister Schlie befasst. Am 16.12. hatte es einen Artikel in der Bergedorfer gegeben, in dem Klaus Schlie zitiert wird, wie er in gewohnt polternder Art über die Austritte und deren unterstellte Drahtzieher Jennrich und Kranacher herzog. Ich meine, Selbstkritik ist für den Mann ja ohnehin ein Fremdwort, aber ich hatte auch bereits hier in diesem Blog das verquere Rechts- und Demokratieverständnis des Innenministers gegeißelt. Herr Schlie erinnert mich fatal an die SED-Bonzen, denen angesichts von Kritik auch nicht mehr einfiel, als den dümmsten Kartoffelgesichtern aus der schläfrig-holsteinischen Provinz. Hätten Letztere gekonnt, was Erstere in Machtmissbrauch verbrachen, hätten sie sicher mehr getan, als dumpf zu blöken: „Wems nicht passt, kann ja nach drüben gehen.“

So ein Mann ist vielseitig verwendbar, nicht nur als Innenminister, ...

Ich entschuldige mich für diesen kleinen Ausflug, aber ein Innenminister, dem angesichts eines Exodus gerade der jüngeren Leute aus einem Ortsverband, nichts Dümmeres (und Gruseligeres) einfällt, als von einem „notwendigen Reinigungsprozess“ zu schwätzen, der ist eindeutig der falsche Mann am falschen Platz. Wenn wir nämlich diesem Leserbrief – und damit komme ich endlich zum Thema – glauben dürfen, dann sind nicht nur mal eben bis zu 30 % der Mitglieder weggelaufen, sondern verstärkt gerade jüngere Mitglieder. Wir dürfen Herrn Schlie also dahingehend verstehen, dass die CDU Schwarzenbek sich von Jugend und Mittelalter gereinigt hat und nunmehr als Konkurrenz zu der Partei DIE GRAUEN aufzutreten gedenkt? Angesichts der Aussprüche des schwergewichtigen Möllner Berufspolitikers hielte ich DAS GRAUEN dann auch für einen passenden Namen für die anstehende Neugründung. Denn das ist doch wohl klar, dass diese grauen Panther, die sich auch noch freuen, wenn ihnen die Jungtiere abhanden kommen, mit der CDU und deren erst 2009 postuliertem Verständnis in Bezug auf Jugend und Demokratie nichts mehr am Hut haben.

„Die CDU lebt auch von den Ideen und Fragen, der Beharrlichkeit und Ungeduld, der Begeisterung und dem persönlichen Einsatz junger Menschen. Für die Demokratie und die dem Grundgesetz zugrunde liegenden Wertentscheidungen muss jede Generation neu gewonnen werden. Für die CDU ist klar: Wir wollen die Beteiligungsmöglichkeiten von Jugendlichen stärken und ihnen die Chance geben, ihre Ideen einzubringen.“

...sondern auch als Generalsekretär.

Das Putzige an dieser stalinistisch anmutenden Ausgrenzerei ist doch, dass dieser politische Wadenbeißer von Menschen redet, die eben noch seine Parteifreunde waren und diese Partei – teilweise nach langer Zugehörigkeit – nicht etwa aus programmatischen Gründen verließen, sondern erklärtermaßen wegen des selbstherrlich-autoritären Führungsgehabes und des Ersetzens natürlicher Autorität durch Herrschaftswissen. So habe ich zumindest die öffentlichen Erklärungen verstanden und auch der erwähnte Leserbrief stößt in diese Wunde, wenn er gar von einer „Fraktions-Diktatur“ spricht und davon, dass „brav“ die Hand gehoben wird, „nur wenn der Vorsitzende dazu auffordert.“ Okay, wir begreifen, dass es sich eventuell um eine Minderheitsmeinung handelt, aber 30 % sind schon eine qualifizierte Minderheit, das muss ich sagen. Und wenn man dann davon ausgeht, dass die Mehrheit ohnehin meistens schweigsam ist, dann ist dieser Massenaustritt nicht anders als dramatisch zu nennen. Dieser „Reinigungsprozess“ entspricht einem Schleudergang, an dessen Ende ein blitzsauberes Ergebnis zu erkennen ist: Der alte Lappen ist so fadenscheinig, da hilft auch das jetzige Flickwerk nicht mehr.

Dass es sich – ohne die persönliche Integrität und/oder Eignung der betreffenden Herren bewerten zu wollen – bei dem neuen Vorstand der CDU Schwarzenbek um eine Bankrotterklärung der ehemaligen Volkspartei handelt, legt spätestens die durch den Leserbriefschreiber öffentlich gemachte Aufgabenstellung der Findungskommission nahe. Danach sollte die Arbeitsgruppe einen „jungen, dynamischen Vorstand“ aufstellen. Nun mag ja sein, dass die dabei herausgekommenen agilen Senioren diesem Profil entsprechen, weil sie sogar noch weit unter dem sonstigen Altersdurchschnitt liegen. Das aber machte die CDU zwar durchaus sympathisch – wer hört schon noch auf die Älteren? – jedoch kaum zukunftsfähig. Herrn Schlie ist so eine CDU aber vielleicht ganz recht. So könnte er mit seinen geradezu jugendlich anmutenden 56 Lenzen und seiner brachialen Überzeugungskraft eine noch größere Zukunft bei den Christgerontokraten vor sich haben. Aus biologischen Gründen sollte er sich jedoch sputen.

4 Responses to „Angst vor den jungen Leuten?“

  1. Tom Sacks says:

    Zunächst: Verwechseln Sie Herrn Schlie mit Herrn Gröhe (Generalsekretär der CDU)? Das wäre unfair: So intelligent wie Herr Schlie ist Herr Gröhe sicherlich (gut, dazu muss man nicht Nobel-Preis-verdächtig sein). Zum zweiten beträgt der Verlust im Schwarzenbeker Ortsverband der CDU zwischen 30 und 35 %. Das ist für einen Fraktionsvorsitzenden doch eine schöne Erfolgsgeschichte. Berechnung: Vor der Austrittswelle hatte die CDU hier ca. 80 Mitglieder, jetzt sind es noch 53 (waren es jedenfalls angeblich am 14. Dezember): 53 von 80 sind noch 66,25 %. Mit einer solchen Bilanz kann Herr Delfs auch in den Aufsichtsrat der HSH Nordbank – dort sucht man bestimmt noch Koryphäen wie ihn. Notfalls würde es aber schon reichen, wenn er sich von seiner Frau Märchen vorlesen lässt. Für die Stadt wäre es jedenfalls ein Riesengewinn, wenn er statt Selbstüberschätzung mal Demut an den Tag legen würde. Dass Herr Schlie Innenminister wurde (was der Leserbriefschreiber verzweifelt zur Kenntnis genommen hat), ist auch erklärlich: Herr Carstensen kann wirkliche – nicht nur körperliche – Schwergewichte um sich nicht brauchen, denn dann sähe er noch armseliger aus als ohnehin. Ein mit Herrn Schlie gleichwertiger Konkurrent um den Titel des größten Ausbläsers im Kabinett ist allerdings auch schnell gefunden: Der Finanzminister kämpft äußerst verbissen und ehrgeizig um diesen Titel. Motto: Zu allem fähig, zu nichts zu gebrauchen.

    • Matthias Borchelt says:

      Ach, das ist Herr Gröhe? 😉

      Aber leider haben Sie recht, das alte Sprichwort stimmt: Starke umgeben sich mit Starken, Schwache mit Schwachen. Und ‚Demut‘ ist eine Eigenschaft, die heute nicht mehr angesagt ist. Ich bin wie Sie der Ansicht, dass ein solches Ausbluten, welches dann auch noch expressis verbis an ihm festgemacht wird, mehr als ein guter Grund für einen Rückzug ins Private wäre. Auch dieses Festhalten an der Macht erinnert an die SED-Bonzen. Im Grunde ist Herr Delfs aber schon eine tragische Figur, da er den Zeitpunkt für einen ehrenvollen Rückzug vor zwei Jahren verpasst hat. Nun wird er irgendwann – hoffentlich sehr bald! – schmachvoll abdanken müssen und fast ausnahmslos alle werden trotz seiner jahrzehntelangen ehrenamtlichen Arbeit nur einen Gedanken kennen: Endlich!

  2. Eckhard Schäfer says:

    Erfreulich ist die Tatsache, dass es offensichtlich noch Menschen mit gesunden Reflexen gibt, die bereit sind, die Methoden dieses Innenministers und seiner Palladine öffentlich infrage zu stellen.

    Nun mag sich manch einer fragen, wie konnte Schlie in ein solches Amt gelangen? Die Antworten sind so banal wie seine Phrasen. Der Mann hat so ziemlich alles was er darstellt seiner Partei zu verdanken. Dafür war er immer bereit, auf dem schmalen Grat zwischen Machtfülle und Preisgabe zur Lächerlichkeit zu wandeln.

    Reinigungsprozesse sind es, die seine politische Vita stets begleitet haben (Maria Meyer zu Natrup, Calle von Bismarck, Anke Eymer). Ob eine Notwendigkeit dafür bestand, sei einmal dahingestellt, aber in der Art der Durchführung zutiefst verwerflich. Letztendlich alle darauf ausgerichtet, politische Karrieren zu verhindern, zu vernichten oder zu beenden.
    Und wie das so ist im Leben, wer Reinigungsarbeiten durchführen lässt, bekommt irgendwann die Rechnung präsentiert. Da kann die Anzahlung zunächst im Rahmen der Parteiräson durch die Schaffung eines zusätzlichen Staatssekretärsposten erfolgen. Die Schlussrechnung ersetzt das aber nicht.

    Eines machen die Vorgänge innerhalb der Schwarzenbeker CDU jedenfalls deutlich, Schlies Null-Toleranz-Gehabe beschränkt sich eben nicht nur auf Kriminelle.
    Soll heißen Personelle Säuberung durch Reinigungsakt.

    • Matthias Borchelt says:

      Da muss man nichts weiter sagen. Ich finde den Mann auch gruselig. Allerdings ist er nur das Geschöpf der Umstände, die ihn schufen. Es ist wie bei Mary Shelley: Das wahre Monster ist Dr. Frankenstein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: