Picture it! – Teil 2

Von Ruben Ballutschinski

Ein Jahrhundertprojekt?

Okay, Sie werden die Geschichte von Shmuel wohl nicht glauben. Sie spielt ja auch in Chelm und Chelm ist in etwa so bekannt wie Schwarzenbek oder Schilda. Sie werden sagen, dass so blöd allein keiner sein kann, um so einen Quatsch zu machen. Das mag sein, das mag stimmen, denn wer kennt sich nicht mit Autos aus in diesem Land und würde sich so leicht ein X für ein U machen lassen? Zumal Autos tausend mal am Tag gekauft und verkauft werden, eine Investition, die fast jeder einmal machen oder durchrechnen muss – selbst wenn es beim Durchrechnen bleibt –  weshalb es sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Mensch so blöd wie Shmuel sein kann. Als ich aber am letzten Samstag (27.11.) das Schlichtungsgespräch über Stuttgart 21 verfolgte, da musste ich wieder an Shmuel und seine Karre denken.

Die Schrate spielen Eisenbahn

Bis zu diesem Samstag hatte ich den Streit um diesen Bahnhof nicht so recht verfolgt und nicht verstanden. Zumal mir ein Kopfbahnhof weniger leistungsfähig erschien, als ein Durchgangsbahnhof. Die parallele Verarbeitung erschien und erscheint mir auch heute noch, als die schnellere und leistungsfähigere als eine serielle. Der neue Bahnhof in Stuttgart soll aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof machen. Das schien mir praktisch zu sein und daher war ich gespannt  auf die Präsentation der technischen Leistungsfähigkeit des milliardenschweren neuen Bahnhofes. Die Deutsche Bahn war u. a. vertreten durch seinen technischen Vorstand Herrn Dr. Ing. Kefer und den Koryphäen, die den Fahrplan ausgetüftelt hatten. Auf der Gegenseite hockten Schrate und ein ehemaliger Waldorfschüler.

"Wenn das stimmt, was Sie sagen, dass das sozusagen die notwendige Folge, nicht wahr, dieser Konzeption ist, dann ist ja die Konsequenz aus dieser Überlegung, dass diese Seite hier (zeigt auf die Vertreter der Deutschen Bahn) offensichtlichen Quatsch plant."

Nun will ich sie nicht langweilen mit technischen Details, Doppelbelegungen und Durchrutschzeiten. Kokolores. Aber auf wen würden sie wetten? Wer macht die bessere Präsentation? Ein vier Milliarden Euro teurer, fünfzehn Jahre lang geplanter und parallel arbeitender Bahnhof gegenüber einem hundertjährigen Kopfbahnhof? Wie schwer sollte es den Ingenieuren des neuen Bahnhofs fallen, dem Publikum die bessere Leistungsfähigkeit und verbesserte Qualität des Fahrplans zu vermitteln? Für ein paar tausend Millionen Euro Steuergelder sollte das nicht schwer fallen, nicht wahr? Nebbich. Am Ende dieses Samstages wusste ich, dass die Schrate und der Waldorfschüler Palmer gewonnen hatten. Herr Kefer bot am Ende seines Vortrages Palmer einen Job bei der Bahn an. Er konzedierte, dass die von Palmer bezeichneten und demonstrierten Schwachstellen erst noch simuliert werden müssten, und Heiner Geißler musste wortwörtlich sowohl konstatieren, dass die Herren Ingenieure da anscheinend einen ziemlichen Quatsch geplant hätten, als auch, wenn das alles so stimme, was der Herr Palmer da gesagt hätte, dass sie dann ja wohl keinen neuen Bahnhof bauen müssten. Ja, wenn das so einfach wäre, Herr Dr. Geißler – aber wem sage ich das? Nebenbei fragte ich mich ob der Herr Palmer für seine Widerlegung des Konzeptes S21 und seine Ausarbeitung von K21 auch fünfzehn Jahre gebraucht hat?

Aber wie kompliziert es ist, dass verdeutlichte mir die Baden Württembergische Umwelt- und Verkehrsministerin Tanja Gönner: Frau Gönner – Juristin –  rechnete vor, dass sie ja schon 600 Millionen Euros ausgegeben hätte und ein Stopp von Stuttgart 21 wahrscheinlich 1 Milliarde kosten würde, die sie dann ja für gar nichts ausgegeben hätte. Die Konsequenz die daraus folgt? Man gibt lieber 4,6 Milliarden Euros aus und hat einen Bahnhof, der nicht mehr kann, als der Alte und den sie schon für Null € hatte. Aha. Frau Gönner muss aus Chelm kommen oder mit Cousin Shmuel verwandt sein.

Andererseits: Glauben sie wirklich, dass die Herren Ingenieure, Gönners, Pfisters und Mappus so bescheuert sind, dass sie Milliarden für Nüscht ausgeben? Glauben sie wirklich, die machen das für Nullo? Nein, auch wenn ich mir bei Tanja Gönner nicht sicher bin, befürchte ich, dass es nur darum geht, Aufträge zu verteilen und Innenstadtgrundstücke in Stuttgart zu verticken. Denn der Herr Dr. Geißler hat es ja gesagt: der Mappus is’ a Käpsele.  Die Chelmer oder Schildbürger und Schwarzenbeker? Das sind wir. Nebbich.

4 Responses to Picture it! – Teil 2

  1. Chloe says:

    *LOL* – schöner Artikel, den ich erst heute entdeckt habe 🙂
    Um Ihre Fragen zu beantworten: Gegeben, dass in der Stuttgarter Gegend der ehemalige Waldorfschüler seit langem wohlbekannt ist, hätte ich nicht auf die Bahn, sondern auf die Schrate gewettet. Und die Widerlegung des S21-Konzepts in der am 27. vorgestellten Form hat eine Woche gebraucht – erst eine Woche davor hat die Bahn es nämlich den Schraten zur Verfügung gestellt :))

  2. r.ballutschinski says:

    Hallo Chloe.

    Freut mich, dass Sie Ihren Humor anscheinend nicht verloren haben. Der Herr Palmer war mir bis dahin unbekannt gewesen. Mappus scheint nicht der einzige „Käpsele“ im Land zu sein 😉

    Aber wenn es genau eine Woche dauert, um sich für ein Spitzenamt bei der Bahn zu qualifizieren, wird mir jetzt auch klar warum die S-Bahn in Berlin so funktioniert wie sie funktioniert. Mich gruselt’s gerade wieder …

    Grüße aus Berlin

    R.Ballutschinski

    • Chloe says:

      Hallo Herr Ballutschinski,

      es bleibt einem ja nichts mehr anderes übrig als Galgenhumor, bei all dem Wahnsinn, der im Musterländle in letzter Zeit abläuft. Jetzt hat die Landesregierung die Dreistigkeit, den Leuten zu erzählen, sie seien überzeugt, dass das Projekt ohne Nachbesserungen den Stresstest bestehen werde. Die Bahn baut ein Technikgebäude genau dahin, wo sie nachher vermutlich das neunte und zehnte Gleis bauen müssen, und währenddessen wollen Privatbahnen den alten Bahnhof aufkaufen und erhalten… eine Irrenanstalt ist das hier.

      Die Schlichtungsgespräche waren eine einzige Blamage für die Landesregierung und die Bahn. Wie kann man sich vor einem Millionenpublikum so schlecht verkaufen. Neben der letzten, die Sie gesehen haben, waren auch die ersten beiden besonders schlimm. Nachzusehen auf dem youtube-Kanal oder der Webseite von Phönix-TV.

      Grüße aus Stuttgart,
      Chloe

  3. Chloe says:

    Falls Sie das noch verfolgen, Herr Ballutschinksi, hier ist die Folgesendung des Schilda-Streichs:
    http://www.fluegel.tv/beitrag/1595

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