Fettes Gymnasium

Hmm, bin ich doch zu früh gegangen, wurde auf der konstituierenden Stadtverordnetenversammlung doch noch über den neu zu vergebenden Straßennamen abgestimmt? Oder hat man das später im Partykeller vom Bürgermeister verhandelt? Irgendwie so muss es wohl gewesen sein, denn anlässlich des 100. Geburtstags von Fette bekam der Aufsichtsratsvorsitzende der Leitz Metalworking Technology Group nur um Tage verspätet zum 69. Geburtstag von Bürgermeister Ruppert eine Straße geschenkt. So etwas bekommt man auch nicht alle Tage.

Nein, im Ernst, einen Straßennamen gab es, die Straße selbst muss hier bleiben. Das ist trotzdem nett, wieviele lebende Aufsichtsräte in Amt und Würden haben so etwas schon? Nun hat Schwarzenbek ganz sicher der Firma Fette Vieles zu verdanken, wer wollte da also beckmessern? Allerdings staunte ich, dass es keine „Wilhelm-Fette-Straße“ wurde und auch der Standort wunderte mich, schließlich hätte es aus meiner Sicht im wahrsten Sinne des Wortes naheliegendere Straßen gegeben:

Wohin mit der Krachmacherstraße?

Aber schlagartig wurde mir klar, dass der Bürgermeister wahrscheinlich schon wieder zwei Schritte weiter ist. Auch wenn zunächst befremdlich scheint, dass die Straße, an der das örtliche Gymnasium liegt, ausgerechnet nach einem Manager benannt wird, muss man doch anerkennen, dass Schwarzenbek ohne fette, Verzeihung: Fettes Steuerzahlungen in den nächsten 25 Jahren außer dem Gymnasium gar nichts bezahlen könnte, vermutlich nicht einmal das. Insofern ist das ein Gymnasium von Fettes Gnaden und nur über Herrn Dr. Brucklacher führt der Weg dahin. Der Straßenname ist also mehr als passend gewählt.

Und der zweite Schritt scheint mir auch zwangsläufig: Das Gymnasium Schwarzenbek hat noch immer keinen Namen! Auch hat es mit Europa kaum etwas zu tun, als Europaschule verfügt es weder über ein entsprechendes Curriculum, noch über ein sprachliches Oberstufenprofil. Die weiteren Standorte der Firma Fette liegen auch nicht in Europa, sondern in China und Indien und dort wird in den seltensten Fällen Französisch oder Latein gesprochen (habe ich mir sagen lassen). Allerdings verfügt man über zwei naturwissenschaftliche Profile und wird in Zukunft ja auch viel mehr als bisher in der Berufsvorbereitung leisten müssen. Was liegt also näher, als das Gymnasium nach dem zu benennen, der es im übertragenen Sinne bezahlt?

Und richtig: Als ich heute morgen dort vorbeifuhr, sah ich mich sofort bestätigt. Zwar blendete mich die Sonne sehr, aber das Bild war zumindest vor meinem geistigen Auge ganz deutlich:

Endlich mit Eigennamen!?

2 Responses to Fettes Gymnasium

  1. Ruben says:

    Hallo Mattes,

    nachdem ich Deine Notizen aus der Provinz gelesen hatte, musste ich mich bei Wikipedia versichern, ob es diesen Ort wirklich gibt und er nicht Deiner Phantasie entsprungen ist. Natürlich googlete ich auch Fette und Brucklacher und wurde erneut enttäuscht: Schwarzenbek, Fette und Dieter Brucklacher gibt es und alle leben genauso quietschfidel und hammerhart wie der Dieter aus Tötensen und genau das macht mir Angst.

    Wieviele Schwarzenbeks gibt es in Deutschland? Ich hoffe es ist einzigartig, aber ich fürchte Schwarzenbek ist eine deutschlandweit globalisierte Kleinstadt in der Schüler nicht zur Schule gehen, sondern unbezahlte Claqeure für noch billigere Rathauspuffmütter spielen müssen – ohne Aussicht Superstar oder Kreismeister werden zu dürfen.

    Aber vielleicht ist Schwarzenbek einfach nur clever? Wer kein Stadion an die Sparkasse oder an die Allianz verkaufen kann, vertickt halt sein Gymnasium und seine Straßen meistbietend? Warum nicht?

    Fette Education Arena statt Schule. Modern Talking Kolosseum – ähh – Colluseum statt Rathaus. Wer soll sich denn darüber noch aufregen, wenn alle nur noch da sind , um auf sich aufmerksam zu machen?

    Bedeutungsgeil güßt ein Lebendiger auf namenloser Straße.

    Ruben Ballutschinski.

  2. Salgmann, Martin says:

    Hallo Herr Borchelt,
    man muss – was der Natur der Sache entspricht – inhaltlich nicht immer Ihrer Meinung sein. Aber Ihre Artikel zu lesen, ist immer ein Genuss. Ihr Schreibstil hat etwas Besonderes und macht als Lektüre einfach Spaß.
    Insbesondere sprechen Sie mir mit dem Artikel „Fettes Gymnasium“ aus dem Herzen. Eine Benennung nach einer lebenden Person ist mehr als ungewöhnlich, auch wenn ich hier keine Verdienste in Abrede stellen möchte. Und nach Wilhelm Fette an einem anderen Ort wäre auch nachvollziehbar gewesen.
    Da werden Eiltentscheidungen zu ‚Einsamen Entscheidungen‘.
    Viele Grüße
    Martin Salgmann

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