Schwarzenbek 21?

Sind wir auch das Volk?

Eine der interessanten Facetten an den Protesten in der Spätzlemetropole besteht ohne Zweifel in der Zusammensetzung der Demonstranten, oder vielmehr in der Rezeption derselben. Wie als Beweis für die Richtigkeit und Wichtigkeit des Anliegens muss neben der puren Anzahl, immer auch und eigentlich noch viel eher der Umstand herhalten, dass hier der natürliche Feind aller Unruhe und Unordnung selbst auf die Straße geht. Wenn selbst die Spießbürger zu Spontis werden, dann steht fest, wer hier im Unrecht ist.

Ich könnte fast wetten, dass der Schwarzenbeker Spießbürger in der Mehrzahl die schwäbischen Randalierer innerlich unterstützt. Und das, obwohl das Projekt doch alle demokratischen Instanzen durchlaufen hat und die Bürgerinnen und Bürger jede Menge Zeit und Gelegenheit hatten, ihren Protest zu formulieren. Ich bin ebenso sicher, dass der gemeine Swattenbeeker kein Verständnis aufbrächte, falls sich bei Baubeginn des Kiefaber-Projektes am Alten Markt irgendwelche linken Spinner am Maibaum anketteten. Das mag ja auch weniger zu erwarten sein, aber was wäre, wenn bei der zu erwartenden Grundsteinlegung für das chinesische Handelszentrum Waldorf-Absolventen Menschenrechte tanzten? Würde das goutiert?

Noam Chomsky

Ich denke, eher auch nicht. Bei allen Demonstrationen bzw. Auflehnungen gegen die Obrigkeit kommt es also darauf an, wie viele sich auflehnen, wer sich auflehnt und nicht selten auch darauf, wie die Sache ausgeht. Und da viel zu viele Leute Letzteres erst einmal abwarten wollen, sind viel zu viele Demonstrationen viel zu klein, um etwas bewirken zu können. Ich will nun gar nicht fordern, dass man gefälligst zu jeder Demo hinrennen soll, deren Anliegen mit dem eigenen weitgehend übereinstimmt (obwohl es zu wünschen ist). Aber man sollte gefälligst Respekt vor jedem Mitbürger haben, der seinen Hintern auf die Straße bewegt, um „Ja“ oder auch „Nein“ zu irgendetwas zu sagen! Solange gewaltlos demonstriert wird, muss man doch dankbar sein, wenn und dass Menschen für ihre abweichende Meinung auch einstehen. Jeder und jedem sollte doch bewusst sein, dass morgen etwas eintreten könnte, was sie oder ihn selbst auf die Straße triebe. Jede Demonstration ist doch auch immer eine Demonstration für Demokratie und Meinungsfreiheit. Ja, selbst wenn die ekelhafte Brut der Neonazis auf der Straße marschiert, führt sie sich im Grunde ad absurdum. Um mit Noam Chomsky zu sprechen: „“If we don’t believe in freedom of expression for people we despise, we don’t believe in it at all“ („Wenn wir nicht auch an die Meinungsfreiheit für Menschen glauben, welche wir verachten, so glauben wir überhaupt nicht daran“).

Bei den beiden ist es leicht, aber Stauffenberg wurde von der Obrigkeit natürlich auch als Terrorist angesehen.

Wenn wir uns an die Gegenwehr zum Gymnasiumsneubau erinnern wollen, dann wird noch deutlicher, wie wichtig so ein „Stuttgart 21“ auch für Schwarzenbek hätte sein können. Hier wurden aber die Projektgegner als zukunfts-, bildungs- und jugendfeindlich verunglimpft und selbst die situierten und respektablen Mitglieder des Bürgervereins, die u.a. 2.000 Unterschriften dagegen sammelten, wurden vom Bürgermeister höchstselbst als kleingläubige Provinzler lächerlich gemacht. Ich werde nicht vergessen, wie er triumphierend auf einem Neujahrsempfang nicht nur behauptete, Schwarzenbek würde durch den Neubau reicher, sondern im gleichen Atemzug „diese Unterschriftensammler“ für ihre Fortschrittsfeindlichkeit desavouierte. Ich werde nicht müde, daran zu erinnern, denn wie sich herausstellte, hatten diese Hinterwäldler recht. Und weil der Bürgermeister für eine heillose Verschuldung sorgte, müssen wir uns heute an die Chinesen verkaufen.

Schade, dass der Bürgerverein damals nicht pfeifend und johlend durch die Straßen lief, denn manchmal hilft nur das. Zwar hat auch das Gymnasium alle Instanzen durchlaufen, nur erinnere ich eben auch sehr gut, wie sowohl auf Einwohnerversammlungen, als auch in Einwohnerfragstunden Bürgerinnen und Bürger einfach abgewürgt wurden bzw. deren Fragen eben einfach gar nicht, oder auch munter falsch beantwortet wurden. Alle Unterlagen wurden über Gebühr und viel zu lange geheim gehalten, die Rechte der Stadtverordneten beschnitten, Gutachten nach Gefälligkeit erstellt. Mitbestimmungsrechte wurden übergangen und im Sonderausschuss für den Neubau saßen qua eigener Definition Laien, die selbst mit einfachen Fragen überfordert waren.

Schon wieder durch's Dorf? Schweinerei!

Warum rühre ich nun wieder in diesem Vergangenheitsquark herum? Nun, liebe Leute, weil es sich immer wiederholt! Jetzt steht Zhong „Außen Hui“ Zhu vor der Tür und will wieder einen enormen Grundstein legen. Wie kann man also gut sein lassen, wenn solche Friedfertigkeit nur immer wieder dafür benutzt wird, die nächste Sauerei durchzuziehen? Aber selbst wenn sie für den orientalischen Prachtbau sind, behalten Sie doch bitte im Auge, dass der Bürgermeister und die versammelte Politik uns beim Gymnasium derart in die Grütze ritten, dass sie Besserung geloben mussten, Transparenzversprechen abgaben und endlich auch die intelligenten Bürgerinnen und Bürger beteiligen wollten (bislang waren es offenbar nur die weniger intelligenten). Lassen Sie also bitte die Möglichkeit zu, dass die Gegner auch dieses Mal recht behalten könnten, selbst wenn es nur wenige und Ihnen von Person her herzlich unsympathische sein sollten.

Und noch einmal: Freuen Sie sich, dass es Schwarzenbeker/innen gibt, die sich so sehr mit der Stadt identifizieren, dass sie sich in das Geschehen einmischen! Nur weil Sie zufällig mit der Obrigkeit stimmen, heißt das weder, dass Sie mehr recht, noch dass Sie mehr Rechte haben!

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