Babylon

oder: Der Sündenfall der Musikindustrie

Wann immer mich ein schlechtes Gewissen plagt, weil ich etwa verbotenerweise eine CD für einen Freund kopiere, denke ich schnell an David Gray und ich kann beruhigt in meinem Tun fortfahren.

A Century Ends

Nein, im Ernst, ich kopiere natürlich keine CD’s, das ist doch nicht nur illegal, sondern schädigt die Musikindustrie bzw. uns alle, denn dann ist kein Geld mehr da, um Talente zu entdecken und zu fördern. Und das wollen wir doch alle. Wer möchte denn fast ausschließlich geklonte Superstars, zum Verwechseln ähnliche Popschwuchteln, Alben zu 19,90 € mit gerade mal ein oder zwei eingängigen Songs und spätestens ab dem zweiten Album immer nur Wiederholungen und mehr Geld für Werbung und gleichgeschaltete Radioprogramme, als für neue Künstler ausgeben?

„Shine“ vom ersten Album „A Century Ends“

Flesh

Sehen Sie, bzw- hören Sie, das will doch keiner. Und was das mit David Gray zu tun hat, fragen Sie? Nun, wenn Sie das fragen, dann sollten Sie einmal reinhören. Und wenn Ihnen das gefällt, was Sie da hören, wenn Sie gar teilen, dass David Gray

„mit einer charakteristischen, an Dylan erinnernden, ruhigen und etwas rauen Stimme Geschichten über die Liebe und das Leben in einer schlichten poetischen Schönheit erzählt, wie das lange niemandem mehr gelungen ist“

„alles auf das Wesentliche konzentriert, und es ihm, wie nur den ganz Großen der Branche gelingt, trotz – bzw. wegen minimalistischer Arrangements ein Höchstmaß an emotionaler Dichte zu erreichen“

Der Titelsong vom zweiten Album „Flesh“

Wenn Sie schließlich sogar zu folgender Ansicht gelangen sollten:

„Mit David Gray gibt es noch Hoffnung, das spürt man deutlich und bezieht den Gedanken sowohl auf sich selbst, als auch auf ihn und auf die Betrachtung des Musikmarkts im allgemeinen. Eine große Entdeckung!“

Alle 3 Zitate: © Michael Frost / 10.03.2001

White Ladder

… dann sollten Sie noch schnell wissen, dass das Album „White Ladder“, aus dem unser Song hier stammt, Grays viertes Album war, mit geringsten Mitteln im eigenen Wohnzimmer hergestellt, nachdem er von einem so genannten Major-Label gefeuert worden war. Wer die ersten drei Alben von David Gray kennt, weiß spätestens mit dieser Episode, dass die Musikindustrie von Vielem Ahnung haben mag, von Musik haben sie keine. Tja, geschah diesem Label ganz recht, dass Gray dann vom unerkannten Genie zu einem der erfolgreichsten britischen Songwriter wurde.

„This Year’s Love“ vom vierten Album „White Ladder“

A New Day At Midnight

Die Story ist aber keineswegs zu Ende. Durch den großen Erfolg von „White Ladder“ befindet Gray sich im Stadium relativer Unabhängigkeit und kann sein nächstes Album frei von Zwängen, dafür mit teurem Equipment produzieren. Er tut das auf eine lässige Art und zusammen mit seinen beiden bewährten, multi-instrumentalen Begleitern Clune und Polson entsteht ein geschliffenes, brillantes Album, ein würdiger Nachfolger. Viele Jünger aus seiner mittlerweile enorm gewachsenen Gemeinde sehen zwar bereits in diesem Album einen kommerziellen Sündenfall, ich kann das jedoch nicht finden. Sicher fehlt es den Stücken bereits ein wenig an den Ecken und Kanten, aber doch wohl eher deswegen, weil aus dem Angry Young Man ein professioneller Vollblutmusiker geworden ist, der aber eben (noch) nicht seine Authentizität verloren hat.

„The Other Side“ vom fünften Album „A New Day At Midnight“

Life In Slow Motion

Jetzt ist Gray auch international ein Star, wenn auch noch immer in Deutschland eher einem eingeweihten Kreis bekannt. Allerdings beginnt nun auch der kommerzielle Druck und die weiter oben beschriebenen Einflüsse zu wirken. Jedenfalls geht Gray zum ersten Mal eine Liaison mit einem Produzenten ein und dieser Marius De Vries sorgt denn auch dafür, dass nun geklotzt statt gekleckert wird:

„Vorbei sind die Zeiten der spartanischen Arrangements, als Gray vorwiegend die Gitarre zupfte. Heute sitzt der Mann mit der Riesenstimme meist am Konzertflügel, drumherum wallt ein schmuckes Gewand aus Streichern, Bläsern und allerlei Geklingel. Mal schillert es grell, mal ist es nur lind getupft; den famosen Songs aber lässt es immer genügend Luft zum Atmen.“

© kulturnews.de

„The One I Love“ vom aktuellen Album „Life In Slow Motion“

Ich finde nicht. Das Album hat man sich gerade wegen des Bombastes bald überhört. Alles, was vorher eine Gänsehaut auslösen konnte, ist jetzt völlig überladen damit. So vollends kommerzialisiert, ist es überhaupt kein Wunder, dass das Album sich hervorragend verkauft – nur nicht in der ursprünglichen Gemeinde.  😉   Nachdem aber „die Industrie“ wieder die gierigen Griffel im Spiel hat, ist es eben doch nur ein Abziehbild David Grays geworden, fast schon ins Groteske verzerrt. Nun, der Mann ist erst 40 und hat sich mehr als einmal verändert. Mal sehen, ob es ihm erneut gelingt.

Die Dietrich

Der Regisseur Billy Wilder hat einmal gesagt, wahre Schönheit bedürfe der Markanz und sei nur einen Hauch vom Grotesken entfernt. Am Beispiel Marlene Dietrichs beschrieb er deren (chirurgisch veränderte) Wangenpartie als dieses irritierende Element. Wären die Wangenknochen nur noch eine Winzigkeit weiter verschoben, hätte die Frau eine Fratze gehabt. So aber strahlte sie diese elegante, kühne Unnahbarkeit aus, diese frostige Schönheit, dieses irisierende Moment. Mag also sein, dass Grays jüngstes Album einfach nur schön ist, für mich ist es dann aber bereits zu schön, zu süß, zu klebrig.

Sell Sell Sell

Sell Sell Sell

Derart zugekleistert öffne ich meine Ohren dann gerne mit Grays sicher am wenigsten irgend einem Mainstream angepassten Werk. Zweifellos ein Übergang vom unglücklich verliebten, poetischen Folksänger zum souveränen Singer-Songwriter, aber dennoch mit eigener Berechtigung dank seiner ursprünglichen Kraft. Hier spürt man hin und wieder Grays Wurzeln in einer Punk-Band und hier spürt man auch den Zorn des ewig unverstandenen Genies. Sein Platten-Label nahm – wie oben gesagt – dieses Album zum Anlass, ihn zu feuern und es klingt, als habe David Gray das bereits bei den Aufnahmen geahnt. Leider habe ich den Titelsong nicht auf YouTube gefunden, aber auch das hier ausgewählte, abschliessende Stück des Albums zeigt die ursprüngliche, fast rohe, aber dennoch so zärtliche Kraft dieses singenden Poeten. Hiermit endete diese Episode. Danach erstand der Künstler in neuem Gewand.

„Gutter Full Of Rain“ vom dritten Album „Sell Sell Sell“

One Response to Babylon

  1. Pingback: Flucht ist (k)ein Verbrechen!!! « Laila's Musik Blog

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