Life On Mars

Vom Mars könnte der kleine Moritz Jürgensen nicht beeindruckter sein. So ungefähr alles in China hat gigantische Ausmaße und wie wir alle wissen, zählt auch nur die Größe. Ein wenig erstaunt bin ich, wenn ich heute wie zum Gegenbeweis meiner Statements nicht nur von tollen Reformen in China lese. So wurden nach Angaben eines Professors Hong Wang die Sozialsysteme renoviert und ein Arbeitsschutzgesetz erlassen, welches jedem Chinesen einen Mindestlohn von 1.000 Yuan zuweise. Die Wochenarbeitszeit sei auf 40 Stunden reduziert und eine gesetzliche Krankenversicherung eingeführt worden.

Moderne Pfefferkuchenhäuser

 

Professor Ping Pong vom Konfuzius-Institut in Trau-Ciao Whem hat jetzt auch noch mit dem schnellsten Rechner der Welt ziemlich präzise errechnet, dass bei 950.000.000 Werktätigen dabei ein Mindestlohn von ziemlich genau 950.000.000.000 ¥ pro Monat und damit 11.400.000.000.000 ¥ oder umgerechnet 1.714.285.714.285 US-$ pro Jahr anfallen. Verteilt auf 1.324.655.000 Einwohner ergibt das ein Mindesteinkommen pro Einwohner von fast 1.300 US-$ im Jahr und damit liegt China mehr als dreieinhalbfach über der offiziellen Armutsgrenze von 1 Dollar pro Tag.

Der schnellste Computer der Welt stammt derzeit tatsächlich aus China. Seine Name ist Programm: Nebulae. Undurchsichtig bleibt ebenfalls, wie eigentlich solche Bilder entstehen:

Soziale Erfolge in China: Ohne Mindestlohn wären diese Menschen bestimmt schon tot.

Der Professor Wang (oder ist es die BZ?) räumt ein, dass das Lohngefälle sehr groß und das Durchschnittseinkommen in den Städten deutlich höher sei, als das angebliche Mindesteinkommen. Außerdem gäbe es eine sehr große Mittelschicht und auch eine sehr große Anzahl von Superreichen. Deshalb ist China wohl auch das einzige Land der Welt, in dem das Gesamteinkommen der Bevölkerung noch deutlich über dem Bruttoinlandsprodukt liegt. Und daher muss ein Gutteil der Gehälter in Kopfschmerztabletten ausgezahlt werden, weshalb die Tablettiermaschinen aus Schwarzenbek so begehrt sind.

Bitte glauben Sie meinem erfundenen Professor kein Wort! Aber wer sagt Ihnen, dass die Zahlen und Behauptungen des anderen Professors zutreffen? Ist der Friedensnobelpreisträger Xiaobo nicht u.a. deswegen verhaftet und verurteilt worden, weil er die Diskrepanz zwischen Schein und Sein anprangerte?

„Freilich sind solche Fortschritte bis heute zu großen Teilen auf das Papier beschränkt, auf dem sie stehen; wir haben Gesetze, aber keine gesetzeskonforme Herrschaft, wir haben eine Verfassung, aber keine entsprechende Regierung. (…) Der machthabende Block hält weiterhin daran fest, seine autoritäre Herrschaft zu verteidigen. Er verweigert eine politische Wende, was geradewegs zur heute endemischen Beamten-Korruption führt, die die Schaffung einer legitimierten Herrschaft erschwert, die Rechte der Menschen verschüttet, alle Ethik zerstört, die Gesellschaft polarisiert und die Wirtschaft in abnormer Weise entwickelt.“

Geben Sie also bitte einen Dreck auf Zahlen, die Sie nicht überprüfen können, sondern verlassen Sie sich auf Ihren gesunden Menschenverstand. Bedenken Sie, dass es beispielsweise auch ein Eingabe- und Beschwerderecht in China gibt und wer es wahrnimmt, wird mit Glück nur mund-tot gemacht.

Im Gegensatz zum Landesvater macht die Landeshauptstadt nicht Männchen, wenn China pfeift

Lesen wir einfach aufmerksam die Artikel und konzentrieren uns nicht ausschließlich auf die Menschenrechte, obwohl – wie auch Herr Jürgensen erwähnt – z.B. Kiel und Lübeck „Städtepartnerschaften in Hinblick auf die Menschenrechtssituation abgelehnt hätten“ und dass, obwohl China doch auch in dieser Frage gewalttätige Fortschritte gemacht habe. Realisieren wir, dass sich viele chinesische Städte „vergeblich um Partnerschaften bemühen“ und es daher gar nicht so verwunderlich ist, wenn die hundertfach größere Stadt Haimen sich mit der Klitsche Schwarzenbek begnügen muss. Nehmen wir außerdem zur Kenntnis, dass auch gemäß Hong Wang chinesische Unternehmen vorerst nicht in Deutschland investieren werden: „Eigene Produktionsstandorte seien erst in fünf bis zehn Jahren realistisch“.

Außen-Hui Zhu wäre demnach die ganz große Ausnahme und wenn das auch alle überrascht, unseren städtischen Wirtschaftsförderer erstaunt es nicht. Der meint, dass viele Firmen „mit ihren Hightech-Produkten nach Deutschland und dort für den europäischen Markt produzieren“ wollen. Hightech (gesprochen: Hai-Teck) erinnert lautmalerisch an Heimteck(stilien) und vielleicht verwechselt Thiede da etwas? Und meint er wirklich: „produzieren“?

Pfeffersäcke? Mag sein, aber nicht um jeden Preis.

Vielleicht ist das ja der Grund, warum wir in Deutschland im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern (und laut Prof. Hong Kong auch im Gegensatz zu China!) keinen gesetzlichen Mindestlohn eingeführt haben. Dadurch könnten die chinesischen Leibeigenen künftig auch in Deutschland zu Hungerlöhnen arbeiten. Wie anders wären Lowtechgüter in Deutschland zu konkurrenzfähigen Preisen zu produzieren? Oder meint er tatsächlich Hightech? Das aber galt doch bislang als letzter Pfeiler deutschen Wirtschaftens!? Soll das jetzt auch noch ausverkauft werden?

Ruppert, Thiede & Co. werden das Kind schon schaukeln, den Drachen schon zähmen, meinen Sie? Wer das glaubt, der glaubt auch an Leben auf dem Mars, so wie der kleine Moritz an die Wohlfahrt in China.

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