Meinung macht Zeitung

Links: Die nackte Wahrheit

Nicht nur an ihren Taten, auch an Worten mag man sie erkennen. Wenn zum Beispiel die Lübecker Nachrichten heute über die Ermittlungen gegen den nächsten Polizeichef berichten, – dieses Mal ist es nach dem Geesthachter Henry Holst der Lauenburger Gerd Grundmann – dann heißt es dort, auch dieser wäre „von Kollegen angeschwärzt“ worden, mindestens stünden Kollegen „im Verdacht“. Nun bin ich der letzte, der etwas gegen pointiert vorgetragene Meinungen hat. Aber sollten diese nicht dem Meinungsteil, dem Kommentar vorbehalten bleiben? Okay, der Artikel ist namentlich gekennzeichnet und gibt insofern auch nur die Meinung des Timo Jann bekannt, aber machen wir uns doch nichts vor: Die Leserinnen und Leser unterstellen redaktionelle Prüfung und überparteiliche, sachliche Information. Und da bringt eine solche Wortwahl den oder die verdächtigten Anschwärzer in Misskredit, denn so etwas tut man nicht, das wissen wir seit Kindertagen: Petzen gilt als hinterrücks und feige und verdächtig ist nun ‚mal verdächtig.

Müssen wir aber nicht vielmehr hoffen, dass immer wieder jemand so etwas tut? Es mag ja sein, dass es nicht immer aus den edelsten Motiven erfolgt, aber das ist zweitrangig. Auch würde man eine Auseinandersetzung mit offenem Visier bevorzugen, aber was mit nicht-anonymen  „Anschwärzern“ geschieht, kann man auch nachlesen: Der betreffende Polizist wurde ebenfalls versetzt. Wenn ich dem Artikel folge, war er es nicht einmal allein, sondern eventuell nur Sprachrohr für „weitere Kollegen“. Wie auch immer, der Artikel des Herrn Jann insinuiert, das sowohl das Äußern von Verdachtsmomenten, als auch die Aufnahme von Ermittlungen ehrenrührig wären. Vielleicht wird das landläufig auch so falsch gesehen, nur sollte eine Zeitung, sollte ein Redakteur es besser wissen und dieses Vorurteil nicht noch befeuern. Ermittlungen sind zunächst einmal auch eine Chance, Verdachtsmomente aufzuklären und etwaige Vorwürfe aus der Welt zu schaffen. Das klingt jetzt naiver, als ich bin. Natürlich ist mir klar, dass immer etwas hängen bleibt. Aber noch einmal: Diesen unseligen Aspekt hat die Presse nicht noch zu befördern.

Eine ähnliche Form sprachlicher Verunreinigung bzw. Meinungsmache ist in der heutigen Bergedorfer Zeitung mitzulesen. Dort wird die Frage behandelt, ob die in Schwarzenbek jüngst sanierte Schmiedestraße nun eine Durchgangs- oder Anliegerstraße ist. Die Stadt Schwarzenbek wünscht sich wegen der ungleich höheren Beteiligung der Anlieger an den Sanierungskosten natürlich letzteres. Also ließ man sich ein entsprechendes Gutachten schreiben. Anstatt das nun als Verschwendung von Steuergeldern für Gefälligkeitsgutachten zu geißeln, wird durch die Sprachwahl der Eindruck erweckt, als hätte diese Gutachtermeinung so etwas wie amtlichen Charakter. Im Auftrag der Stadt habe der fachanwaltliche Experte nun „festgestellt“, dass es sich um eine Anliegerstraße handele. Unkommentiert wird dann auch noch der Schwarzenbeker Amtsleiter Warmer zitiert, dass man nun „Rechtssicherheit“ hergestellt habe. Das ist vom Fachterminus richtig – Warmer weiß, was er sagt – bedeutet aber lediglich, dass sich die Stadt nunmehr entschieden hat, wie sie das handhaben will. Vorher war man sich nicht sicher, jetzt ist man es. Selbstverständlich steht der Klageweg frei und das scheint man in der Verwaltung auch zu erwarten. Wenn ich dann auch noch lese, dass der eigene Gutachter darauf hinweist, dass die Entscheidung „letztlich vor Ort besser getroffen werden könne“, dann ahne ich, wie solche Klagen ausgehen werden.

Aber dazu vielleicht später einmal mehr, hier und heute geht es um die Sprache. Im Artikel der BZ wird dann auch noch erwähnt, dass es den einen Anlieger gar nicht so hart treffe und der nächste die bis zu 54.000€ hohe Beteiligung „von der Steuer absetzen“ könne. Nun, wenn man das schon so erwähnt und damit den Eindruck erweckt, dass alles nur halb so schlimm sei (außerdem wird die Rechnung nicht mehr vor Weihnachten versendet), dann darf man gerne auch dazu sagen, dass für eine volle Absetzbarkeit mindestens das doppelte an Steuerlast und das Vierfache an zu Versteuerndem vorhanden sein müsste. Und von diesem zu versteuerndem Einkommen existiert der Mensch im Allgemeinen. Ich bin der Letzte, der sich zum Anwalt von Selbstständigen aufschwingen möchte – dazu benötigen die mich auch nicht – aber dieser Kleine-Moritz-Gedanke, wonach alle Selbstständigen reich wären, weil sie ja ohnehin alles von der Steuer absetzen könnten, der nervt! Was nützte eine Absetzbarkeit, wenn sie zum Beispiel gar keine Steuern zahlten, weil sie keinen Gewinn machten? Wird dann die Gebühr erlassen?

Und selbst wenn der Betroffene nun Dagobert Duck persönlich wäre, was bedeutete denn „von der Steuer absetzen“ noch? Ganz genau, dann wird die Gebühr mangels entsprechender Steuereinnahme von diesem Entenhausener eben vom nächsten Entenhausener übernommen, der das Pech hat, Steuern zu bezahlen. Beispielsweise von den vielen Angestellten, die zu ihrem Leidwesen die Steuern, die sie gerne hinterzögen, erst gar nicht in die Hand bekommen. Feiner raus wäre nur die Stadt, weil sie den Anteil der Anwohner direkt erhält und die Gesamtverschuldung des Landes – wie allzu häufig bewiesen – einen feuchten Dreck schert. Aber wer ist eigentlich „die Stadt“? Und einen noch, dann bin ich still: Selbst wenn es diesen Enterich in Schwarzenbek gäbe, dann würde der erst recht klagen und nach meiner Einschätzung auch gewinnen. Und dann zahlten die Nichtabsetzer von Steuern indirekt neben der Sanierung der Schmiedestraße auch noch die Gutachter- und Gerichtskosten.

 

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