Blutgeld

In diesen Tagen wird in den kommunalen Altpapiersammlungen die Expansion des Labors Dr. Kramer in Geesthacht abgefeiert. Mit einer Verdoppelung der Fläche geschieht dort „der größte Anbau in der Geschichte des Labors“. 5.000 m² Fläche, 415 Mitarbeiter, mehr als 20.000 Ärzte und 200 Kliniken als feste Partner, Kurierfahrten von 120.000 km täglich und mehr als 2.000 unterschiedliche Analysen im Leistungskatalog. Nun, wir lernten ja schon anlässlich des China-Geschäftes in Schwarzenbek: Was groß ist, ist gut. Aber ist das wirklich so einfach?

Trickreicher Umweg

Warum wird eigentlich in den Artikeln, die einem lang und breit nicht nur die Kennzahlen um die Ohren hauen, sondern auch Arbeitsabläufe und Zusammenhänge erklären, mit keinem Wort erwähnt, worin die Erfolgsgeschichte begründet liegt? Wie kommt es denn, dass sich die Ärzte und Kliniken in so gewaltiger Zahl in der „Laborärztlichen Arbeitsgemeinschaft für Diagnostik und Rationalisierung (LADR)“ zusammenschließen? Und wie kommt es, dass ein Labor aus Geesthacht bis weit in den Süden der Republik Nachfrage und Kunden findet? Das lassen die Artikel offen und das muss erstaunen, denn sehr kompliziert ist die Recherche nicht. Geben Sie doch einfach mal den Namen der LADR in Google ein! Sie stoßen bereits auf der zweiten Seite auf z.B. diesen Artikel im Spiegel.

Zugegeben, die Ermittlungen und dieser Bericht sind 8 Jahre alt, aber das grundsätzliche Thema ist noch immer virulent. Daran konnten weder die Novelle der Gebührenordnung für Ärzte, noch die Laborreform vom 01.07.1999 etwas ändern. Worum geht es dabei? Die reinen Laborkosten, zumal in großen, automatisierten Betrieben stellen bei den meisten Untersuchungen nur einen Bruchteil der Kosten dar, die dann tatsächlich gegenüber den Krankenkassen und privaten Versicherern abgerechnet werden. „Dadurch entsteht für den Arzt eine Gewinnspanne von mehreren hundert Prozent.“ Zu diesem Ergebnis kommt die Rechtsanwältin Astrid Müller in einem Aufsatz über Arztabrechnungsbetrug.  Hierin schreibt sie weiter:

„Streng formal genommen rechnet der Arzt hier eine Leistung beim Patienten bzw. dessen Krankenversicherung ab, zu deren Abrechnung er nach der GOÄ nicht berechtigt ist, weil er das vorgeschriebene Verfahren der persönlichen Anwesenheit nicht eingehalten hat. Mithin erlangt er die Bezahlung für diese Leistung zu Unrecht.“

Putzigerweise verteidigt sie dieses Abrechnungsverhalten im weiteren Verlauf ihres Aufsatzes, da der Patient doch eine vollwertige Leistung erhalte und die reine Laboruntersuchung tatsächlich auch nur einen Bruchteil der Zeit erfordere. Schließlich werde die Probe in der Praxis entnommen und auch wieder entgegengenommen und die Würdigung des Ergebnisses erfolge auch durch den Arzt. Frau Müller ärgert sich insbesondere darüber, dass die Ärzte, die von Staatsanwälten besucht würden, lieber Bußgelder zahlten, als zu prozessieren, denn letzteres würde natürlich auch noch ein paar Anwälte durchfüttern können:

„Bedauerlicherweise ist jedoch festzustellen, dass die von den Staatsanwaltschaften erzeugte Angst dazu geführt hat, dass bislang noch kein einziger Fall dieses sogenannten Abrechnungsbetruges einer gerichtlichen Prüfung und Entscheidung zugeführt wurde.“

Privatkassen bekagen Zwei-Klassen-Medizin

Seit der Laborreform erhalten die kassenärztlichen Vereinigungen nur noch eine Leistungspauschale je Versichertem, was vielleicht erklärt, dass die durchschnittliche Laboruntersuchung pro Kassenpatient derzeit mit 26 € vergütet wird und die pro Privatpatient mit 129 €. Auch ist es so, dass so genannte Basislaborleistungen, die in einer Laborgemeinschaft nach fachlicher Weisung unter der Aufsicht eines anderen Arztes erbracht werden, als eigene Leistung gelten können. Und daher boomen natürlich diese Laborgemeinschaften und es kann mir keiner erzählen, dass es im Sinne der Erfinder war, dass sich Zigtausende von Ärzten zusammenschließen, um immer noch eine „eigene“ Leistung zu erbringen. Wenn man bedenkt, dass es gut 130.000 niedergelassene Ärzte gibt und die Laborgemeinschaft Kramer weder die einzige, noch die größte Laborgemeinschaft ist, dann kann man sich schon wundern, dass 80 % aller labortechnischen Untersuchungen „in ärztlichen Eigenlabors“ (laut diesem Focus-Artikel) durchgeführt werden. Das sind dann wohl genau diese Laborgemeinschaften.

Dem Piepmatz ist egal, welche Schlange ihn frisst

Natürlich gilt das nicht für das LADR, aber ich hatte mal Kontakt zu einem anderen großen norddeutschen Labor und dort erzählte man mir freimütig nicht nur von genau dieser Abrechnungspraxis, sondern auch, warum sich nun auch für den eigentlichen Laborbetrieb ein Vorteil ergibt. Denn wir erinnern uns, dass die Laborgemeinschaft den Kolleg/innen nur den Selbstkostenpreis berechnet. Dafür sind die nun aber so dankbar, dass jede Spezialuntersuchung dann auch an den freundlichen Kollegen geht. Selbstverständlich liegt dort die Gewinnspanne je Untersuchung noch viel höher. Und alle sind es zufrieden, insbesondere wenn die Presse dann auch noch warme Worte für die Verbreitung der Geschäftsidee findet.

2 Responses to Blutgeld

  1. Das ist ja mal wieder ein Ding…
    Habe ich das richtig verstanden das jeder Arzt der das Labor Kramer
    nutzt im Prinzip, sagen wir, nicht so ganz korrekt abrechnet?
    Denn zu Kramer geht ja eigentlich alles.
    Damit wäre ja jeder Arzt irgendwie Helfershelfer….. oder?

    • Matthias Borchelt says:

      Die helfershelfern sich gegenseitig. 😉

      Nein. Um das klar zu machen: Die Vergabe von Basislaborleistungen an eine Laborgemeinschaft steht der Abrechnung als Eigenleistung nicht im Wege. Solches Vorgehen, bei dem der Arzt tatsächlich ein Vielfaches abrechnet, ist legal, mithin also korrekt. Die Tatsache, dass hier 20.000 Ärzte eine Gemeinschaft bilden und derart vorgehen stellt für mich dennoch eine Perversion dar. Der einzelne Arzt hat mit der Probe doch gar nichts mehr zu tun. Hier wird für meine Begriffe eine faktische Fremdleistung als eigene abgerechnet und die im Grunde sehr günstige Untersuchung künstlich zu Lasten der Versichertengemeinschaft verteuert. Vermutlich legal, legitim aus meiner Sicht nicht.

      Illegal würde es bei Untersuchungen, die tatsächlich die persönliche Anwesenheit vorschreiben. Auch der Aspekt der Vorteilsannahme wäre zu überprüfen. Wenn es sich bei den Laborgemeinschaften nur um Alibiveranstaltungen handelte und in Wahrheit das räumlich und sachlich kaum oder gar nicht zu trennende Fremdlabor dahinter steckte und die Basislaboruntersuchungen nur zu dem Zweck zum Selbstkostenpreis erbrächte, um die lukrativen Spezialaufträge zu erhalten, dann müsste man wohl von zwei, drei Straftatbeständen ausgehen. Die meisten Ärzte, denen aufs Dach gestiegen wird, scheinen genauere Prüfungen jedenfalls vermeiden zu wollen und zahlen lieber Bußgelder, als Prozesse zu riskieren.

      Kann ja sein, dass es juristisch nichts zu bemängeln gibt. Aber warum soll eine Geschäftsidee, die zu Lasten der Versichertengemeinschaft große Gewinne realisiert, in der Presse auch noch gefeiert werden? Ich fürchte, dass es sich bei dieser Art Labore nicht um Wohltäter der Gesellschaft, sondern vielmehr um Parasiten am Wirtstier der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung handelt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: