Wackelpudding

Von Ruben Ballutschinski

Hier geht es zum virtuellen Herrn Bendit

Den, den ich suche, den gibt es nicht. Ich habe aufgegeben, ihn zu finden. Mein Gefühl sagte mir bei meinem ersten Besuch auf seiner Webseite: „Das sieht aus wie Wackelpudding.“ 

Fidel CastroChe Guevara

Offenkundig ist DCB nur noch grün, obwohl er längst nicht mehr grün hinter den Ohren ist. Rot ist er anscheinend gar nicht mehr. Muss er auch nicht. Bei meinem zweiten Besuch auf seiner Website übersprang ich das Intro nicht mehr und, unterlegt mit Easy-Listening-Rock’n-Roll, sah ich viele Fotos und Collagen von DCB als Hosenmatz, Bürgerschreck bis hin zum Europapolitiker. Von vielen kleinen Schwarzweiß-Portraits zu großen Schwarzweiß-Fotos, vom frechen Dany zum dicken Dany und schließlich ganz dick – und da hatte ich es dann auch dicke: Dany in groß im Tête-à-tête mit der Achtundsechziger-Ikone Dutschke. Fidel und Ché einmal anders. Mich gruselte.

Nicht wegen der Fotos an sich, sondern wegen ihrer aufdringlichen Präsentation, wegen des permanenten Herzeigens seiner eigenen Visage und am besten gleich neben anderen bekannten Nasen. „Der hat es aber nötiger als der Faktenheini vom Focus“, dachte ich mir und unterbrach das Intro und machte mich zurück auf seiner Seite auf die Suche nach dem Cohn-Bendit hinter den vielen Bildern von Cohn-Bendit.

Bald dehnte, globalisierte ich meine Suche, denn viele Reden, Manifeste oder klare Konturen, konnte ich bei ihm selbst nicht entdecken. Die Reden spärlich, die Texte dünn. Herr Cohn-Bendit wird gern gefragt und gibt gerne Antwort. Und diese hier fand ich am erhellendsten:

Then what has primarily changed for you in the last forty years?

I’m forty years older. That’s for sure. Today I am no longer a completely unknown young man, but someone with a political history, integrated into a political system.

Er ist also angekommen. Bei sich selbst? Nein, in einem politischen System ist er integriert worden oder hat sich integriert. Der Mann, das ist mein Eindruck, macht jetzt im politischen System Brüssel Politik für das Brüsseler System – auch als EU-Parlament bekannt. Er weiß – das ist aktenkundig – unglaublich viel, streitet gerne, hat aber keine Zeit zu erklären, warum er Recht hat oder im Recht oder wenigstens in unserer Zukunft – sprich: Europa – schon jetzt angekommen ist.

Gibt es einen guten Grund, warum die Bürger für mehr Europa sein sollten?

Das ist immer so kompliziert zu erklären. Nehmen Sie den Euro. Wenn wir den Euro nicht hätten – was meinen Sie, wie viel schwerer es den Europäern fiele, die internationale Finanzkrise abzufedern, und wie viel stärker die Ungleichgewichte zwischen unseren Ländern heute wären und wie viel höher die Inflation. Da brauche ich eine halbe Stunde, bis ich das alles erklärt habe. Und dann kommt einer und sagt: Seit es den Euro gibt, ist alles teurer geworden. Ein Satz! Die Europa-Gegner haben es leicht. Bis ich ihn widerlegt habe, dass die Preise ohne den Euro noch stärker angestiegen wären, sind noch mal zehn Minuten vergangen.

Was legte Goscinny seinem gezeichneten römischen General in den Mund? „Alle sind so dumm und ich bin ihr Chef.“ (Asterix Bd.7). Der Satz stimmt aber nur zur Hälfte, denn Dany ist nicht der Chef – oder nur der Chef der Kleinen oder im Kleinen – und das ist für Dany anscheinend nur schwer zu ertragen. Wie schwer das zeigte sich in den Wochen vor und nach dem Irland Referendum:

Warum haben die Europäer lange so getan, als wäre Irland kein Risiko?

Weil sie blöd sind!

Als Bürger dieses Landes schüttele ich mich mehrmals und überlege, ob der Fragensteller Plebiszite, Volksabstimmungen, Volksbefragungen, Referenden per se für riskant hält? Und wer sind da die Europäer? Nur die in Brüssel oder wir alle inklusive der Iren? Verwirrend. Aber umso erschreckender die Antwort von Daniel Cohn-Bendit. Die Antwort hätte lauten müssen: Weil wir weltfremde und arrogante Pinsel geworden sind, die keine Idee und keine Vision haben, geschweige denn verkaufen können. Die Antwort lautet aber: Das Referendum hätte nie passieren dürfen, die Iren so nie gefragt werden dürfen, denn man wisse ja nicht zuletzt seit 2005, dass Referenden anders ausgehen können als gewünscht.

Es ist für Herrn Bendit anscheinend ärgerlich, in einer Demokratie, nein, nicht zu leben, das passt schon, vielmehr, dass hin und wieder das Volk befragt werden muss. Das ist unprofessionell oder wenigstens blöd. Der Königsweg aus so einem Dilemma ist natürlich, die Verfassung zu ändern, wie man es in Frankreich erfolgreich getan hat, um das Volk nicht mehr befragen zu müssen. Ich bin sicher, dass Dany die Bundesregierung und die politische Klasse in Deutschland für hochprofessionell hält und damit alles andere als blöd, weil sie nie vor hatte, das dumme Rindvieh von Volk muhen zu lassen.

Wenn ich jetzt wieder an die Schwarzweißfotos vom Dany und vom Rudi denke, vom frechen Studenten, der der Staatsmacht mit einem Lächeln trotzt, habe ich das Gefühl, irgend etwas muss passiert sein. Oder worum ging es denn vor vierzig Jahren?

Der größte Star der antiautoritären Bewegung war Ché Guevara, der einen ebenso radikalen wie autoritären Ansatz vertrat. Er wollte den „Neuen Menschen“ schaffen, und zwar mit Gewalt. Dabei wurde Ché mehr wie eine Pop-Ikone verehrt und diente als ein Objekt sexueller Projektion. Die Bewunderung für ihn, Mao Zedong oder Ho Tschi-minh – das waren doch alles Projektionen unseres Wunsches nach Emanzipation und Befreiung. Der Realitätsgehalt ihrer Texte und das, was sie wollten und taten, wurde nicht geprüft. Wir nahmen sie als Metaphern unserer Wünsche.

Mitbekommen? Nein? Na gut, dann noch einmal :

Ihr Ziel sei damals die „Eroberung der Freiheit“ gewesen. Heute hingegen mache die Welt den Menschen Angst. Es gehe jetzt eher um die „Eroberung der Sicherheit“.

und:

Seine Generation habe viele „Dummheiten“ gesagt und revolutionäre Phrasen gedroschen. Damit trage sie auch eine politische und moralische Verantwortung. Der „terroristische Wahnsinn“ von heute könne sich auf einiges berufen, was damals gesagt worden sei.

Na bitte. Es geht doch. Der junge Dany von 1968 erfand sich neu als französischer Guevara, entdeckte so die Freiheit – von allem und nichts – aber ein nicht unwesentlicher Teil dieser Befreiung hat das fruchtbare Ergebnis, mehr Sex zu bekommen. Es ging also vorrangig – mit Verlaub – ums Ficken. Der Rest von 1968 ist – wenn ich Bendits Worte richtig deute – nichts als dummes Geschwätz von sexvernebelten Kindsköpfen und Prahlhansens, die nichtsahnend terroristische Nattern zeugten, vor denen sie jetzt große Furcht und daher die Sehnsucht nach Sicherheit haben. Vielleicht adoptiert Herr Schäuble jetzt Herrn Bendit als seinen verlorenen Sohn? Egal wie, eines scheint Cohn Bendit beherzigt zu haben, dass eine gelungene Ikonisierung mehr erreicht als Worte und so steht Dany ja auch lässig wie ein Cowboy vor seiner Website: eine Ikone ohne Inhalt.

Dany Cowboy-Bendit müsste eigentlich nur begreifen, dass sein Europa so wenig Sex Appeal hat, wie Angela Merkels Dekollete. Es interessiert keine Sau. Danys Europa hat nichts zu bieten. Keine Vision, keine Antwort. Das doofe Volk, die blöden Iren voran, wollen anscheinend mehr als einen Bürokratenapparat, der nur dick machen kann. Während 1968 die Danys der Welt von der Straße aus die Welt verwandeln wollten und Tausende an ihrer Seite hatten, obwohl es bei Lichte gesehen grauenhaftes und nicht zu verstehendes Geschwurbel war, so wusste doch anscheinend jeder Dany und Depp, was mit diesem Aufstand und mit dieser Freiheit gemeint war, kurzum: damals gab es eine Vision, eine Idee. Das Europa, in dem Dany Cohn-Bendit sich hat integrieren lassen, ist eine gutgemeinte Kopfgeburt. Das Herz hat es nie berührt und nur so konnten sich erwachsene Menschen ernsthaft mit der korrekten Krümmung der Gurke beschäftigen als auch – wie Herr Stoiber in diesen Tagen – mit der Befreiung der Gurke von der Gurkenkrümmungsnorm.

Sie (Anm.: Lothar Späth) haben also recht in Ihrem Gespür: Wir müssen den plebiszitären Politikern eine Möglichkeit geben, über die Wahlverhältnisse hinaus bei bestimmten Entscheidungen zu sagen: „Mir ist die Koalition scheißegal, ich stelle meine Politik dem Plebiszit.“ Das kann im Mehrheitswahlrecht wie im Verhältniswahlrecht sein. Damit könnte ich mich einverstanden erklären. Das Mehrheitswahlrecht aber wirkt meiner Meinung nach demokratie-reduzierend. Das können Sie in Frankreich heute tagtäglich sehen, und ich glaube, daß in Amerika im Moment die Gefahr so formuliert wird, daß nur 47 Prozent der Menschen wählen. 47 Prozent ist ja nicht gerade demokratiefördernd.

Ob sich DCB noch heute mit dieser Aussage von 1993 identifizieren oder einverstanden erklären könnte? Im Falle der Iren wohl nicht.

2 Responses to Wackelpudding

  1. Ruben Ballutschinski says:

    Und er erinnert sich doch:

    [quote] „Nein, ich bin mit einer Vorlaufzeit von ein, zwei Jahren für ein Referendum, das nach der weiteren Integration der EU fragt. Und wer dann nein sagt, ist eben draußen. Punkt.“[/quote]
    link: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,563726,00.html

    Das, lieber Cohn-Bendit, ist überzeugender, richtiger, als ein überall irgendwie durchgewurschtetes Konstrukt. Das klingt nach richtigem Cowboy, Showdown, „Hic Rhodos hic salta“ und nach Überzeugung.

    Warum aber dann noch die Iren verteufeln, wenn sie dem Durchmogeln ein Ende gesetzt haben? Das Nein der Iren war höchste Eisenbahn, nachdem man die Franzosen und Engländer mundtot gemacht hatte. Es bleibt bei mir daher der fade Beigeschmack, dass Cohn-Bendit vielleicht überrascht, aber allemal hoch zufrieden gewesen wäre, wenn die Iren die Demokratie in Europa mit einem Ja begraben hätten.

    Wer Europa haben will, muss den Mut haben zu springen und darf sich nicht mit verfassungsrechtlichen Winkelzügen in einem ungeliebten, europäischen Haus verbarrikadieren, weil er Angst vor dem eigenen Volk hat. Wer das macht, hat schon verloren – fragt Ludwig.

    Hoffentlich verschanzt sich Cohn-Bendit bei nächster Gelegenheit nicht wieder und wartet erstmal ab ob es auch klappt, wenn das Volk nicht befragt wird.

  2. Was passierte in den Jahren –
    von Konstantin Wecker (1984 erstveröffentlicht)

    Wie du doch das Treiben satt hast!
    Immer wirft dich diese Flut …

    Lieber Martin,
    das Lied ist noch unter Copyright und insofern darf der Text hier nicht stehen. Ich habe das jetzt verlinkt, so kann man nachlesen und erkennen, was du meinst.
    Beste Grüße
    Der Admin.

    Siehe da: http://www.wecker.de/cgi-bin/cgi_lieder1?id=97&ok

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