Parallelgesellschaft

Wenn die Lübecker Nachrichten heute im redaktionellen Teil davon schreibt, dass der Bau des Handelszentrums aus Fernost in Schwarzenbek „durchweg“ begrüßt werde, dann frage ich mich ernsthaft, wie und wo die recherchieren und für wie repräsentativ die das dann halten. Der Artikel steht dann auch noch unter der Überschrift „Schwarzenbek bejubelt China-Millionen“. Da hilft es auch nicht mehr viel, dass der Verfasser des Artikels in der Meinungsrubrik den aktuellen Schuldenstand anmahnt.

Wir erinnern uns, dass der Vorsitzende des Finanzausschusses, der unverwüstliche Herr Moldenhauer den „Müll“ des Herrn Marohn sowieso nicht mehr liest und die meisten Leser nur die Überschriften und die Bilder anschauen. Und da schauen einen eben sechs Menschen an, die das „durchweg“ positiv finden. Und auch seinen eigenen Kommentar beginnt der Redakteur mit der Aussage, nun habe es Schwarzenbek „allen Skeptikern gezeigt“. Ich bin auch so einer, Herr Marohn, und mir hat Schwarzenbek nur gezeigt, dass Politiker die Außenpolitik gerne benutzen, um von inneren Missständen abzulenken. Und dafür scheint so ziemlich jedes Mittel recht. Was funktioniert, ist gut.

Es funktioniert ja auch. Selbst Herr Marohn faselt von zu erwartenden Gewerbesteuer-Millionen, die aus dem „Investitionsabkommen“ fließen sollen. Vielleicht sollte die Zeitung mal mit Leuten sprechen, die sich mit diesen Handelszentren auskennen. Die könnten berichten, dass die Gewerbesteuereinnahmen aus Distributionszentren verschwindend gering sind. Denn was passiert da? Da präsentieren chinesische Heimtextilfirmen ihren Warenkorb als Ausstellungsstücke. Ein zumeist chinesischer Angestellter mit kargem Lohn keilt dann Aufträge und unterzeichnet entsprechende Verträge mit „Disponenten aus ganz Europa“ (Ruppert). Und diese Aufträge, mithin der Umsatz, der tatsächlich haufenweise Umsatzsteuer brächte, werden dann fern von Schwarzenbek abgewickelt.

Die rechtlich selbstständige Firma in Schwarzenbek ist dabei nur Vermittler, deren Umsatz beschränkt sich auf die Löhne der Angestellten und etwaige Provisionen. Und so blöd ist der Chinese dann auch nicht: Die fetten Provisionen werden, wenn überhaupt, in China ausgezahlt. Wo soll also die Gewerbesteuer herkommen? Aus dem Hotel? Nun, das wird ja wohl eher kein teures 6-Sterne-Hotel werden und, wenn die nur halb so geschäftstüchtig sind, wie man hört, vermutlich knapp über dem Selbstkostenpreis arbeiten, denn man will ja vorrangig den potentiellen Auftraggeber in gute Laune versetzen. Was läuft also Bejubelnswertes ab?

Die Firma Fette expandiert, erhält aber eben nicht wie unlängst versprochen wenigstens die vorhandenen Arbeitsplätze, sondern tauscht sie gegen Billiglohnplätze in Fernost ein. Das ist nun mal so. Da wird über Jahrzehnte davon profitiert, dass man in Deutschland rundum hervorragende Bedingungen hatte, und zwar in Bezug auf Innovationsgeist, Maschinenbaukunst und nicht zuletzt Spitzenarbeitskräfte, was sich u.a. in konkurrenzlosen Lohnstückkosten und weltweit einmaliger Qualität auswirkte. Nicht zu vergessen eine boomende Pharma-Industrie, welche von idiotisch überzogenen Arzneimittelpreisen profitierte und daher solventer Auftraggeber für Tablettiermaschinen war. Nun mag ja sein, dass man ein schweres Jahr hatte, in schweren Zeiten beweist sich bekanntlich echte Partnerschaft. Und die bewies die Firma Fette wie die meisten anderen Firmen: Die Leute werden entlassen und es wird nach billigeren Lösungen gesucht.

Nun verkauft Fette einen Teil seiner Liegenschaften an einen chinesischen Unternehmer. Der Erlös geht an die Firma Fette. Der Chinese errichtet aller Voraussicht nach ein Vertriebsbüro für chinesische Firmen. Gut, nicht nur eines, sondern meinetwegen sogar 300. Pro Büro werden nun meinetwegen 3 Angestellte benötigt: Ein Vertriebler, eine Bürokraft und meinetwegen ein ZBV’ler. Wie man weiß, beschäftigen chinesische Firmen im Ausland bevorzugt einheimische Angestellte. So wie chinesische Firmen für alle möglichen Dienstleistungen und Werkverträge auch niemals andere chinesische Firmen, sondern bevorzugt einheimische Firmen beauftragen. Glaubt das jemand? Nein. Es werden also überwiegend Arbeitsplätze für Chinesen entstehen. Und der Bau? Lesen Sie die Zeitungen und erkundigen Sie sich, welche Firmen noch zum Imperium des großen Schmu gehören! Genau: Baufirmen. So weit möglich, werden die Bauaufträge also auch nicht hier vergeben. Allerdings habe ich mir sagen lassen, dass man den notwendigen Beton wohl eher nicht aus China heranschaffen wird…

Nun will ich nicht so tun, als wenn nicht doch der eine oder andere Euro in Schwarzenbek hängen bliebe. Aber rechnen Sie bitte einmal zusammen, was wir bereits ausgegeben haben! Und erkläre mir mal einer, was für ein Investitionsabkommen dort unterzeichnet werden musste! Da steht doch nicht nur drin, dass der nette China-Mann seine herrlichen China-Millionen aus seinem überreichen China-Füllhorn über Swattenbeek an der Knatter auszukippen gedenkt. Da verpflichten wir uns doch auch zu irgend etwas und ich wette, dass sich das nicht darin erschöpft, für zügige Bebauungspläne zu sorgen. Aber alles egal, jetzt wird erst einmal lange gejubelt. Eventuell reicht es sogar bis zur nächsten Wahl, denn so ein Investitionsversprechen, das ist wie Kaugummi. Das kann man lange ziehen. Darin haben unsere Helden Erfahrung.

Haben Sie es gemerkt: Ein ganzer China-Artikel ohne Menschenrechte. Na ja, bis eben halt. Dafür aber ohne Bilder. Hier muss man lesen, sorry.

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