Auschwitz Polka

Von Ruben Ballutschinski

(Foto: Bundesarchiv)

Jetzt verstehe ich endlich, was sich hinter der Schlagzeile verbarg, die auch mir in den letzten Tagen begegnet war und die mich nicht weiter interessiert hatte. Nicht aus Ignoranz. Die Schlagzeile habe ich in Erinnerung mit: Überlebender der Shoa tanzt vor Freude überlebt zu haben, in einem Youtube-Clip. Das gönnte ich ihm und hoffte, dass er hoffentlich schon öfter und früher ein Freudentänzchen aufgeführt hat. Nun lese ich, alles sei in Auschwitz und anderen KZs gefilmt worden und mit Gloria Gaynors „I Will Survive“ unterlegt worden. Die Frage, die sich mir sofort aufdrängte, ist die: „Warum auf den Gräbern der Opfer getanzt wird und nicht auf dem Grab Hitlers?“ Ach ja, das gibt es ja nicht. Auch nicht mehr den Führerbunker oder sein Domizil am Obersalzberg*. Alles wegplaniert und abgetragen, um Nazis keine Wallfahrtsstätte zu bieten. Aber deswegen Auschwitz als Tanzpalast (Nebenbei bemerkt, merke ich an dieser Stelle, dass die Wortspiele, die mir angesichts des Videos einfallen, widerlich und geschmacklos sind)?

Von Weizsäcker

Vielleicht hätte die frühe Bundesrepublik selbstbewusster mit den Machtsymbolen der Naziherrschaft umgehen sollen oder ihre Freude über die Befreiung von den Nazis mit Denkmälern, Ehrenplätzen oder Nationalfeiertagen stärker ausdrücken sollen? Die DDR regelte es ganz simpel: Nazis waren verboten oder im Westen. Aber die Befreiung wurde anscheinend West wie Ost als Niederlage empfunden und das deutsche Volk musste tatsächlich bis 2006 und auf die euphorisierende Kraft des Fußballs warten, um nicht mehr ausschließlich als humorloses und charakterloses Tätervolk erkannt zu werden. Übrigens brauchten die „Täter“ vierzig Jahre, um zu begreifen, welches Glück ihnen widerfahren war. Erst 1985 wagte von Weizsäcker als Bundespräsident die Klarstellung, dass der 8.Mai ein Tag der Befreiung war. Und selbst vierzig Jahre nach der Befreiung war es immer noch ein Wagnis, das Kind beim Namen zu nennen. Von Weizsäcker erfuhr nicht nur Zuspruch. Denn Befreiung heißt auch, dass sich die Deutschen schuldig gemacht hatten, alleine nicht in der Lage waren, sich zu befreien, Hilfe brauchten und diese Hilfe auch aus der Sowjetunion Stalins gekommen war. Von denen also, vor denen der deutsche Konservativismus, nicht zuletzt der vom 20. Juli, das deutsche Volk bewahren wollte bzw. seine Pfründe verteidigen, als er, seine Ideale verratend, Hitler und den Nazis 1933 die Macht geschenkt hatte. Das nennt man dann wohl einen Treppenwitz.

Da fällt mir wieder auf, dass wir einen Gedenktag haben. Einen des Scheiterns. Den 20. Juli. Aber der 8.Mai? Der war mal Feiertag gewesen. Aber nur in der DDR und wurde 1967 als Ausgleich entsorgt, als die SED-Führung den Ostermontag abgeschafft hat. Der Tag der Befreiung war wohl auch bei unseren Brüdern und Schwestern im roten Osten nicht allzu beliebt gewesen? Lieber erhielt man sich den Tag der Republik und der Arbeit. Nebenbei bemerkt: Das Ostern und der 8 Mai zusammen abgeschafft wurden, birgt schon eine schöne Ironie wegen der Wiederauferstehungsthematik. Als die Roten den christlichen Feiertag abschafften, mussten sie etwas dafür „opfern“. Wie schwer das Opfer gefallen sein mag, soll jeder selbst beurteilen.

Foto: Laup (siehe Link)

Auch in unserer jüngsten Geschichte verzichteten wir darauf, den 9. November zum Feiertag zu erheben, aus Respekt wegen der zum Teil traumatischen Geschehnisse, die sich an einem 9.11. in der deutschen Geschichte ereignet hatten. Aber als Untergangsdatum des Kaiserreiches und als Höhepunkt der friedlichen Revolution mit dem Mauerfall erscheint er mir ein geeigneter Tag zu sein, um zu feiern und zu trauern. Der dritte Oktober dagegen ist so geschmacksneutral wie eine Formalie und eine peinliche Verlegenheitslösung. Als ob z. B. an einem 3.10. in den Jahren von 1933 bis 1945 kein Jude vergast worden wäre? Es gibt keinen Tag in der deutschen Geschichte, der „unbelastet“ und zum unbeschwerten Abtanzen einlädt. Die Endlösung, Auschwitz war ein 24/7-365-Tage Betrieb. Es gibt kein schwarz-rot-goldenes Freudenflaggenmeer, ohne das nicht auch die Erinnerung aufkeimt, welcher Wahnsinn nationalem Besoffensein entspringen kann. Trotz eines Sommermärchens. Oder wollte jemand das Fußballfest als Lackmustest der Deutschen verstanden wissen, dass sich ein solcher Wahnsinn auf deutschem Boden nie wiederholen könnte? Ich nicht. Ein solches Zertifikat würde ich keinem Land ausstellen. Keinem einzigen. Als Mitglied eines Tätervolkes bin ich da vorsichtig geworden. Ein Feiertag, ein Fest der Deutschen, wird immer ein Spagat sein, zwischen den vom und am deutschen Volk begangenen Verbrechen und den glücklichen, den Revolutions- und/oder Befreiungstagen.

Es stellt sich aber immer noch die Frage: Wo und wann kann in diesem Land unbeschwert getanzt und gefeiert werden, weil die Nazis den Krieg, weil es Überlebende des Wahnsinns gibt und wir den Glauben und den blinden Gehorsam an die Nazis verloren haben? Letzteres ist zwar unangenehm, traut man aber Ian Kershaws Hitler Biografie, dann muss man Hitler auch als Politiker begreifen, der eine größere Massenhysterie ausgelöst hat, als Obama. 1937 war Hitler wohl Europas beliebtester Politiker, dem in Deutschland messianische Züge zugesprochen wurden. Peinlich zwar, aber gottlob vorbei. Darf man das feiern? Unbedingt. Aber nicht in Auschwitz. Gilt das auch für die Opfer? Für mich: zweifellos. Die Überlebenden des Holocaust dürfen machen, was sie wollen? Natürlich nicht. Würde ein Überlebender einen SS-Mann erschießen, würde er hoffentlich verhaftet werden, tanzt ein Überlebender des Holocaust auf dem Boden einer Mordmaschine, die wahrscheinlich eine Million seiner Leidensgenossen erfolgreich getötet hat, dann darf ich das geschmacklos und befremdlich finden. Verhaften würde ich ihn deswegen nicht, aber für meschugge halten schon.

Auschwitz, so wie es heute erhalten ist, ist eines der wichtigsten Monumente gegen die Nazis. Dort zu tanzen, ist das Dämlichste, was ich mir vorstellen kann. Die Nazis hassen Auschwitz. Sie fahren nach Auschwitz oder in andere Vernichtungslager und argumentieren frech vor Verbrennungsöfen, dass mit diesen Anlagen niemals sechs Millionen Menschen hätten getötet werden können. Das ist nicht nur und ausschließlich widerlich. Das ist auch beruhigend. Denn der Stachel der Schuld muss bei diesen Menschen so tief sitzen, dass sie lieber die Wahrheit, dass Offensichtliche wegleugnen oder weglügen wollen, um was zu sein? Ein besserer Mensch! Kein Nazi käme auf die Idee die Opferzahl von sechs Millionen von sich aus nach oben zu schrauben bzw. mit acht oder zehn Millionen zu protzen oder gar damit anzugeben, dass die Nazis zwar den Krieg verloren, aber die Juden erfolgreich ausgerottet hätten. Täten sie das, ich würde das Video richtig und gut finden. Aber das tun sie nicht. Sie leugnen Auschwitz und am liebsten würden sie Auschwitz wegtanzen, banalisieren und auch auf youtube als Funspot hochladen.

Wenn ein Überlebender des Holocaust sich freut, dann gönne ich ihm das. Wenn er tanzt, dann gönne ich ihm das von Herzen, aber Auschwitz ist nicht nur ein Opferdenkmal, es ist vor allem ein Schandmal für die Täter. Es ist der Beweis eines millionenfachen Mordes, der hoffentlich noch in tausend Jahren die Täter von einst zweifellos überführt und ihnen das Lügenmaul stopft.

Wir haben mögliche Hitler-Wallfahrtsorte planiert, um den Nazis keine Gelegenheit zu geben, ihrem „Führer“ zu gedenken, wir sind zu Recht nie auf die Idee gekommen, die Stätten unserer Schuld mit dem Bagger aus der Geschichte zu schieben. Aber niemand hat daran gedacht, eine Stätte oder einen Tag zu schaffen, auf oder an dem wir auf dem Grab des tausendjährigen Reiches tanzen und jubeln dürfen und bitteschön auch sollen.

So kann es eben geschehen, dass Vollidioten mit Judenstern vor den Zügen von Eichmann abhotten, unter „Arbeit macht frei“ wegchillen und vor den Verbrennungsöfen grooven und ich mir eingestehen muss, dass Opfer auch das Recht haben, doof und kritisierbar zu sein, Freunde von Opfern sowieso und dass ich es begrüßen würde, den 8.Mai schnell wieder als Feiertag einzuführen. An dem Tag hat ganz Europa gejubelt – ich hoffe, wir fangen bald damit an, damit niemand mehr auf die Idee kommt vor oder in KZs zu tanzen.

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