Schlussstrich

Wenn jetzt schon Juden vor Auschwitz’ Öfen tanzen, dann kann ich das vielleicht auch tun? Aber will ich das überhaupt?

Auf keinen Fall will ich so weit gehen und der australischen „Aktionskünstlerin“ Jane Korman unterstellen, ihren Vater Adolek Kohn, einen Überlebenden der Shoa, zum Tabubruch überredet zu haben, nur um ihren eigenen Bekanntheitsgrad von nahezu Null auf gefühlte Hundert in 4:19 Minuten zu bringen. Im Gegenteil, ich könnte verstehen, wenn man den Alten in Auschwitz mit Kind und Kindeskindern tanzen ließe, nicht nur um das eigene Überleben zu feiern, sondern auch die Angehörigen von dem niederdrückenden Ballast der Davongekommenen zu befreien. Ich empfand es schon immer als furchtbar, dass und wie viele Überlebende offenbar zeitlebens mit einem rational ganz und gar unangebrachten Schuldgefühl rangen, womit sie es nun verdient hätten zu leben, während so viele dieses Glück nicht gehabt hätten. Ein furchtbares Erbe des nationalsozialistischen Grauens, welches dieses beständig fortsetzte.

Solchem Albtraum solcherart tanzend zu begegnen, halte ich für absolut legitim. Aber muss es ein Tanz auf diesen Gräbern sein und muss dieser auch auf YouTube weltöffentlichkeitswirksam geschehen? Andererseits: Darf ich das überhaupt kritisieren? Ach ja, ich finde schon und fände es auch seltsam, sollte Jane Korman nicht auch mit Kritik gerechnet und sich diese sogar gewünscht haben. Insofern könnte man meinen, das Video dieses Danse macabre vor den Vernichtungsöfen erfüllte seinen guten Zweck und dieser heiligte dann auch mindestens die Mittel. Kann es also sein, dass sich jetzt wieder nur die Betroffenheitsbesessenen moralisch entsetzt fühlen? Ist es nicht vermessen, absurd, ja geradezu widerlich, wenn sich die nur betroffen Fühlenden des Ortes Auschwitz et al. moralisch bemächtigten, während die tatsächlich Betroffenen eben genau dort tanzen wollen?

Nach Auschwitz noch Gedichte schreiben?

Ich bin weit davon entfernt, mich wie Herr Wolffsohn zu ereifern, aber auch ich kann nicht umhin, diesen Tanz abgeschmackt zu finden. Nachdem ich erstmals im aktuellen SPIEGEL darüber las, musste ich zunächst schmunzeln, dass Herr Broder ein zustimmendes Fazit zog, denn ich war und bin davon überzeugt, dass dieses anders ausgefallen wäre, wenn der „Survivor“ Adolek Kohn nicht beteiligt gewesen wäre. Was wäre wohl Broders und auch das Urteil anderer gewesen, wenn dort irgendjemand einen solchen Tanz ausgeführt hätte? Hätte die banale und seit Jahrzehnten abgefrühstückte Botschaft des Videos („Art must go on even after Auschwitz“) auch  eine nicht-jüdische Tanztruppe in den Augen der Broders nicht nur entschuldigt, sondern sogar geadelt?

Ich fürchte, das ist nicht der Fall und genau deswegen halte ich die Aktion auch für anmaßend. Allerdings scheint darin die Essenz zu liegen. Das Video, der Tanz, die ganze Aktion ist PC, weil sie eben von Opfern ausgehe.  Siehe hierzu einen Kommentar der AP-Redakteurin Vanessa Gera:

One thing is clear even 65 years after World War II: a playful approach to Holocaust memory is always bound to offend someone, and it’s really only acceptable coming from survivors or other Jews intending no offense.

Noch weiter geht Doris Akrap von der taz:

Nein, es braucht überhaupt keine Legitimation für das, was Adolek Kohn und seine Familie gemacht haben. Holocaust-Überlebende dürfen an den Orten, an denen ihre Familien, ihre Nachbarn, ihre Freunde und Bekannte ermordet wurden und sie selbst überlebten, machen was sie wollen. Ja, wenn sie – die Überlebenden – es wollen würden, dürfte man die KZ-Gedenkstätten sogar schließen.

Adolek Kohn soll selbstverständlich tanzen und auch seine Familie soll sich des Lebens freuen und meinethalben das auch im Museum Auschwitz tun und tun dürfen, wenn sie es denn für richtig erachten. Sich aber dabei zu filmen, das Ganze mit einer Disco-Nummer aus den Siebzigern zu unterlegen und die Aktion um die virtuelle Welt zu senden, halte ich nicht nur für degoutant und pietätlos, sondern eben auch für eine gefährliche Botschaft. Mag ja sein, dass es auch nicht richtig ist, Auschwitz in eine so weihevolle, wie tödliche Starre zu versetzen, die das Leben auch weiterhin erstickt. Mag auch sein, dass das Video eine Diskussion in Gang setzt, die eben auch dieser gedanklichen Starre neues Leben einhaucht, beim Gedenken an und über die Shoa die (Über-)Lebenden nicht zu vergessen. Dennoch meine ich, dass es mehr schadet, als nutzt. Kein Nazi, kein Ewiggestriger, kein heutiger Antisemit wird sich ärgern, weil Adolek Kohn und die seinen nicht nur davongekommen sind, sondern auch noch die Frechheit besitzen, sich des Lebens zu freuen Vielmehr wird denen Vorschub geleistet, die nach wie vor leugnen und bagatellisieren und damit komme ich zum Anfang zurück:

Wer wollte das kritisieren?

Wenn jetzt schon Juden vor Auschwitz’ Öfen tanzen, dann können wir spätestens jetzt das Tor zu Auschwitz wie das Kapitel schließen: Tanzen macht frei? Ich provoziere jetzt auch einmal: Adolek macht frei? Sein Tanz könnte  schlichteren Geistern geeignet scheinen, uns von der Last der Vergangenheit zu befreien. Wenn er als unmittelbar und seine Nachkommen als mittelbar Betroffene in Auschwitz tanzen wollen und können, dann muss ich mich als Jahrgang 1965, dann müssen meine Kinder aus den Achtzigern und Neunzigern und erst recht nicht mehr deren spätere Nachkommen sich mit diesem Gedenken belasten? Wir dürfen das jetzt getrost vergessen, endlich einen Schlussstrich ziehen? Nein, dürfen wir natürlich nicht. Will ich auch nicht.

In einem Interview sagt Korman, wenn sie irgendwo auf der Straße, irgendwo in Israel getanzt hätten, „wäre das lange nicht so wirkungsvoll gewesen“ (Interview im dradio). Nun, es gibt durchaus noch mehr Möglichkeiten. Ich wünschte mir, die Familie Kohn wäre auf irgendeinen Nazi-Friedhof gegangen und hätte dort auf den Gräbern der Täter getanzt. Das hätte mein er Ansicht nach wesentlich besser als Provokation getaugt und vor allen Dingen weniger Entsetzen und vielleicht auch Leid bei denen ausgelöst, die eher unverdächtig sind, zu verdrängen, zu vergessen. Um das lange Geschwafel mit einem kurzen Satz abzuschließen: Ich kann das Kunstwerk nur als läppisch erkennen und provoziert hätte mich eher ein tanzender Nazi in Auschwitz. Adolek Kohn macht mich nur traurig und die Aktion von Jane Korman erscheint mir mindestens hilflos, wenn nicht fragwürdig.

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